Super Markt? Billigpreise gibt es nicht zum Nulltarif

Immer weniger Supermarkt-Ketten dominieren den internationalen Lebensmittelhandel im Kampf um den niedrigsten Preis. Das „Aktionsnetzwerk Supermärkte“ hat den Tag des kleinbäuerlichen Widerstands zum Anlass genommen, um soziale und ökologische Folgen dieser Konzentrationsprozesse zu thematisieren und zu illustrieren.Das „Aktionsnetzwerk Supermärkte“ hat sich zum Ziel gesetzt, Raum für Aktion, Diskussion und Reflexion zu schaffen, um auf zwischen der Vielzahl an bunten Produkten in den Regalen oft „unsichtbare“ Konflikte hinter der internationalen industriellen Lebensmittelproduktion und -vermarktung aufmerksam zu machen. Am 16. April 2009 fand dazu eine Podiumsdiskussion in Wien im Amerlinghaus statt, am 17. April eine Vielzahl von Aktionen in und vor Wiener Supermärkten. Während konkrete Informationen zu den innovativen Aktionen auf einer eigenen Website nachzulesen sind, widmet sich dieser Artikel der Podiumsdiskussion.

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Ernst Halbmayr (IG Milch), Manfred Wolf (GPA), Irmi Salzer (ÖBV), Michaela Königshofer (Clean Clothes Kampagne) Foto: Karin Okonkwo-Klampfer

 

Weniger ist mehr?

In Österreich dominieren die drei größten Supermarkt-Ketten 78% des Lebensmittelhandels. Sie geben damit nicht nur vor, welche Produkte am österreichischen Markt erhältlich sind, sondern bestimmen anhand von Qualitätsvorgaben, Verpackungsstandards und Mindestliefermengen auch Produktions- und Lieferbedingungen. Mit einem Zehntel aller Angestellten ist der Handel in Österreich zudem jene Branche, die am meisten Arbeitsplätze schafft. Arbeitszeiten, Entlohnung und Arbeitsbedingungen werden trotz arbeitsrechtlicher Standards de facto von den Supermarkt-Ketten festgelegt. Am „freien Markt“ liefern sich jene Unternehmen, die im Zuge der Konzentrationsprozesse ihre Stellung sichern konnten, eine Tiefpreisschlacht. Doch was steckt hinter der Strategie „höchste Qualität, billigster Preis“?

Für heimische ProduzentInnen stellen die Systemvorteile der Supermärkte oft unüberwindbare Hindernisse dar, erläuterte Ernst Halbmayr (IG Milch). Während die großen Ketten im Großeinkauf ihre Gewinnspannen durch niedrigste Preise erhöhen, können Bäuerinnen und Bauern weder im Direktverkauf noch durch Einzelverträge nachhaltige Preise erzielen. Somit dreht sich das Rad der Konzentrationsprozesse schneller, in ländlichen Regionen ist die Nahversorgung zum Teil gefährdet. Halbmayr prognostizierte ein Aussterben des Marktsegments, welches Kleinbauern und -bäuerinnen heute noch halten, schon in den nächsten 10 Jahren womit auch die Wahlfreiheit der KundInnen schwindet.

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Gerhard Riess (Gewerkschaft Metall Textil Nahrungsmittel), Ernst Halbmayr (IG Milch), Manfred Wolf (GPA), Foto: Karin Okonkwo-Klampfer



„Made in Bangladesh“


    

