Stencils in Buenos Aires: ein Beispiel politischer Kunst? Teil I

Von den Einen als Schmierereien oder mutwillige Sachbeschädigung abgetan, von den Anderen als künstlerische Form des Ausdrucks, Protests und der Kommunikation geschätzt, bewegen sich Stencils in öffentlichen Meinungen irgendwo zwischen Vandalismus und politischer Kunst. Eine fünfteilige Artikelserie widmet sich diesen außergewöhnlichen Graffitis.Stencils (auch Schablonengraffitis) sind Motive, Bilder, kurze, prägnante Sätze oder Schriftzüge, die mit Hilfe von im Vorfeld aus Karton, Kunststoff oder ähnlichen Materialien ausgeschnitten Schablonen auf einen Untergrund gemalt oder gesprüht werden. Oft dienen Hauswände oder andere im urbanen Raum gelegene Objekte als solche Träger (vgl. Phillips 2007: 3). Stencils werden daher auch als Street-Art oder Urban Art bezeichnet (vgl. Reinecke 2007: 9, 13). Street-Art bezeichnet den weiten Bereich visueller künstlerischer Arbeit im öffentlichen Raum (Siegl zitiert nach Reinecke 2007: 17), wobei der Begriff sowohl offizielle, als auch inoffizielle Formen der Kunst einschließt (vgl. Reinecke 2007: 17).

Ich habe wiederholt mehrere Monate in Buenos Aires gelebt und viele der Stencils, die das sich ständig verändernde Stadtbild prägen, gesehen. Viele sind mir wegen ihrer kritischen Inhalte aufgefallen. Manche schienen sehr präzise und verständliche Botschaften zu vermitteln, bei anderen fiel es mir schwer, sie zu deuten. Aber auch wenn ich nicht alle Botschaften entschlüsseln konnte, brachten mich die Stencils mit ihrem ständigen Kommen und Gehen zumindest dazu, über sie nachzudenken. Und das ist meiner Meinung nach eines der zentralen Potentiale politischer Kunst.

Anhand ausgewählter Stencil-Beispiele des Stencil-Kollektivs Vomito Attack soll nun aufgezeigt werden, dass Stencils in Buenos Aires nicht nur als sinnentleerte Schmierereien oder gar bloßer Ausdruck von Zerstörungslust zu beurteilen sind, sondern dass sich unter ihnen auch künstlerische Werke befinden, die durchaus politisches Potential besitzen, da sie Räume für kritische Auseinandersetzungen öffnen.

Vom Ursprung der Stencil-Bewegung

In Argentinien muss die Entstehung der Stencil-Bewegung vor allem im Zusammenhang mit der breiten Unzufriedenheit über die politische und wirtschaftliche Lage gesehen werden, die sich über Jahre hinweg entwickelte und Ende der 90er Jahre/Anfang des 21. Jh. schließlich ihren tragischen Höhepunkt fand. Die Auslandsverschuldung, die besonders während der Militärdiktatur (1976-1983) anwuchs und die damit einhergehende Auslandsabhängigkeit Argentiniens erlaubte es den Gläubigerländern Druck zur Einführung einer neoliberalen Wirtschaftspolitik in Argentinien auszuüben. Die neoliberale Wende stieß bei den herrschenden Eliten auf Wohlgefallen, da sie Profitmöglichkeiten für die Oberschicht erwarten ließ. Unter Carlos Menem, der 1989 zum Präsidenten gewählt wurde, verschärften sich die neoliberalen Maßnahmen (z. B. Privatisierungswellen) noch weiter, was ein dramatisches Anwachsen von Armut und Arbeitslosigkeit nach sich zog. Als Fernando de la Rúa 1999 das Amt des Präsidenten antrat, war nach offiziellen Schätzungen bereits die Hälfte der Erwerbsbevölkerung arbeitslos oder unterbeschäftigt, der Staat konnte seine Auslandsschulden nicht mehr bezahlen. Die schlechte wirtschaftliche Lage hatte eine extreme Kapitalflucht zur Folge. Um einen Bankenzusammenbruch zu verhindern, wurden im Jahr 2000 die Konten eingefroren.

Que se vayan todos!

