‚Umwelt‘ im Spannungsfeld wirtschaftlichen Wachstums und gesellschaftlicher Entwicklung (II)

In einer fünfteiligen Serie erörtert der Autor Zusammenhänge von
Wachstum, Umwelt und Entwicklung. Teil II: Eine kurze historische Einführung.

Die Erkenntnis, dass die Nutzung der natürlichen Ressourcen nicht ohne Auswirkungen für Wachstum und Entwicklung von Gesellschaften sind, ist keine originäre Erkenntnis der ÖkonomInnen des 20. Jahrhunderts. Bereits viel früher finden sich Hinweise auf naturzerstörende Eingriffe des Menschen in seine Umgebung; verwiesen sei auf Passagen in Platons "Kritias" und Sophokles "Antigone", in denen naturräumliche Veränderungen und deren Rückwirkungen auf die Menschen beschrieben werden.

Nur weil diese u.U. lokale oder regionale Grenzen nicht überschritten haben, bedeutet nicht, dass die Wirkungen weniger katastrophal für Mensch und Gesellschaft gewesen sind. Erste Hinweise einer wissenschaftlichen Reflexion solcher Effekte finden sich in den forstwissenschaftlichen Abhandlungen des frühen 18. Jahrhunderts, namentlich in Hannß Carl von Carlowitz "Sylvicultura Oeconomica". In diesem Werk, das im Übrigen die Grundlagen der Nachhaltigkeitsidee legt, werden die Auswirkungen einer anthropogenen Umweltübernutzung auf die wirtschaftlichen und sozialen Entwicklungsmöglichkeiten der Gesellschaft angesprochen.

Ähnliche Argumente finden sich später ebenfalls bei Smith, Malthus und Mill, die keinen Zweifel haben, dass es schließlich die natürlichen Ressourcen sein werden, die ein unbegrenztes Wachstum limitieren und die Entwicklung der Gesellschaft(en) in einen stationary state münden. Mit dem Übergang von Klassik zur Neoklassik ab den 1860er Jahren änderte sich der methodische Zugang wirtschaftswissenschaftlicher Analysen, so dass der Gegenstandsbereich ‚Umwelt‘ weitestgehend aus dem Betrachtungshorizont verschwand.

Dies sollte sich erst im geistigen Klima und vor dem Hintergrund realhistorischer Entwicklungen in den 1970er Jahren ändern. Zu diesem Zeitpunkt erlebte die ‚Umwelt‘ eine wahre Renaissance in der scientific community. Hier spielen dann unterschiedliche Faktoren eine Rolle. Gern werden Aufnahmen der Erde aus dem Weltall bemüht, denen nachgesagt wird, sie hätten zu einer grundlegend veränderten Betrachtung der Erde geführt.

Der Bericht des Club of Rome "The Limits to Growth" mahnte 1972, dass die Grenzen wirtschaftlicher Entwicklung und Wachstum von naturbedingten Einschränkungen abhängig seien, wie z.B. Absorptionsfähigkeiten in Form zunehmender Umweltverschmutzung und die grundsätzliche, wirtschaftliche Verfügbarkeit von Rohstoffen. Ob der Bericht indes ohne die realen Ereignisse z.B. in Form der ersten Ölkrise 1973 eine ebensolche Breitenwirkung erzielt hätte, sei dahingestellt. Es finden sich weitere Werke, die in den 1970er Jahren entstanden sind und auf die unmittelbar bevorstehende Apokalypse hinweisen; Wachstum von Wirtschaft und Weltbevölkerung müsse verlangsamt werden, sonst würde der "Karren wohl bald vollends vor die Wand gefahren".

Ausdruck dieser Einschätzung ist z.B. Ezra J. Mishans Beitrag "The Economic Growth Debate", in dem er die fundamentalen Disharmonien zwischen Wirtschaftswachstum und dem, was in philosophischer Terminologie als das "gute Leben" bezeichnet würde, aufzuzeigen.

Ohne das heute leicht hysterisch anmutende Geschrei der 1970er Jahre überzubewerten schließlich ist die Welt noch nicht untergegangen kann speziell für diese Dekade aber eine grundsätzlich gestiegene Sensibilität hinsichtlich der ‚Umwelt‘ auf politischer, akademischer und gesellschaftlicher Ebene festgestellt werden. Auf politischer Ebene findet dies ihren Ausdruck etwa mit der Etablierung des Sachverständigenrates für Umweltfragen seitens der Deutschen Bundesregierung; es ist im Übrigen eben dieser Rat, der ein gestiegenes Umweltbewusstsein in der Bevölkerung zwischen 1970 und 1977 bescheinigt.

Für den Bereich der Wissenschaft lässt sich feststellen, dass verschiedene Disziplinen neue Forschungsprogramme mit explizitem Umweltbezug auflegen. Verwiesen werden soll hier lediglich auf zwei Beispiele: für die Ökonomik auf die bereits zuvor erwähnten Subdisziplinen Umwelt- und Ressourcenökonomik sowie die Ökologischen Ökonomik; für die Geschichtswissenschaften auf die umwelthistorische Forschung, die z.B. an den Universitäten in Göttingen (Graduiertenkolleg Interdisziplinäre Umweltgeschichte) und Klagenfurt (Zentrum für Umweltgeschichte) oder in Form der European Society for Environmental History institutionalisiert ist.


Lesen Sie am 9. Mai 2008 im dritten Teil der Serie: ‚Umwelt‘ Wachstum Entwicklung: Einflussfaktoren und empirischer Befund

Der Autor ist ehem. wissenschaftlicher Mitarbeiter am Arbeitsbereich
Umwelt- und Ressourcenökonomik der Georg-August-Universität Göttingen.
Forschungsschwerpunkt war die Mensch-Umwelt-Beziehung in historischer
Betrachtung. Die Forschungsergebnisse sind in der Dissertationsschrift
dargestellt: Jörg Cortekar (2007): Glückskonzepte des Kameralismus und
Utilitarismus Implikationen für die moderne Umweltökonomik und
Umweltpolitik. Marburg.

Veröffentlicht in Entwicklungspolitik.