Barbara Prammer, Präsidentin des Österreichischen Nationalrates, lud am
7. April 2008 zu einer Veranstaltung unter dem Titel "Rassismus und
Integration".
Anlass der Veranstaltung war die Präsentation von Band 10 der Publikationsreihe des Mattersburger Kreises Gesellschaft Entwicklung Politik (GEP): Rassismus. Beiträge zu einem vielgesichtigen Phänomen, herausgegeben von Bea Gomes, Walter Schicho und Arno Sonderegger, und der Studie Les damnés innocents du Vorarlberg von Clément Mutombo, sowie die Präsentation von Radio Afrika TV unter der Leitung von Alexis Neuberg, das es heuer seit 10 Jahren gibt.
Die Präsidentin des Nationalrates sprach in ihrer Eröffnung von Rassismus als "Thema unserer Zeit". Der Kampf gegen den Rassismus und die soziale Integration von Minderheiten und Zuwanderern/Zuwanderinnen lägen ihr sehr am Herzen. Wichtig sei es, Menschen zusammen zu führen, damit sie erfahren könnten, wie gering die Unterschiede zwischen ihnen seien. So könne Rassismus eingedämmt und reduziert werden.

Auditorium im Parlament und die Präsidentin des Österreichischen Nationalrates, Barbara Prammer, mit dem Team von Radio Afrika TV. (Photos: Katharina Auer)
Rassismus ein "vielgesichtiges Phänomen"
Walter Schicho, Afrikanist an der Universität Wien, stellte den Band 10 der GEP-Reihe vor. Dieses Buch sei aus den Anforderungen der Lehre entstanden und betrachte Rassismus aus historischer Perspektive sowie aus spezifischen thematischen Blickwinkeln, erklärte Schicho. Anforderungen an die AutorInnen seien gewesen, einen breiten Bogen zu spannen, indem auch selten beachtete AkteurInnen mit einbezogen und politische Implikationen des Rassismus analysiert würden. Die Beiträge untersuchen Rassismus und Antirassismus auf konkreter Ebene in Form von Fallstudien.

Auditorium
im Parlament und Walter Schicho bei der Präsentation von Rassismus. Beiträge zu einem vielgesichtigen Phänomen. (Photos: Katharina
Auer)
"Wissenschaft ist auch Rassismus", mit dieser Aussage ließ Henning Melber von der Universität Uppsala in seinem Vortrag über Rassismus und Kolonialismus aufhorchen. Die europäische Aufklärung habe mit ihrem Anspruch auf Rationalisierung und Klassifizierung nicht nur dazu beigetragen, zu zeigen, was es überhaupt alles "zu wissen gebe", sondern auch zur Herausbildung eines bestimmten Wertesystems geführt. Die Ausbreitung der bürgerlichen Werte innerhalb Europas habe zu einer "Abrichtung" des Menschen geführt. Der aufgeklärte Mensch habe seine Triebe der Rationalität untergeordnet. Als wichtiges Element in der Entstehung von Rassismus sah Melber die Angst. Das "unbekannte Andere" produziere eine emotionale Impulsreaktion, die rationalisiert werde und sich als Rassismus äußere. Melbers These lautete, dass eine Entkolonialisierung zwar auf formaler Ebene, nicht aber in unserem Bewusstsein stattgefunden habe.
Nicht Rassismus, sondern Parianismus
Clément Mutombo ist Lektor für Soziologie an den Universitäten Wien und Innsbruck. In dem vorgestellten Werk "Les damnés innocents du Vorarlberg" geht er dem Schicksal von Nachkommen französischer Besatzungssoldaten marokkanischer Abstammung den so genannten "Besatzungskindern" nach.
Der ehemalige zweite Präsident des Nationalrates Heinrich Neisser sprach mit Mutombo, Karin Fritz (Abgeordnete des Vorarlberger Landtages) und Michel Cullin (Wissenschafter an verschiedenen Universitäten in Frankreich, Deutschland und Österreich) über das Buch und über Rassismus und Stigmatisierung.
"Der Begriff Rassismus impliziert, dass es mehrere Rassen gibt", kritisierte Mutombo. Lieber verwende er einen nicht ideologischen Begriff, den er selbst kreiert habe: "Parianismus" bezeichne den Mechanismus der rassistischen Diskriminierung, ohne dabei die Menschen in Rassen einzuteilen. Mutombo betonte, dass das Buch absichtlich auf Französisch geschrieben sei, auch um einen Appell an Frankreich zu richten, dieses Thema nicht zu tabuisieren. Fritz bestätigte die Tabuisierung für Vorarlberg. Sie wünschte sich stärkeres Interesse und Hilfe bei der Suche nach den Vätern. Der Wissenschafter Michel Cullin betonte die Wichtigkeit von Mutombos Buch für die Erinnerungsarbeit. Was verdrängt wird, so Cullin, komme immer wieder zum Vorschein, deshalb sei es besonders wichtig, die gemeinsame Vergangenheit aufzuarbeiten und ins kollektive Gedächtnis einer Gesellschaft mit einzuschließen. Zwischen Besatzern und Besetzten habe ein wichtiger Kulturtransfer stattgefunden, den es wahrzunehmen gelte. Wir alle seien "Mischmenschen", geprägt von verschiedenen Identitäten das präsentierte Buch helfe uns, dies besser zu verstehen.
10 Jahre Radio Afrika TV "Journalismus für Integration & respektvolle Begegnung"
Alexis Neuberg, Gründer des Radio- und Fernsehprogramms Radio Afrika TV, stellte dessen Entstehung, Aktivitäten und Ziele vor. 1997 sei Radio Afrika als Informations- und Kommunikationsplattform für AfrikanerInnen in Wien entstanden. Heute arbeiten 40-50 ehrenamtliche MitarbeiterInnen bei dem Medienprojekt, so Neuberg. Durch Radio Afrika International, Afrika TV und die Printausgabe Tribüne Afrikas werde erfolgreich über Afrika und die afrikanische Szene in Wien berichtet. Neben der Vertiefung des Wissens über Afrika und der verstärkten Partizipation von AfrikanerInnen in ihrem Umfeld, seien auch der Abbau von Berührungsängsten und die Förderung des interkulturellen Dialogs wichtige Ziele. Um diese auch zu erreichen, werde zurzeit vor allem die finanzielle Unabhängigkeit angestrebt, berichtete Neuberg.

