Das Paulo Freire Zentrum wird heuer 10 – ein Jubiläum als Anlaß zum Feiern und Rückblicken. Wie können wir die Welt heute lesen? Ist die Pädagogik der Unterdrückten noch relevant um aktuelle Strukturen von Macht und Unterdrückung zu verstehen und verändern? Dieser Artikel ist ein Geburtstagsgeschenk.
Das Freire Zentrum hat zum Jubiläum eine Reihe von Veranstaltungen organisiert. Ich bin seit mittlerweile 7 Jahren in Austausch mit dem Freire Zentrum und wollte das Jubiläum feiern, indem ich mich in meinem eigenen Arbeitsumfeld nach Antworten umschaute. Da ich gerade in Nepal war, kam ich mit einer Vertreterin jener internationalen NGO ins Gespräch, die sich explizit auf Freire bezieht: Mona Sherpa ist Knowledge, Policy and Campaign Manager von Action Aid in Nepal.
Kannst du mir kurz über die Arbeit von Action Aid in Nepal erzählen und wie diese sich auf die Ideen Freires bezieht?
Action Aid hat sich von einer Organisation, die Dienstleistungen bereitstellt, zu einer politischen Organisation entwickelt, die mit den Konzepten Aktion und Reflexion arbeitet. Wenn wir fragen, ob wir Veränderungen erreicht haben, fragen wir immer zuerst, ob wir Machtbeziehungen beeinflusst haben.
Action Aid arbeitet auf Gemeindeebene durch REFLECT Kreise (Modell von Gruppen zur sozialen Mobilisierung). Diese sind freireanisch, indem sie neben Alphabetisierung, auch dazu anregen, Fragen über strukturelle Ursachen von Armut zu stellen. Mitglieder in REFLECT-Kreisen sind jene Bevölkerungsgruppen in Nepal, die am stärksten marginalisiert sind: Arme, Dalits (Kaste der Unberührbaren), ArbeiterInnen im informellen Sektor. Sie fragen „Warum sind wir in dieser Situation?“. Vor allem in der Arbeit mit Frauen geht die Antwort oft auf patriarchalische Strukturen zurück, die dazu führen, dass Frauen weiterhin Bürgerinnen zweiter Klasse sind.
Die nepalesische Regierung hat ebenfalls Alphabetisierungsprogramme durchgeführt, aber mit dem Fokus der Reintegration ins formelle Bildungssystem. Die Action Aid Methode wurde ursprünglich in Uganda und Bangladesch entwickelt und dann angepasst. Die Methode fragt Menschen nach Gründen für ihre Situation und ladet ein zu Aktion: Wenn man zuerst die gefestigten Gedankensysteme aufrüttelt und dann nach Gründen fragt, bringen Menschen selbst die Antworten hervor!
Die Themen, zu denen Action Aid arbeitet, werden also in den REFLECT-Kreisen definiert?
Ja, sie sind sehr unterschiedlich. Action Aid setzt sie dann im Rahmen einer Programmstrategie miteinander in Beziehung. Unser Frauenrechtsprogramm zum Beispiel umfasst die Themen sexuelle Autonomie und körperliche Integrität, Anerkennung unbezahlter Arbeit und Handlungsspielräume. Vor allem dieser letzte Bereich ist eng mit Freires Ideen verbunden, da es um Bewusstseinsbildung („conscientização“) geht: Sich selbst befreien um die Gesellschaft zu befreien. Damit das möglich ist, muss zuerst kollektives Handeln entstehen.
Was macht Action Aid um diese kollektiven Handlungsspielräume zu unterstützen?
Wir arbeiten in allen unseren Programmen auf drei Ebenen: 1) Grassroots- bzw. Gemeindeebene, 2) Bewusstseinsbildung und 3) auf politischer Ebene (policy). Auf der ersten Ebene unter dem Programm zur sexuellen Autonomie zum Beispiel bieten wir Trainings zu Sexualität an. Ich habe viele dieser Trainings abgehalten und entdeckt, dass Gespräche über Sexualität Schlüssel zu anderen Themen sein können. Oft kann dieses Thema Menschen mehr berühren als politische Ermächtigung. Wir versuchen dann, die Diskussion auf Themen auszuweiten, die über die individuelle Situation hinausgehen, wie zum Beispiel sexuelle Gewalt im öffentlichen Raum.
