Eine Präsentation des Buches Recht auf Umwelt oder Umwelt ohne Recht?, herausgegeben von Werner Raza.

All denjenigen, die sich bereits mit der wirtschaftspolitischen und gesellschaftlichen Situation in Lateinamerika auseinandersetzen oder aber dies vorhaben, sei das Buch Recht auf Umwelt oder Umwelt ohne Recht empfohlen.
Mit dem 4. Band seines Jahrbuches ist es dem österreichischen Lateinamerika-Institut gelungen, ein interdisziplinär herausgearbeitetes Bild dieses Kontinents an der Schwelle der Jahrtausendwende zu zeichnen, dem das in den 1980er Jahren oktroyierte neoliberale Modell in wirtschaftlicher, ökologischer und sozialer Hinsicht enorm zugesetzt hat. Die insgesamt 12 internationalen AutorInnen mit ihren verschiedenen sozial- und wirtschaftswissenschaftlichen Hintergründen haben es sich zur Aufgabe gemacht, die entstandenen Probleme und Reaktionen in Politik und Gesellschaft Lateinamerikas aufzuzeigen sowie oppositionelle demokratisch-partizipative Handlungsstrategien von unten als Alternativen vorzustellen. Besondere Berücksichtigung findet hierbei der Nachhaltigkeitsbegriff auf dem diese alternativen Handlungsstrategien aufbauen. Auch wenn unter Nachhaltigkeit nach wie vor viel zu verstehen oder nicht zu verstehen ist, einig sind sich die AutorInnen, dass sich bereits vorherrschende Probleme in ökologischer und damit auch gesellschaftlicher Hinsicht unter dem Einfluss neoliberaler Wirtschaftsstrategien verschärft haben. Diese Feststellung ist handlungsleitend für alle Bestrebungen, den Auswirkungen ungehemmten Profitstrebens seitens internationaler Konzerne entschieden entgegenzutreten und alternative Handlungs- bzw. Gegenstrategien zu erarbeiten, die dem weiteren Raubbau Lateinamerikas reicher Ressourcen Einhalt gebieten.
Der Weg zum Neoliberalismus
Das Buch besteht aus drei Teilen, wobei der erste Teil eine Bestandsaufnahme darstellt. Der Autor und Herausgeber des Buches, Werner G. Raza, nimmt sich in seiner Einleitung die Umwelt und Gesellschaft Lateinamerikas vor, wobei er die Tatsache betont, dass der Neoliberalismus nicht nur eine Art und Weise des Wirtschaftens (…), sondern vornehmlich ein politisches Projekt ist, das alle Dimensionen einer Gesellschaft umfasst (S.9). Raza definiert und beschreibt das gesellschaftliche Naturverhältnis Südamerikas seit der Kolonialzeit um 1500 bis zum neoliberalen Hegemoniestreben in heutiger Zeit. Seine Ausführungen orientieren sich an Elementen der Regulationstheorie und behandeln unter anderem die Krise gesellschaftlicher Naturverhältnisse aufgrund der langfristigen Unvereinbarkeit von Akkumulation und ökologischer Restriktion (vgl. S. 11).
Eduardo Gudynas erläutert die versäumte Integration der Umweltproblematik innerhalb der Freihandelszone MERCOSUR sowie mögliche Reformbewegungen auf basisdemokratischer Ebene.
Johannes Jäger wiederum zeichnet in seinem Beitrag die zentralen Ursachen nach, die dazu führten, dass sich der Neoliberalismus in Lateinamerika durchsetzen und etablieren konnte. Nach einem Überblick der sozialen Veränderungen in den letzten Jahrzehnten setzt Jäger diese in Beziehung zum neoliberalen Entwicklungsmodell, um schließlich mögliche Alternativen zu diskutieren.
Der erste Abschnitt endet mit einer Fotoserie, bestehend aus Alltagssituationen in Lateinamerika, die den Weg zum Neoliberalismus veranschaulichen soll.
Diskurs, Politik und Recht
Der zweite Teil behandelt die Umweltproblematik im internationalen Kontext. In dem Beitrag über den neuen Wissenschaftszweig Ökologische Ökonomie Chance für ein nachhaltiges Lateinamerika von Sigrid Stagl machen die LeserInnen Bekanntschaft mit einem neuen Forschungsgebiet und den darin formulierten Anliegen. Ökologie und Ökonomie werden als zusammenhängende Bereiche behandelt, ein Umstand, der die Autorin im Hinblick auf Umwelt und entwicklungspolitische Strategien die Frage aufwerfen lässt, ob Armut ein Resultat von Umweltbelastungen sei.
Ramachandra Guha und Juan Martínez-Alier stellen verschiedene lokal agierende Umweltschutzbewegungen vor: Eingebettet in einen weltweiten ökologischen Verteilungskonflikt entstünden kleine und effizient arbeitende Gegenbewegungen, die gemeinsam versuchen würden, ihre Interessen gegen die übermächtigen Konzerne und gleichgültigen Regierungen zu schützen und durchzusetzen.
Im Kapitel Nachhaltige Entwicklung seit der Rio-Konferenz 1992 informiert August Reinisch die LeserInnen aus völkerrechtlicher Sicht über Einhaltung sowie Aushebelung internationaler Abkommen zugunsten der Umwelt durch staatliche Interessen. Er stellt trotz der Widerstände seitens polit-wirtschaftlicher AkteurInnen eine immer stärkere Verankerung von nachhaltiger Entwicklung im internationalen völkerrechtlichen Diskurs fest.
AkteurInnen im lateinamerikanischen Neoliberalismus
Teil drei des Buches befasst sich konkret mit AkteurInnen und Handlungsstrategien im lateinamerikanischen Neoliberalismus. Clarita Müller-Plantenberg, Andreas Novy, Monika Ludescher, Carlos Winckler und Joachim Becker setzen sich mit Wirtschaftsweisen und deren Folgen für die Umwelt und den Lebensraum der indigenen Bevölkerung Lateinamerikas auseinander, wobei unter anderem Beispiele aus Brasilien und Peru herangezogen werden. Anhand dieser Beispiele zeigen die AutorInnen alternative Handlungsmöglichkeiten auf, die bereits in Ansätzen durchgeführt, aber von staatlicher Seite meist rücksichtslos unterbunden wurden.
Fazit
Kein Zweifel: Dieses Buch ist interessant und informativ. Es gelingt den AutorInnen den LeserInnen die Mannigfaltigkeit der Problematik und das rege Engagement lokaler Gruppen, die in Lateinamerika gegen das neoliberale Wirtschaftsmodel und dessen ökologische sowie soziale Folgen kämpfen, vor Augen zu führen. Die Texte sind verständlich geschrieben und laden mit umfangreichen Quellenangaben zu weiteren Nachforschungen zum Thema ein. Die Internationalität der Ausführungen die Texte sind auf Englisch, Deutsch und Spanisch verfasst ermöglicht verschiedenste Perspektiven auf die Problematik. Insgesamt ein gelungener Band, der für eine fundierte Auseinandersetzung mit den Themen Umwelt, Neoliberalismus und Lateinamerika unverzichtbar ist.
Die Autorin studiert Internationale Entwicklung an der Universität Wien.
Werner G. Raza (Hrsg.): Recht auf Umwelt oder Umwelt ohne Recht? Auswirkungen des neoliberalen Modells auf Umwelt und Gesellschaft in Lateinamerika. Atención! Jahrbuch des Österreichischen Lateinamerika-Institutes, Bd.4. Frankfurt a. M./Wien: Brandes & Apsel/Südwind, 2000. 272 Seiten. 19,10 . ISBN 3-86099-199-X