Lebensmittel im Müll waren das zentrale Thema, das die Gruppe K.A.U.Z. (Kritische Aktion für unsere Zukunft) am 10. April 2014 im Schikaneder in Wien aufgriff. Dieser Zusammenschluss kritischer Studierender befasst sich mit den Hintergründen zu Produkten, die vom Großteil der Bevölkerung täglich konsumiert – und weggeschmissen – werden.
Vom Feld in die Tonne
Thema der ersten von zwei geplanten Veranstaltungen war das Ende der Nahrungsmittelkette. Als Einstieg wurde dazu der Film „Frisch auf den Müll“ von Valentin Thurn gezeigt. Der Film beschäftigt sich mit unterschiedlichen Facetten von Lebensmittelverschwendung in der Produktion und Distribution. Thurn zeigt Supermarktangestellte, die Gemüse mit Druckstellen oder braunen Flecken aus dem Regal räumen, weil das „sicher niemand mehr kauft“. Fleisch werde auch in großen Mengen weggeworfen. Die KonsumentInnen seien mit einem Überangebot konfrontiert und würden das auch erwarten, erzählt ein Marktleiter. Sie würden sich dann nur für das beste Angebot entscheiden.
Regisseur Thurn hat auch an einem Umschlagplatz für Obst und Gemüse gefilmt, der zeigt, wie täglich Tonnen von Lebensmitteln, die zum Großteil noch verwendbar sind, direkt vom Frachtschiff in die Mülltonne wandern. Noch dazu seien etwa die Bananen aus dem Kamerun, die dann in Frankreich entsorgt werden, an ihrem Produktionsort für die lokale Bevölkerung kaum bezahlbar. Thurn wirft einen Blick in die Bäckereiindustrie, wo nur mit Überproduktion bis Ladenschluss volle Regale sichergestellt werden können. Wagenladungen von Brotresten werden dann zu Biogas oder Schweinefutter oder, im besten Fall, verheizt, um damit wieder die Brotbacköfen zu betreiben. Daneben werde schon in der Produktion massiv aussortiert: Zu kleine Kartoffeln, zu große Kartoffeln, krumme Gurken, die nicht in die Gemüsekisten passen – darauf bleiben die ProduzentInnen normalerweise sitzen, wird erzählt.
Der Film zeigt aber auch Gegenbewegungen. Thurn filmt eine „Mülltaucherin“ bei der Arbeit, zeigt, wie eine Kantine Essensreste erfasst und dadurch die Produktion anpasst oder wie lokale Initiativen direkt von Bauernhöfen einkaufen und damit die Supermärkte umgehen. Am Ende lässt der Film aber noch viele Fragen offen, z.B. welche Lösungen es für das Überschussproblem geben könnte.

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Das Bewusstsein wächst
Nach dem Screening diskutierten Anna Geiger (Global 2000), Peter Schauer (Wiener Tafel), Anna-Lena Knebel (Foodsharing Österreich) und Felicitas Schneider (BOKU) mögliche Lösungsansätze. Es habe bereits viele Veränderungen gegeben, war oft zu hören. Es gebe mehr Initiativen, meinte Schauer – zum Beispiel das Nyeleni-Forum Österreich für Ernährungssouveränität oder die „Wunderlinge“, wo bei REWE nicht ganz perfektes Gemüse unter einer eigenen Marke verkauft wird. Schneider erzählte, dass es am Anfang ihrer Forschungen (2001) sehr wenig Interesse am Thema Lebensmittelverschwendung gegeben habe. „Nein, wir werfen doch nix weg“, habe sie von allen Seiten sinngemäß zu hören bekommen – was sie später durch Müllanalysen widerlegen konnte. Jetzt gebe es viele Studien und eine viel größere Öffentlichkeit. Auch Maßnahmen werden in Österreich schon gesetzt, meinte sie. Zum Beispiel sei das Angebot von Brot am Tagesende zurückgegangen.
Peter Schauer sprach über die Kriterien der Tafel und betonte, dass die von ihnen versorgten Menschen keine wiederholten Exklusionserfahrungen machen sollten. Darum würden sie auch keine „abgelaufene“ Ware annehmen. Allerdings würden sie mit dem „Brotauto“ Brot vom Vortag, das nicht mehr verkauft werden würde, aus Bäckereien abholen.

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Anna-Lena Knebel erklärte, wie sich Foodsharing und Wiener Tafel recht gut ergänzen können: Der Biomarkt „denn’s“ gebe aussortierte „gute“ Ware an die Wiener Tafel ab und alles Abgelaufene an Foodsharing. Die Foodsharing-Mitglieder könnten die abegelaufenen Waren dann in Eigenverantwortung konsumieren, wozu sie auch einen Haftungsausschluss unterschreiben müssen.
Schneider schlug noch vor, statt dem Mindesthaltbarkeitsdatum stärker auf das Produktionsdatum zu setzen oder zwei verschiedene Daten aufzudrucken: „zu verkaufen bis“ und „zu verbrauchen bis“. So eine Regelung würde etwa der Wiener Tafel zugute kommen.
Geiger kam auf die „Wunderlinge“ zu sprechen und erklärte, dass diese bei ProduzentInnen zu einem Umdenken geführt hätten. Diese hätten nämlich oft schon andere Absatzwege für „nicht perfektes“ Obst und Gemüse gehabt – etwa zu kleine Kartoffeln als Schweinefutter zu verwenden.
Einig waren sich alle, dass vor allem ein breites Umdenken und viel Bewusstseinsbildung notwendig seien. Die KonsumentInnen seien auch zu mehr Veränderung bereit, als mancherorts geglaubt werde, merkte Schneider an. Die meisten würden sich eben nicht über abends leere Brotregale beschweren. Geiger erzählte, dass die „Wunderlinge“ recht einfach und schnell von einem Schweizer Supermarkt übernommen wurden. Es sei nicht immer schwer, Veränderungen anzustoßen: „Oft hilft ein blödes E-Mail.“

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Die Gruppe K.a.u.z. plant noch eine zweite Veranstaltung mit dem Titel „The Cradle“, wo dann der Fokus auf der Lebensmittelproduktion liegen soll. Der Termin dafür steht aber noch nicht fest.
Der Autor ist Praktikant im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.