Bewusstseinsbildung auf breiterer Ebene wird einerseits durch Diskussionen in den REFLECT-Kreisen erreicht, andererseits durch Analyse. Action Aid hat mit REFLECT-Kreisen eine Studie zum Thema unbezahlte Arbeit durchgeführt. Das Thema ist ein alter Hut in akademischen Kreisen, wurde aber in der Entwicklungszusammenarbeit bisher wenig thematisiert. Die Studie hat dazu beigetragen, dass Menschen den status quo kritisch hinterfragen: Männer und Frauen haben Zeitaufzeichnungen über ihre tägliche Arbeit geführt und die Unterschiede waren massiv. 6 bis 7 stunden pro Tag! Frauen stellten die Frage: Warum verbringe ich so viel Zeit damit? Im Vergleich zur Arbeitszeit der Männer, aber auch in Bezug auf Dienstleistungen, die eigentlich von der Gemeinde erbracht werden sollten (z.B. Zugang zu Trinkwasser).
Wie wird diese Reflexion in Aktion umgesetzt?
REFLECT-Kreise organisieren kleine Kampagnen zu Themen, die für sie wichtig sind, und das Frauenrechtsforum (von Action Aid organisiertes Netzwerk) bringt diese auf nationaler Ebene vor. Ohne eine starke Basis macht es keinen Sinn, nationale Politik beeinflussen zu wollen. Soziale Mobilisierung erfordert das Brechen einer Kultur des Schweigens und der Überwindung des Unterdrückers in uns selber, wie Freire sagt. Wenn ich denke, ich bin eine schlechte Mutter da ich keine unbezahlte Arbeit leiste, wird die Nachfrage nach Dienstleistungen wie Kindergrippen weiterhin verschwindend bleiben. In Nepal sind Aktivitäten heutzutage nicht auf Bildung und Alphabetisierung beschränkt, sondern umfassen alle Themen, die von sozialen Bewegungen getragen werden, so wie die Frauenrechts-, Unberührbaren- oder Kamayia (versklavte ArbeiterInnen) Bewegung.
Viele NGOs sind vorsichtig im Engagement mit sozialen Bewegungen. Wie steht Action Aid dazu?
Wir unterstützen Bewegungen dabei sich zu organisieren, zum Beispiel durch die Gründung von Plattformen, die Zusammenarbeit in der Forschung, oder die Unterstützung von politischer Arbeit. Zum Beispiel haben wir regionale Kampagnen unterstützt: Gegen chapaudi (Ausgrenzung von Frauen während der Menstruation), Hexenverleumdungen und Verheiratung Minderjähriger. Wir helfen die Kampagnen zu entwickeln, zeigen Solidarität und fördern Kampagnen manchmal finanziell. Im Unterschied zu unseren eigenen Kampagnen, verwenden wir unsere „Marke“ nicht, wenn wir mit sozialen Bewegungen arbeiten. Der „Spirit“ und die Leidenschaft der betroffenen Menschen sollte von NGOs nicht ausgenutzt werden – Menschen müssen für sich selber sprechen. Wir haben zum Beispiel in REFLECT-Kreisen über die rechtliche Situation von bonded labour (dt.: Schuldknechtschaft) gesprochen, aber als sie dann zum Singha Durbar (Sitz der Nepalesischen Regierung) marschiert sind, um zu protestieren, waren wir selber überrascht. Sie sind gekommen und haben die Regierung dazu gebracht, vor ihnen niederzuknien…
Danke Mona Sherpa für das Interview.
Das Interview wurde von der Autorin aus dem Englischen übersetzt und gekürzt.
Die Autorin ist Mitglied im Online-Redaktionsteam des Paulo Freire Zentrums und arbeitet bei CARE. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.