‚Umwelt‘ im Spannungsfeld wirtschaftlichen Wachstums und gesellschaftlicher Entwicklung (III)

In einer fünfteiligen Serie erörtert der Autor Zusammenhänge von
Wachstum, Umwelt und Entwicklung. Teil III: ‚Umwelt‘
Wachstum Entwicklung: Einflussfaktoren und empirischer Befund.
Die Begriffe ‚Umwelt‘ Wachstum Entwicklung stehen für die Kernelemente des so genannten Brundtland Reports "Our Common Future" aus dem Jahr 1987. Dabei handelt es sich um den Abschlussbericht der World Commission on Environment and Development (WCED) (sog. Brundtland Kommission), die im Jahr 1984 von der UN eingesetzt worden ist, um einen Perspektivbericht für die Gestaltung der Zukunft bis in das Jahr 2000 und darüber hinaus zu entwickeln.

Alleine im Zeitraum der Arbeit der Brundtland Kommission von Oktober 1984 bis zur Veröffentlichung des Berichts im April 1987 haben verschiedene Großereignisse stattgefunden, die Interdependenzen zwischen ‚Umwelt‘, Wachstum und Entwicklung verdeutlichen; sie verdeutlichen ferner, dass alle Regionen gleichermaßen betroffen werden können. Erinnert sei an die Dürrekatastrophe in Afrika, der über 1.000.000 Menschen zum Opfer fielen (weitere 35.000.000 Menschen waren betroffen), der GAU von Tschernobyl oder die Verschmutzung des Rheins mit Düngemitteln und Quecksilber in Folge des Brandes einer Chemiefabrik in Basel, wodurch der Fischbestand im Rhein und die Grundwasserversorgung in Deutschland und den Niederlanden schwer beeinträchtigt wurden.

Neu sind solche Phänomene freilich nicht. Bereits in früheren Phasen hat der Mensch im Rahmen der gegebenen technischen Möglichkeiten Einfluss auf seine Umwelt genommen, was zu (in-) direkten Rückkopplungen geführt hat. Neu sind hingegen Häufigkeit und Ausmaß solcher Ereignisse. Wer erinnert sich nicht an das Jahrtausendhochwasser an der Elbe 2002 (Schaden allein in Deutschland etwa 15 Mrd. Euro), Hurrikan Katrina 2005 (Schaden etwa $ 81 Mrd. US ≈ 60 Mrd. Euro) oder Kyrill im Frühjahr 2007 (Schaden ca. 10 Mrd. Euro)? In der Zwischenzeit besteht auch kein Zweifel mehr daran, dass der Mensch mit seiner Einflussnahme auf die Biosphäre mit Schuld an dieser Entwicklung ist. Welche Beziehungen bestehen nun aber zwischen Umweltnutzung, wirtschaftlichem Wachstum und gesellschaftlicher Entwicklung?

Diese Frage lässt sich wenn überhaupt nicht in der gebotenen Kürze beantworten, weshalb hier lediglich einige "Hinweise" gegeben werden sollen. Es lassen sich grundsätzlich drei Dimensionen feststellen, die den Grad der ‚Umwelt‘-Nutzung positiv und/oder negativ beeinflussen:

Entwicklungs-
bedingte Faktoren Sozio-
ökonomische
Faktoren Wirtschaftssystem-
bezogene Faktoren+Bevölkerungswachstum +Verstädterung (Bildung
von Hot Spots)
+Wirtschaftswachstum +umwelt(un)günstiger
technischer Wandel +öffentliches Gut
+externe Effekte
+menschliches Verhalten+zentralistisch-
sozialistische Staaten
+marktwirtschaftlich-
demokratische StaatenQuelle: eigene Darstellung in Anlehnung an Wicke, L. (1993): Umweltökonomie, 4., überarbeitete, erweiterte und aktualisierte Auflage, München, S. 28

Zwischen diesen Faktoren bestehen freilich z.T. interdependente Zusammenhänge, so dass sich die einfache Feststellung, wirtschaftliches Wachstum führe zu steigender ‚Umwelt‘-Verschmutzung in dieser Absolutheit heute nicht mehr aufrechterhalten lässt. Zwar wurde zu Beginn der 1990er Jahre ein empirischer Zusammenhang zwischen dem (wirtschaftlichen) Entwicklungsstand eines Landes (i.d.R. gemessen am Bruttoinlandsprodukt) und der Umweltqualität festgestellt, der sich durch die so genannte ‚Umwelt‘-Kuznets-Kurve ausdrücken lässt.


Quelle: eigene Darstellung

Deutlich wird, dass die Umweltbeanspruchung bis zu einem bestimmten Punkt zunimmt (die Umweltqualität also abnimmt) und erst danach zu sinken beginnt. Begründet wurde dies in der Regel mit einem effizienteren Einsatz von Ressourcen (weniger Ressourcen für dieselbe Produktionsmenge) sowie der Nutzung umweltschonender Technologien in weiterentwickelten Volkswirtschaften.

Ein Beispiel für diesen Sachverhalt findet sich bei dem Vergleich der beiden deutschen Staaten zur Mitte der 1980er Jahre. Obwohl die Pro-Kopf-Produktion und der Konsum in der Bundesrepublik ein Vielfaches höher als in der DDR waren, war der Pro-Kopf-Energieverbrauch in der DDR 20 % höher als in der Bundesrepublik. Es finden sich allerdings auch Beispiele, die eine Gegenposition stützen und in denen der technische Fortschritt nicht zu einem schonenderen Umgang mit der ‚Umwelt‘ führt, sondern Schadstoffeinträge überhaupt erst bedingt; aktuelle Forschungsergebnisse kommen nämlich zu dem Ergebnis, dass der Zusammenhang im Sinne der ‚Umwelt‘-Kuznets-Kurve bei einigen Umweltindikatoren (z.B. bei SO2-Immission) zutreffend ist, bei anderen hingegen zeigen sich in Abhängigkeit vom zeitlichen und räumlichen Externalisierungsgrad, unmittelbarer gesundheitlicher Rückbetroffenheit etc. eher monoton steigende (z.B. CO2-Emissionen. Wobei hier in den letzten Jahren für einzelne Länder eine Umkehrung der Tendenz erkennbar ist; wodurch letztlich das insgesamt diffuse Bild bestätigt wird) oder monoton fallende Kurvenverläufe (z.B. Nutzung verbleiter Kraftstoffe).

Ein tieferer Einstieg in diese vielschichtigen Zusammenhänge soll hier nicht vorgenommen werden, es scheint aber wohl so zu sein, dass es heute keinen statistisch sicher nachweisbaren allgemeingültigen Zusammenhang (weder in Längs- noch in Querschnittsanalysen) zwischen Umweltqualität und Wirtschaftskraft gibt und hier noch weitere Faktoren eine Rolle spielen, die sich nicht in der Determinante "wirtschaftliche Entwicklung" wieder finden.


Lesen Sie am 16. Mai 2008 im vierten Teil der Serie: Betroffenheit und Folgen des Klimawandels.

Der Autor ist ehem. wissenschaftlicher Mitarbeiter am Arbeitsbereich
Umwelt- und Ressourcenökonomik der Georg-August-Universität Göttingen.
Forschungsschwerpunkt war die Mensch-Umwelt-Beziehung in historischer
Betrachtung. Die Forschungsergebnisse sind in der Dissertationsschrift
dargestellt: Jörg Cortekar (2007): Glückskonzepte des Kameralismus und
Utilitarismus Implikationen für die moderne Umweltökonomik und
Umweltpolitik. Marburg.

Veröffentlicht in Entwicklungspolitik.