‚Umwelt‘ im Spannungsfeld wirtschaftlichen Wachstums und gesellschaftlicher Entwicklung (V)

In einer fünfteiligen Serie erörtert der Autor Zusammenhänge von
Wachstum, Umwelt und Entwicklung. Teil V: Handlungsüberforderung oder
Grund zur Hoffnung?
Die internationale Klimapolitik steht vor dem klassischen ökonomischen Problem der Bereitstellung eines (globalen) öffentlichen Gutes; spieltheoretisch handelt es sich um eine Situation, die dem Gefangenen-Dilemma gleicht, wobei klar sein sollte, dass sich beliebig Beispiele finden lassen, die sich mit diesem Modell nicht abbilden lassen. Dieses Modell für "EinsteigerInnen", das in untenstehendem Diagramm graphisch dargestellt ist, zeigt aber, warum internationaler Klimaschutz selbst dann nicht so einfach ist, wenn alle Beteiligten "guten Willens" sind.

In diesem (theoretischen) Fall betragen die Kosten für Klimaschutz 10 Geldeinheiten (GE), die sich beide Länder hälftig teilen oder alleine zu tragen haben. Wenn Klimaschutz stattfindet, entstehen je Land 6 GE "Gewinn", unabhängig davon, ob ein Land zuvor in Klimaschutz investiert hat oder nicht.

Ein Beispiel: Investiert Land A, Land B aber nicht, so entstehen Land A Kosten in Höhe von 10 GE und ein Gewinn von 6 GE, insgesamt also ein Verlust von 4 GE; Land B hat keine Kosten, dafür aber einen Gewinn von 6 GE (Feld 2 der Matrix). Dieser Effekt tritt in der Praxis dann ein, wenn die erzielbaren Effekte nicht lokal oder regional beschränkt werden können, wie z.B. bei der Reduzierung von CO2-Emissionen. Diese werden z.B. in Europa im Rahmen des Zertifikathandels reduziert, die Effekte bleiben aber nicht auf Europa beschränkt.

Beteiligen sich hingegen beide Länder am Klimaschutz entstehen jeweils Kosten von 5 GE und somit ein Nettogewinn von jeweils 1 GE (Feld 1 der Matrix); findet gar kein Klimaschutz statt, so ändert sich am Status quo nichts (Feld 4 der Matrix).

Beide Länder stehen nun vor der Entscheidung, in den Klimaschutz zu investieren (Strategie z -> Zusammenarbeit) oder nicht zu investieren (Strategie v -> Verweigerung). Müssen beide Länder ihre Entscheidung ohne bindende Regeln und ohne die Möglichkeit der Absprache treffen, ist für beide Länder die Strategie der Verweigerung (v) die dominante Strategie, da hier die größten Gewinne, nämlich 6 GE, erzielt werden könnten.

Um dies an obigem Beispiel zu verdeutlichen: Land A entscheidet sich für CO2-Reduzierungen und belastet die heimische Wirtschaft z.B. durch Steuern, Zertifikate oder dergleichen, Land B entscheidet sich dagegen. Land A trägt die alleinigen Kosten, die unter Umständen erzielbaren Effekte einer langsamer steigenden CO2-Konzentration werden aber nicht nur in Land A eintreten, sondern überall.

Da Land A nicht weiß, ob sich Land B für oder gegen Klimaschutz entscheiden wird, ist es für A in jedem Fall besser, selbst nicht zu investieren, da A im günstigsten Fall (B investiert) einen Gewinn von 6 GE erzielt, im ungünstigsten Fall (B investiert nicht) nichts passiert.

Sollte sich A überlegen zu investieren, so entsteht im günstigsten Fall (B investiert ebenfalls) ein Gewinn von 1 GE, im ungünstigsten Fall (B investiert nicht) entsteht hingegen ein Verlust von 4 GE.

Im Ergebnis ist es also für beide Länder lohnender, nicht in Klimaschutzmaßnahmen zu investieren, sodass es nicht zum Klimaschutz kommen wird.


z: Kooperation v: Verweigerung

Daher kann der internationale Klimaschutz nur in einer kooperativen Form erfolgreich sein, dem ein Regelwerk zugrunde liegen muss; das beste Beispiel hierfür ist das Kyoto-Protokoll.

Insgesamt lässt sich allerdings festhalten, dass trotz der Gefangenen-Dilemma-Problematik im globalen Klimaschutz Grund zur Hoffnung besteht. Hierfür lassen sich mehrere Argumente anführen:

1. War die Entwicklung in den 1970er Jahren (trotz den Auswirkungen der Ölkrisen) für Großteile der Bevölkerung nicht greifbar, sind die globalen Veränderungen heute für jedermann sehr deutlich sichtbar, wodurch zumindest in den westlich geprägten Industriestaaten ein geändertes individuelles commitment geschaffen wird. JedeR ist BetroffeneR und VerantwortlicheR zugleich und daher auch bereit, (finanzielle) Opfer für die ‚gute Sache‘ zu erbringen; so zeigen Studien der experimentellen Ökonomik z.B. eine gewisse Präferenz für (teureren) ‚Öko‘-Strom. Zudem entsteht durch die zunehmende öffentliche Anteilnahme ein gewisser Handlungsdruck auf die Regierungen, auch tatsächlich etwas zu bewegen und sich um funktionierende Kooperationen zu bemühen. Beispiele für Kooperationen, internationale Netze u.ä. gibt es zahlreiche; neben der hier bereits genannten IEA und IPCC z.B. das United Nations Environment Programme (UNEP) oder United Nations Framework Convention on Climate Change (UNFCCC).

2. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass die Gefangenen-Dilemma-Problematik auf internationaler Ebene überwunden werden kann. Als Beispiel wird in diesem Zusammenhang gerne auf Ozone Story verwiesen. Nach der Entdeckung hat das wissenschaftliche "bohren dicker Bretter" maßgeblich dazu beigetragen, internationale politische Verhandlungen anzustoßen. Das Ergebnis war, dass die FCKW-Produktion von Ende der 1980er Jahre jährlich etwa 1,3 Mio. Tonnen auf heute ca. 100.000 t gesunken ist, sich das Ozonloch langsam stabilisiert und erwartet wird, dass es sich bis zum Jahr 2050 vollständig zurückgebildet hat.

3. Energieeffiziente Technologien stellen eine Schlüsseltechnologie für die Zukunft dar. Hierbei handelt es sich nicht nur um effizientere Solar-, Wind- oder Wasserkraftanlagen, sondern auch um Innovationen bei der konventionellen Energieerzeugung (höhere Wirkungsgrade bei Kohlekraftwerken, geringerer Verbrauch bei PKW etc.) oder der CO2-Sequestrierung. Aus volks- wie betriebswirtschaftlicher Sicht ist wichtig, hier weltweit eine Vorreiterrolle einzunehmen, um künftig den first-mover-advantage auszunutzen und entsprechende Innovationsrenten abzuschöpfen. Aus Sicht des Staates ist es wichtig, mittels ordnungs- und strukturpolitischer Maßnahmen die notwendigen Anreize zu setzen.


Referenzen

Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (2006): Klimaschutz lohnt sich Das Kyoto-Protokoll umsetzen und ausbauen, Berlin

Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (2006a): Nationaler Allokationsplan 2008-2012 für die Bundesrepublik Deutschland, Berlin

Bradfort, D.F. et al. (2000): The Environmental Kuznets Curve Exploring a fresh Specification, CESifo Diskussionspapier Nr. 367, München

Carlowitz, H.C. v. (1711/2000): Sylvicultura Oeconomica: Anweisung zur Wilden Baumzucht; Reprint der Originalausgabe; bearbeitet von
K. Irmer und A. Kießling, Freiberg

Cortekar, J. (2007): Glückskonzepte des Kameralismus und Utilitarismus Implikationen für die moderne Umweltökonomik und Umweltpolitik, Marburg

Cortekar, J. et al. (2006): Die Umwelt in der Geschichte des ökonomischen Denkens, Marburg

Costanza et al. (1997): An Introduction to Ecological Economics, Boca Raton

Endres, A. (2000): Umweltökonomie, 2., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage, Stuttgart

Europäische Kommission (2006): Gesunde Menschen in einer gesunden Umwelt Umwelteinflüsse auf die Gesundheit, Luxemburg

European Environment Agency (EEA) (2005): Environment and Health, EEA Report 10/2005, Kopenhagen

Grimm, J./Grimm, W. (1936/1991): Deutsches Wörterbuch, Band 23, U Umzwingen, bearbeitet von V. Dollmayr, München (Original: Leipzig)

Hübler, M./Klepper, G. (2007): Kosten des Klimawandels Die Wirkung steigender Temperaturen auf Gesundheit und Leistungsfähigkeit, Frankfurt am Main

Intergovernmental Panel on Climate Change (2001): Climate Change 2001 Synthesis Report, Genf (ebenfalls: https://www.ipcc.ch/activity/tar.htm)

International Energy Agency/Organisation of Economic Cooperation and Development (IEA/OECD) (2005): CO2 Emissions from Fuel Combustion, Paris

Luhmann, N. (1986): Ökologische Kommunikation. Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen, Opladen

Malthus, T.R. (1798/1973): An Essay on the Principle of Population, mit einer Einleitung von T.H. Hollingsworth, London

Meadows, D.H. et al. (1972): The Limits to Growth, London

Meadows, D.H. et al. (2004): Limits to Growth The 30-Year Update, White River Junction (Vt.)

Mill, J.S. (1909): Principles of Political Economy, London

Mishan, E.J. (1977): The Economic Growth Debate, London

Perrings, C. (1998): Income, Consumption and Human Development Environmental Linkages, New York

Pigou, A.C. (1921): The Economics of Welfare, London

Sachverständigenrat für Umweltfragen (1978): Umweltgutachten 1978, Bonn

Siebert, H. (2005): Economics of the Environment Theory and Policy, 6. Auflage, Berlin

Smith, A. (1776/1976): An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations, 1. Band. In: Campbell, R.H./Skinner, A.S. (Hrsg.),
The Glasgow Edition of the Works and Correspondence of Adam Smith, Oxford

Stern, N. (2007): Stern Review: The Economics of Climate Change, Cambridge

Venkatachalan, L. (2007): Environmental Economics and Ecological Economics: Where they can converg? In: Ecological Economics, Band 61 (2/3), S. 550-558

World Commission on Environment and Development (1987): Our Common Furture, Oxford

Wicke, L. (1993): Umweltökonomie, 4., überarbeitete, erweiterte und aktualisierte Auflage, München

Der Autor ist ehem. wissenschaftlicher Mitarbeiter am Arbeitsbereich
Umwelt- und Ressourcenökonomik der Georg-August-Universität Göttingen.
Forschungsschwerpunkt war die Mensch-Umwelt-Beziehung in historischer
Betrachtung. Die Forschungsergebnisse sind in der Dissertationsschrift
dargestellt: Jörg Cortekar (2007): Glückskonzepte des Kameralismus und
Utilitarismus Implikationen für die moderne Umweltökonomik und
Umweltpolitik. Marburg.

Veröffentlicht in Entwicklungspolitik.