Arabella Kiesbauer und Alexis Neuberg bei der Veranstaltung Rassismus und Integration im Parlament. (Photos: Katharina
Auer)
In einer von TV-Moderatorin Arabella Kiesbauer geleiteten Diskussionsrunde berichteten Erwin Eder, Geschäftsführer der Dreikönigsaktion, Helmuth Hartmeyer, Leiter der Abteilung Entwicklungspolitische Kommunikation und Bildung der Austrian Development Agency (ADA), Nationalratsabgeordnete Elisabeth Hlavac und der Botschafter der Republik Sudan, Sayed Galal Eldin Elamin, über ihre Erfahrungen mit Radio Afrika TV. Hlavac betonte dessen wichtige Rolle dabei, eigene Themen zu präsentieren und somit der üblichen negativen Medienpräsenz von AfrikanerInnen entgegen zu arbeiten. Die Dreikönigsaktion, so Eder, habe das Projekt von Anfang an unterstützt, da man viel Wert auch auf Bildungsarbeit in Österreich lege.

Sayed Galal Eldin Elamin, Elisabeth Hlavac, Moderatorin Arabella Kiesbauer, Erwin Eder und Helmuth Hartmeyer bei der Diskussion im Parlament. (Photo: Katharina Auer)
"Afrika ist in den Köpfen der SchülerInnen Landschaft und Tiere", gab Hartmeyer zu bedenken. Deshalb sei es wichtig, durch konkrete Inhalte präsent zu sein. Ein Problem dabei sah er in der mangelnden Professionalität aufgrund fehlender finanzieller Mittel. Botschafter Elamin betonte die wichtige Rolle von Radio Afrika TV zur Integration der afrikanischen Bevölkerung, sowie für deren Kontakt zu ihren Herkunftsländern.
Die Veranstaltung zeigte verschiedene Facetten von Rassismus und des Umgangs mit dem Thema in unserer Gesellschaft auf. Über Rassismus zu sprechen und zu schreiben, ebenso wie aktiv dagegen zu arbeiten, sind notwendige Schritte zur Überwindung eines langlebigen Problems.
Vorgestellte Bücher
– Bea Gomes, Walter Schicho, Arno Sonderegger (Hg.): Rassismus. Beiträge zu einem vielgesichtigen Phänomen. Mandelbaum: Wien, 2007. (=GEP 10)
– Clément Mutombo: Les damnés innocents du Vorarlberg. Parianisme envers les enfants historiques (1946). Peter Lang: Frankfurt/Main, 2007.
Radio Afrika TV im Internet: https://www.radioafrika.net
Einen Bericht über die Veranstaltung und Fotos finden Sie auch auf der Website des Parlaments.