Nun hätten wir das Recht auf Mitbestimmung durch demokratische Wahlen erreicht, doch das Interesse, politische Nachrichten zu verfolgen, ist gering. Der Trend der Verweigerung politischer Informationen wird im Buch Verweigerer Leben ohne Politik von Nina Werlberger wissenschaftlich aufgearbeitet.
Bei den Nationalratswahlen 2008 lag die Wahlbeteiligung bei lediglich 78%. Doch was denken und wollen die restlichen 22%? Nina Werlberger geht den VerweigererInnen von politischen Informationen auf die Spur, denn in Österreich wird diese Verweigerung immer mehr zu einem Massenphänomen. Werlberger zur Folge hängt dies auch mit den heimischen Medien zusammen, die in einem großen Glaubwürdigkeitsdilemma stecken. Die Medien versuchen immer aufdringlicher um Quoten zu kämpfen, während PolitikerInnen immer weniger gewillt sind, klare Botschaften zu transportieren. Doch wer sind sie nun diese Politik-VerweigererInnen und desinteressierten Personen? Werlberger versucht diese Frage mit folgender Kernthese zu erforschen: JedeR BürgerIn kann unter bestimmten Umständen einE VerweigererIn von politischen Informationen sein. Sie versucht die Theorie zu untermauern, indem sie Gründe und Motive findet, weshalb Menschen politische Nachrichten ignorieren und wie diese zu charakterisieren sind. Es gäbe VerweigererInnen von politischer Information, die sich einerseits durch politische Apathie, andererseits durch politische Entfremdung auszeichnen. Eine Differenzierung zwischen der Verweigerung von politischer Information und der Verweigerung von Medienkonsum ist laut Werlberger besonders wichtig.
Desinteressiert, aber nicht apolitisch
Ferdinand Karlhofer, Universitätsprofessor an der Universität Innsbruck, erklärt in seinem Vorwort, warum diese Verweigerung nicht einfach als solche hingenommen werden kann. Würde diese Gruppe auch Wahlen fernbleiben, so gäbe es schon bald ein demokratisches Legitimierungsproblem. Weiters weist er darauf hin, dass Personen, die sich der medialen Berichterstattung politischer Inhalte zu entziehen versuchen, nicht automatisch unpolitisch sein müssen. Auf bestimmte Themen wird sehr wohl mit Interesse reagiert, abstoßend wird eher die Form der Präsentation empfunden.
Werlbergers mehrmethodische Erhebung durch Interviews und Umfragen fokussiert auf den Beobachtungsraum Nordtirol, den sie vermutlich aufgrund ihrer Herkunft gewählt hat. Die Studie wird durch ausführliche Einblicke von bedeutenden MedienmacherInnen ergänzt. So bieten umfangreiche Interviews beispielsweise mit Armin Wolf vom ORF oder der Motivforscherin Helene Karmasin den LeserInnen interessante Einblicke in die politische Medienwelt Österreichs. Zusätzlich dazu finden sich in der Replik weitere Stellungnahmen in Form von Interviews mit VertreterInnen österreichischer Parteien, die in diesem Zusammenhang ihre Position präsentieren.
DEN/DIE PolitikverweigererIn
Das Stichwort Politikverdrossenheit wird seit langem gesellschaftlich diskutiert. Nun versucht Nina Werlberger dieses Desinteresse an politischer Berichterstattung durch qualitative und quantitative Methoden zu fassen. In ihrer Analyse versucht sie, ein umfassendes Persönlichkeitsbild der VerweigererInnen zu zeichnen. Dabei verwendet sie die Faktoren Alter, soziales Umfeld, Gender, Bildung und politische Präferenzen. Die Journalistin hält eingangs fest, dass es keinen einheitlichen Typus von VerweigererInnen gibt und sich dieses Phänomen durch alle soziale Schichten und Generationen zieht. Dennoch gibt es bestimmte Merkmale, bei deren zutreffen Verweigerung besonders häufig vorkommt. Allzu plakative Aussagen wie Desinteresse ist jung und weiblich oder Verweigerer sind Familienmenschen sollten jedoch gut eingebettet werden, da es ansonsten zu Vorurteilen und Klischees kommt, die von der Gesellschaft aufgegriffen werden und individuelle Wahrnehmungen stark beeinflussen können.
Ergebnisse: Abstoßende Themen für TirolerInnen
Im Laufe der Forschung bearbeitete Werlberger verschiedene Fragenkomplexe. Einer davon widmete sich den TirolerInnen und den Themen, die sie (nicht) ansprechen. In ihrer Befragung konnte Werlberger 19 Kategorien von Antithemen festmachen. Die am häufigsten als negativ wahrgenommenen Themenkomplexe waren Parteipolitik, Streit und Zwist. Zusätzlich befragte Werlberger die TirolerInnen nach Themen, die ihnen in der Berichterstattung fehlen. Hierbei entpuppte sich eine enorme Spannweite an Themen, an deren erster Stelle sich das Thema Umwelt gefolgt von Arbeit befand. Die ausführliche methodische Bearbeitung ermöglichte detailreiche Ergebnisse, die für so manche Tiroler Partei von Interesse sein könnte.
Fazit
Auch wenn manche Darstellungsversuche mit gewisser Vorsicht zu genießen sind, so ist das Buch im gesamten durch die gute und klare Aufarbeitung der Forschung überaus lesenswert. Besonders der Anhang mit der genauen Aufschlüsselung der Ergebnisse und einigen Zitaten aus Interviews macht die Arbeit nachvollziehbar.

Nina Werlberger (Hrsg. 2009): Verweigerer Leben ohne Politik. Innsbruck: Studienverlag, ISBN 978-3-7065-4873; 172 Seiten.
Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum und studiert internationale Entwicklung und Bildungswissenschaften an der Universität Wien.