Telangana: Indiens 29. Bundesstaat geprägt von sozialen Bewegungen

Am zweiten Juni 2014 wurde ein neuer indischer Bundeststaat gegründet: Telangana. Jahrzehntelange politische Unruhen brachten den vereinten Bundesstaat Andhra Pradesh, der Telangana vor der Abspaltung integrierte, ins mediale und politische Blickfeld Indiens.Telangana ist geschichtlich anders geprägt als der Rest der Region Andhra Pradesh. Von 1724 bis 1948 regierten in Telangana, das zum Hyderabad Princely State gehörte, die Nizams, muslimische Machthaber. Der Rest des heutigen Andhra Pradesh wurde von der Britischen Kolonialmacht regiert. Die gleiche Sprache namens Telugu veranlassten die damaligen PolitikerInnen diese beiden Regionen zu einem Bundesstaat zu vereinen. Dies geschah trotz unterschiedlicher Positionen, da es viele SkeptikerInnen gab, allen voran der damalige und erste indische Premierminister Jawaharlal Nehru. Am 1. November 1956 wurde das Gentlemen’s Agreement unterschrieben, das den viert-größten indischen Bundesstaat namens Andhra Pradesh gründete.

Telangana.jpg

Bild: Indischer Staat, Bundesstaat Telangana

Hyderabad: Eine zwei-geteilte Stadt

Hyderabad, gelegen im Herzen Telanganas und Hauptstadt vom vereinten Andhra Pradesh sowie für die kommenden zehn Jahre die gemeinsame Hauptstadt Telanganas und Andhra Pradesh (bis Andhra Pradesh seine eigene Hauptstadt aufgebaut hat), ist ein Abbild der tiefen Kontraste des Subkontinents. Bilder von Wohlstand und Armut, multi-nationalen Konzernen, informellem Sektor, Einkaufszentren, Hochhäusern und Lehmhütten prägen das Stadtbild. In den letzten zwei Jahrzehnten wurden Milliarden von Rupien in den neuen Stadtteil namens Hi-Tec City investiert, um die Stadt attraktiver für internationale Firmen zu machen. Das Resultat war zweischneidig: Landwirtschaftliche Flächen wurden für die Erbauung von Firmen und Wohnhäusern zerstört, was dazu führte, dass der Lebensunterhalt tausender LandwirtInnen im Namen von Entwicklung zerstört wurde. Auf der anderen Seite erlebte Hyderabad einen wirtschaftlichen Aufschwung. 40% der Einnahmen des ungeteilten Bundesstaates kamen von Firmen wie Microsoft und Facebook, die in Hyderabad angesiedelt sind. Dies führte dazu, dass diese 40% auch wieder in Hyderabad investiert wurden. Staatliche Investitionen sowie Entwicklungsprogramme ignorierten jedoch die mangelnde Infrastruktur, das Fehlen von Spitälern sowie Ausbildungsstätten im restlichen Teil Telanganas und in der ebenfalls politisch vernachlässigten Region Rayalaseema, südlich von Telangana. Das Hauptaugenmerk lag auf Hyderabad, da die Stadt Gewinn brachte – auch für die Küstenregion Andhra Pradesh, die reichste Region des ungeteilten Bundesstaates. Durch die zahlreichen Streiks im Zuge der Auseinandersetzung für einen eigenen Bundesstaat, die sowohl unzählige Stromausfälle als auch tageweise Schließungen von Magistraten und Ausbildungsstätten mit sich brachten, begannen multi-nationale und nationale Konzerne abzuwandern bzw. Hyderabad gar nicht erst als Firmensitz zu wählen. Die wirtschaftlichen Folgen dessen werden für die Bevölkerung Telanganas erst in den kommenden Jahren zu spüren sein.

Die Enstehung Telanganas

In diesem sozialen, wirtschaftlichen und politischen Szenario hat die Telangana-Bewegung, die in den 1960er Jahren begonnen hat, ab 2008 wieder an Schwung zugenommen. Ihren Durchbruch schaffte sie im Herbst 2013, als die damals regierende Kongresspartei der Gründung von Telangana zustimmte. Trotz massivem Widerstand aus politischen und gesellschaftlichen Reihen wurde am 17. Feb. 2014 im Unterhaus und am 20. Feb. 2014 im Oberhaus die Abspaltung des Bundesstaates Telangana bestätigt. Die Aufgabe, diese sozialen Widersprüche und die zunehmende ökonomische Kluft zwischen der Bevölkerung zu überwinden hat sich der Gründer und erste Chief Minister Telanganas, Kalvakuntha Chandrasekhara Rao der Telangana Rashtra Samiti (TRS) gemacht. Telangana wird zu 90% von Dalits, Adivasi und MuslimInnen bewohnt. Bevölkerungsgruppen, die zum Großteil am unteren Ende der sozialen und wirtschaftlichen Wohlstandspyramide zu finden sind. Frauen dieser Gruppen sind von den sozialen und ökonomischen Unterschieden besonders betroffen. Die Hoffnungen sind groß, dass Kalvakuntha Chandrasekhara Rao den versprochenen ökonomischen Aufschwung und eine bessere Stellung von Frauen, Dalits, Adivasi und MuslimInnen in der Gesellschaft bringen wird. Eine erste mögliche Umverteilung von Wohlstand ist in Sicht: Die Ergebnisse einer ausführlichen Haushaltsumfrage in Telangana, die am 19. August 2014 durchgeführt wurde, dürfte positive Auswirkungen für die ökonomisch und sozial schlechter gestellte Bevölkerungsschicht Telanganas haben. Gaszylinder sowie kleine Flächen von anbaubarem Land wurde besitzlosen Personen versprochen. Auch hier wird die Zukunft zeigen, inwiefern dies tatsächlich umsetzbar ist und die soziale Kluft überbrücken kann.

Die Telangana-Bewegung

SchriftstellerInnen, AktivistInnen, PolitikerInnen, NGOs und WissenschaftlerInnen dokumentierten die Kluft in Telangana sowie die Telangana-Bewegung. Es seien hier besonders drei genannt, die sich seit Jahren für einen Bundesstaat Telangana einsetzten: Subadhra Joopaka, Gowri und Gogu Shyamala. Diese drei Schriftstellerinnen gehören zur ersten Generation in ihren Familien, die die Möglichkeit hatten eine Schule und Universität zu besuchen. Sie sind Teil der Dalit- sowie Telangana-Bewegung. In ihren literarischen Arbeiten geht es vor allem darum die Auswirkungen des Kastensystems für Dalit-Frauen aufzuzeigen. Da die Telangana-Bewegung nicht von einem patriarchalen Geschlechterverständnis und hierarchischen Kastenschema befreit ist, beleuchten sie auch diese sehr kontrovers diskutieren Themen innerhalb der Bewegung in ihren Arbeiten. Sie kritisieren die Instrumentalisierung von Frauen durch Politiker, die zeigen wollten, dass die Telangana-Bewegung bereit ist die große Genderungerechtigkeit des Landes zu verändern und Frauen den gleichen Platz gesellschaftlich und politisch einzuräumen. Geschehen sei dies weder auf der Ebene der Bewegung noch in der Besetzung der ersten Regierung Telanganas. Die kommenden Jahre werden zeigen, ob die wachsende Skepsis von Subadhra Joopaka und Gogu Shyamala oder die positive Einschätzung von Gowri zum Tragen kommen.

Veröffentlicht in Entwicklungspolitik, Themen.