Auch im Textilsektor sind Supermärkte führend, wie Michaela Königshofer (Clean Clothes Kampagne) veranschaulichte: Allein das Vermögen des Unternehmens LIDL entspreche in etwa der Höhe des Bruttoinlandsprodukts von Sri Lanka. Allen arbeitsrechtlichen Normen zum Trotz spüren ProduzentInnen und ArbeitnehmerInnen als unterstes Glied der Kette den Preisdruck am stärksten etwa in Form von Niedrigstlöhnen bei exzessiven Arbeitszeiten, unstabilen Beschäftigungsverhältnissen und Gewerkschaftsverbot. „Würden alle arbeitsrechtlichen Standards eingehalten, wäre eine Produktion zu so billigen Preisen nicht möglich“, gab Königshofer zu bedenken. Aber auch in Österreich wirkt sich der Preisdruck negativ auf die Angestellten aus. In einer Situation, in welcher der „Vernichtungswettbewerb“ der Unternehmen dazu geführt habe, dass in Österreich nur fünf große Ketten 90% des Lebensmittelhandels dominieren, sei „jede nicht bezahlte Überstunde ein Kostenvorteil für das Unternehmen“, so Manfred Wolf von der Gewerkschaft für Privatangestellte (GPA). Dementsprechend groß sei auch die sozialpolitische Macht der Unternehmen. Atypische Beschäftigungsverhältnisse und fehlende soziale Absicherung, vor allem im Alter, zählen in der Branche zum Alltag der meist weiblichen Angestellten.

(Konsum)Freiheit?

Angesichts der fortschreitenden Prekarisierung breiter Bevölkerungsschichten sind immer mehr Menschen auf den Kauf billiger Produkte angewiesen, während die noch Begünstigten sich teure Bio-Produkte leisten können. Gleichzeitig sind Supermärkte aktiv am Lohndumping beteiligt. Wie wirken sich die Nebenkosten der billigen Preise gesamtgesellschaftlich aus? Kann die Lösung angesichts dieser komplexen Fragestellungen die/der denkende/r Konsument/in sein? Jens Karg (Global 2000) forderte die KonsumentInnen auf, sich zu informieren und ihre Macht als Nachfrage schaffende MarktteilnehmerInnen zu nutzen, um sozial und ökologisch nachhaltig produzierten Produkten Vorrang zu geben. Manfred Wolf gab zu bedenken, dass wir alle (Anm., durch aggressive Marketingstrategien der Supermärkte) dazu erzogen worden seien, nur auf den „billigen Preis“ zu achten, nicht aber auf Kriterien wie ökologische Nachhaltigkeit, Produktionsbedingungen, fairer Handel und gerechte Arbeitsbedingungen. Auch der Geschmack spiele bei der Auswahl des Produkts keine große Rolle, so Gerhard Riess (Gewerkschaft Metall Textil Nahrungsmittel). Die RednerInnen waren sich darüber einig, dass der Freiheitsbegriff im Wort „Konsumfreiheit“ ein sehr enger ist.

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Michaela Königshofer (Clean Clothes Kampagne), Jens Karg (Global 2000) Foto: Karin Okonkwo-Klampfer



„Allianz für einen fairen Handel in Österreich“

Politisch denkende Menschen und eine Politik, die Verantwortung übernehme so lauteten die Forderungen auf die Frage der Moderatorin Irmi Salzer (Österreichische Bergbauern- und Bäuerinnen Vereinigung, ÖBV) nach Perspektiven. Anstatt alleine für diese Ziele zu kämpfen, sei es notwendig, eine Allianz zwischen ProduzentInnen, Angestellten und KonsumentInnen zu schmieden, um gemeinsam für einen fairen Handel in Österreich einzutreten. Einen Einkaufsführer für das gute Gewissen könne man jedoch nicht anbieten, war man sich einig zu vielfältig seien die Kriterien, nach denen dies beurteilt werden könne und zu komplex die Zusammenhänge.

Womit der Kreis sich rund um den/die denkende/n Konsumenten/in schließt ein Ansatz, der jedoch nicht weitreichend genug ist, um die Widersprüche der vorherrschenden  Produktions- und Konsumptionsnormen aufzulösen. Da jedoch nichts unrealistischer ist, als „weiterzumachen wie bisher“, fordert das „Aktionsnetzwerk Supermärkte“ ein umfassend anderes Lebensmittelsystem, welches auf Ernährungssouveränität und der Aneignung globaler sozialer Rechte aufbaut.

Nähere Information unter https://supermarktaktionstag.blogspot.com und auf www.radioattac.at (Sendung zum Supermarktaktionstag).

Die Autorin ist Mitglied des online-Redaktionsteams des Freire Zentrums.

Veröffentlicht in Entwicklungspolitik.