Am 19. Dezember 2001 musste schließlich der Ausnahmezustand erklärt werden und soziale Aufstände in ungeahntem Ausmaß folgten. Mit der Forderung que se vayan todos! (alle sollen verschwinden!) fanden klassenübergreifende (Unter-, Mittel- und Oberschicht) Proteste statt, die das Verschwinden aller politischen Parteien verlangten und ein neues Argentinien forderten. Aus dieser Dynamik heraus entstand auch die Schablonenkunst in Buenos Aires. Zwar konnte man bereits in den 90er Jahren vereinzelte Stencils in der Stadt entdecken, was aber ab Ende 2001 geschah, glich einem explosionsartigen Anwachsen der Anzahl an SchablonenkünstlerInnen und ihren Stencils. Das Gefühl, etwas tun zu müssen und die Stimme gegen die Praktiken der Mächtigen erheben zu wollen, veranlasste immer mehr Gruppen und Einzelpersonen dazu, in den Straßen durch Stencils ihren Gedanken Ausdruck zu verleihen. En el 2001 no había otro lugar para decir cosas más que en la calle (Boris zitiert nach Pagina 12 2007), erklärt Boris von Vomito Attack. Die Stencils, die ab diesem Zeitpunkt entstanden, sind aber keinesfalls nur als Protestmittel gegen die Regierung zu begreifen. Viel mehr war die politische Situation im Bezug auf die Stencil-Bewegung deshalb so bedeutend, weil sie als Auslöser für eine generelle Verstärkung der Partizipation der Menschen auf der Straße gesehen werden kann. Die Stencils waren ein Teil der aus diesem Hintergrund entstehenden democratic culture (McPhee 2004: 75), die aufgegriffenen Themen sind dabei aber vielfältig und schließen vor allem den Protest gegen gesellschaftliche Mächte mit ein – ein Thema, das gerade durch die im Krisenvorfeld eingeleiteten Privatisierungsmaßnahmen in der Krisenzeit selbst an Gewicht gewann.

Zu Teil II.

Sollten Sie Interesse daran haben, diese Artikelserie weiterzuverwenden oder zu zitieren, wenden Sie sich bitte an die Autorin: christina.haslehner@gmx.at.

Den vollständigen Originaltext finden Sie hier: Stencils in Buenos Aires.pdf  (213.11 KB) 

 



Verwendete Literatur:

Armborst, Stefan/Colectivo Situaciones (2003): Herrschaft – Krise Widerstand. Chronologie der jüngsten Geschichte Argentiniens. In: Colectivo Situaciones (Hg.): Que se vayan todos! Krise und Widerstand in Argentinien. Berlin: Assoziazion A, 203-219.

Brand, Ulrich (2003): Einleitung: Spurensuche nach neuen Formen emanzipativer Politik. In: Colectivo Situaciones (Hg.): Que se vayan todos! Krise und Widerstand in Argentinien. Berlin: Assoziazion A, 7-17.

Clarín (03.02.2006): Esténcil: cómo hacer arte y política con un aerosol. Muestra del grupo argentino que ya llevó sus trabajos a México y Nueva York. [Zugriff: 23.05.2009].

McPhee, Joshua (2004): Stencil Pirates: A Global Study of the Street Stencil. Brooklyn: Soft Skull Press.

Pagina 12 (01.02.2007): El fenomeno de los stencils evoluciona. Paredes con altura. [Zugriff: 24.05.2009].

McPhee, Joshua/Reuland, Erik (2007): Realizing the Impossible. Art Against Authority. Oakland: AK Press;

Philipps, Axel (Dezember 2007): Schablonengraffitis im Stadtgebiet. Eine empirische Untersuchung der Inhalte und Verteilung. https://209.85.129.132/search?q=cache:35GeSzjaZAkJ:www.forschungsgruppe-soziales.de/pdf/LFSArbeitsbericht1+schablonengraffiti+definition&cd=3&hl=de&ct=clnk&gl=at&client=firefox-a [Zugriff: 26.05.2009].

Reinecke, Julia (2007): Street-art: Eine Subkultur zwischen Kunst und Kommerz. Bielefeld: transcript Verlag.

Die Autorin ist Studentin der Internationalen Entwicklung.

Veröffentlicht in Entwicklungspolitik.