Nicht nur wegen dem versprochenen Kipferl hatten sich bereits zeitig in der Früh an jenem wunderschönen Sonntag, dem 16. November 2008 zahlreiche TeilnehmerInnen der Entwicklungstagung zum Reflexionsfrühstück in der SOWI Innsbruck eingefunden. Geboten wurden eine Zusammenfassung der Foren sowie ein Regenbogen der Wünsche.
Reflexion in Dialogform zum Frühstück
Andreas Exenberger (Universität Innsbruck) und Birgit Habermann (Österr. Akademie der Wissenschaften) brachten in einem zusammenfassenden Dialog die zentralen Fragestellungen der fünf Foren des Vortags auf den Punkt. Sie spannten einen thematischen Bogen, indem sie festhielten, dass die Themen der Tagung von globaler Reichweite seien, aber sowohl globale als auch lokale Lösungen forderten und daher „Umwelt-Wachstum-Entwicklung“ auf verschiedenen Ebenen gedacht wurde. Auf individueller und gesellschaftlicher Ebene wurde der Themenkomplex als eine Frage des Lebensstils diskutiert; auf struktureller, wirtschaftlicher Ebene die Frage der Märkte und auch jene nach Macht aufgeworfen. Dabei sei jedoch keine fundamentale Marktkritik geübt worden, bemerkten sie. Wer entscheidet am Markt? Für wen? Unter welchen Bedingungen? Wer hat die Definitionsmacht? So lauteten einige der grundsätzlichen Fragen. Weder Ausübende der Macht noch deren Objekte seien jedoch konkret benannt worden, so Exenberger und Habermann.

Andreas Exenberger und Birgit Habermann
Wenig thematisiert wurde die Genderperspektive, fiel den RapporteurInnen auf. Governance sei hingegen ein zentrales Thema gewesen, besonders Demokratisierung als freie Entscheidung über Lebensstil oder Produktionsform. In diesem Zusammenhang wurde die Rolle von NRO als Gegengewicht zu Regierungen diskutiert. Die Regierungen „an das Recht auf Nahrung zu erinnern“ sei weiterhin Rolle der NROs, hielten die RapporteurInnen die Diskussion fest. Der Privatsektor, im Sinne privater Interessen und Unternehmen, sollte „eingebunden sein in die Lösung der Probleme“, synthetisierten Exenberger und Habermann. Allerdings unter bestimmten Rahmenbedingungen, die seine Kontrolle ermöglichen. Anhand des Beispiels der Privatisierung von Wasserversorgung sei deutlich geworden, dass gewisse Aufgaben in der öffentlichen Hand bleiben müssten.
Welche Zusammenhänge wurden zwischen Wirtschaft-Staat-Demokratie hergestellt? Als „klare Botschaft“ hielten die RapporteurInnen eine Warnung vor zu schnellen Lösungen fest (Beispiele: Freikaufen von Verpflichtungen im Emissionshandel, Privatisierung zentraler Dienstleistungen,…). Im Gegenteil, Lösungen müssten kontextbezogen und regional orientiert sein. Zum Durchschauen komplexer Zusammenhänge sei ganzheitliches Denken gefordert, ebenso wie das Wahrnehmen der eigenen Verantwortung als BürgerIn. Für Veränderung sei Druck seitens der Gesellschaft notwendig, betonten die RapporteurInnen. Dieser entstehe auf individueller Ebene durch das Engagement Einzelner (Frage nach dem eigenen Lebensstil), müsse aber auch an die politische Ebene weitergegeben werden. In diesem Prozess wurde die wichtige Rolle von NROs betont.
Als konkreten Appell an die TeilnehmerInnen richteten Andreas Exenberger und Birgit Habermann die Forderung einer engeren Zusammenarbeit zwischen umwelt- und entwicklungspolitischen NROs. Ganz im Sinne der Entwicklungstagung, deren Ziel unter anderem das Überbrücken von Fragmentierungen war, erinnerten sie daran, „den Mut [zu] haben, das Ganze zu denken“.
„Einen Regenbogen der Wünsche im Raum entstehen zu lassen…“
Mit Theater als Aktivierung, als Ausweg aus der Passivität, als „Üben für die Revolution“ nach Augusto Boals Methode wurde bereits auf den vorigen Entwicklungstagungen gearbeitet, rief Gerald Faschingeder, Direktor des Paulo Freire Zentrums, in Erinnerung. Alle TeilnehmerInnen der Tagung auch zu TeilgeberInnen werden zu lassen, so formulierte Armin Staffler, vom Verein für politisches und soziales Theater (spectACT), seinen Anspruch an den „Regenbogen der Wünsche“.

Armin Staffler
Aufstehen, ein X mit der rechten Hand und ein O mit dem linken Fuß in die Luft zu malen, das war die erste Übung. Dem wilden Herumwackeln zu Folge, war es für alle TeilgeberInnen schwieriger als gedacht, mit den eigenen Gliedmaßen zurechtzukommen. Dem/Der SitznachbarIn gegenüber eine Position einzunehmen, diese abwechselnd zu verändern und zu schauen, was dabei entsteht, war die nächste Aufgabe. Da konnten Umarmungen, Abweisungen und alle Arten von Verrenkungen beobachtet werden, bei denen Unbekannte sich näher kamen.



Bilder entstehen zu lassen, als Facetten von Gefühlen, denen wir auf der Entwicklungstagung begegnet sind, und diesen in Form von Haltungen Ausdruck zu verleihen so sollten Wünsche, Vorbehalte, Ängste und Hoffnungen zu Tage treten. „Umwelt“, „Wachstum“ und „Entwicklung“ wurden als Figuren dargestellt und auch die Positionen einzelner TeilgeberInnen zu diesen. Die „Umwelt“ wurde als Figur ausgewählt, „Gefühle“ ihr gegenüber gesammelt und in kurzen Improvisationen miteinander in Beziehung gesetzt. Wie sich die Person in der jeweiligen Position fühlte, wurde laut gedacht („Ich will…“). Die „Umwelt“ wurde fest umklammert und auch überfordert sie fürchtete sich geradezu vor ihren „BeschützerInnen“. Die Begriffe „Realitätsverweigerung“, „grobes Missverständnis“ und „Egozentrismus“ kamen als Beschreibung der dargestellten Situationen aus dem Publikum.


Dadurch, dass Bilder geschaffen, geformt und in Beziehung gesetzt werden, entsteht im „Regenbogen der Wünsche“ Veränderung und Reflexion, die auch über den Saal hinaus mitgenommen werden kann.
Die Autorin hat Internationale Entwicklung und Spanisch studiert und ist ehemalige Praktikantin des Paulo Freire Zentrums.
Fotos: Paulo Freire Zentrum.