Post-Development die Auflösung des Entwicklungsbegriffes

Anstatt nach neuen Definitionen von und Theorien über Entwicklung zu suchen, hinterfragt der Post-Development Ansatz die gesamte Idee von „Entwicklung“ kritisch.

Post-Development ist Ideologiekritik an den Entwicklungstheorien. Im Zentrum dieser Kritik steht die Entstehung, bzw. Konstruktion, des Begriffs „Entwicklung“. Laut VertreterInnen des Post-Development Ansatzes, wie z.B. Gustavo Esteva, ist der Begriff „Entwicklung“, wie er im entwicklungstheoretischen Kontext verwendet wird, gänzlich hinterfragbar. Denn indem die Industrieländer sich als „entwickelt“ und die restlichen zwei Drittel der Welt als „unterentwickelt“ definieren, werde erst legitimiert, dass der „entwickelte“ Teil der Menschheit in das Leben der „Unterentwickelten“ eingreifen dürfe. Durch Instrumente wie Entwicklungspolitik, Entwicklungshilfe und Entwicklungszusammenarbeit werden westliche Werte als Standards vorgegeben, an die sich der Rest der Welt anzupassen habe, um auch den Aufstieg zur „entwickelten Welt“ zu beginnen. Durch die Definition von „entwickelt“ und „unterentwickelt“ sei Kolonisation vielmals erst möglich geworden, bzw. sei diese dadurch im Nachhinein legitimiert worden. Erst durch diesen abstrakten Begriff sei es möglich geworden, dass nahezu weltweit das kapitalistische Wirtschaftssystem als „naturgegeben“ akzeptiert wurde.

Der Post-Development Ansatz will aufzeigen, dass die Idee der „Entwicklung“ fast überall in der Gesellschaft als konkrete Wirklichkeit akzeptiert worden sei und dies zumeist mit positiver Konnotation. Dadurch seien die Industrieländer in der Lage gewesen, ihre Kontrolle über die restliche Welt auszubreiten und „doppelt“ zu legitimieren: Denn nicht nur in den „entwickelten“ Ländern sei man einverstanden, dass die „Anderen“ sich entwickeln müssen, auch die „Entwicklungsländer“ selbst folgen meist den Vorstellungen der Industriestaaten und nehmen sich selbst als „unterentwickelt“ wahr.

Vielfalt

Post-Development VertreterInnen wie Wolfgang Sachs, Gustavo Esteva und Vandana Shiva appellieren daher, den Begriff der „Entwicklung“ genau zu hinterfragen. Das Konzept der endogenen Entwicklung besage, dass sich die Entwicklung der Industriegesellschaften nicht auf jede andere Gesellschaft überstülpen lässt. Anstatt dieses eurozentristische Modell zu predigen, solle man die Besonderheiten einer jeden Nation berücksichtigen. Dadurch komme es automatisch zur Auflösung des Entwicklungsbegriffs: Denn wenn man davon ausgehe, dass jede Nation eigenständig und unabhängig sei und durch eigene Impulse gesteuert werde, sei anzunehmen, dass nicht immer „Entwicklung“ im Sinne der Industriestaaten das Ergebnis sei. Doch man müsse sich wohl bewusst sein, dass es schwierig sei, eine in der Gesellschaft derartig etablierte Ideologie wie jene der „Entwicklung“ grundsätzlich zu hinterfragen.

Die Argumente der Post-Development-VertreterInnen zeigen deutlich, dass diese Infragestellung schon lange fällig war, anstelle der sich immer wieder erneuernden Definitionen, Theorien und Strategien über „Entwicklung“, die bisher ohnehin erbarmungslos scheiterten.

Post-Development und die ökologische Debatte

Post-Development VertreterInnen beschäftigen sich auch mit der Frage von „Umwelt“ und „Entwicklung“. Seit dem Brundtlandbericht von 1987, in dem erstmals der Wunsch nach Entwicklung und die Sorge um die Umwelt zusammenfanden, wurde eine neue Ära der „Entwicklung“ eingeleitet. Denn durch die vermehrte Thematisierung der Umweltproblematik war eine neue Art von Problemstellung entstanden, so genannte globale Fragen. Trotz dieser globalen Fragen wurden die Rollen schnell wie gewohnt verteilt, als die Theorie aufkam, dass vor allem Armut Schuld an Umweltproblemen sei. Somit wurden die Bevölkerungen aus den „Entwicklungsländern“ zu Tätern gemacht, die durch ihre wirtschaftliche Lage ungewollt Umweltprobleme schufen, welche die gesamte Welt betrafen. Diese Theorie bot einige Vorteile. Zum einen wurde wegen der globalen Probleme erneut der Einfluss der Industrieländer in den „Entwicklungsländern“ gerechtfertigt. Außerdem wurden dadurch Fragen der ungleichen Verteilung und andere Konflikte ausgeblendet.

Der Post-Development-Ansatz kritisiert aber eben diesen Standpunkt. Denn bei näherer Betrachtung werde klar, dass die Sorgen der Industrieländer um Umweltprobleme tatsächlich vielmehr in Sorgen über die Aufrechterhaltung ihres Produktionssystems bestehen. Post-Development-VertreterInnen argumentieren, dass durch immer neue Strategien versucht werde, das kapitalistische System in Gang zu halten. Dabei stütze man sich auf zwei Annahmen: Erstens, dass die Gesellschaft die Natur über ihre Grenzen belasten müsse, und zweitens, dass man diese Ausbeutung optimieren müsse, um das System aufrechterhalten zu können. Die Logik der vorherrschenden Produktionsweise bliebe also unhinterfragt und in Folge werde nicht wirklich nach Lösungen für die Umweltproblematik gesucht, da Wirtschaftswachstum und Nachhaltigkeit zwei sich gegenseitig ausschließende Ziele seien.

Dauerhafte Lösungen für die Umweltproblematik kann es laut Post-Development DenkerInnen sehr wohl geben, allerdings nur, wenn es zu einer Grundsatzdebatte komme, welche die Zielvorstellungen des Westens, allen voran das Produktionssystem, gründlich hinterfrage. Dazu könne es aber nicht kommen, solange die westliche Wirtschaftsgesellschaft noch immer als selbstverständlich  betrachtet werde. Alternativen gäbe es zahlreiche, wie auch Wolfgang Sachs schreibt: „(Es) wäre eine Vielzahl von Zukunftsperspektiven für Gesellschaften denkbar, die das Niveau ihrer materiellen Produktion beschränken, um sich anderen Idealen zu verschreiben, die aus ihrer Tradition erwachsen“. (Sachs 1993: 426f.)


Weiterführende Literatur

Wolfgang Sachs (Hg.) (1993): Wie im Westen so auf Erden. Ein polemisches Handbuch zur Entwicklungspolitik. Reinbeck bei Hamburg.

Wolfgang Sachs (Hg.) (1994): Der Planet als Patient. Über die Widersprüche globaler Umweltpolitik. Berlin.

Aram Ziai (2004): Entwicklung als Ideologie? Das klassische Entwicklungsparadigma und die Post-Development-Kritik. Ein Beitrag zur Analyse des Entwicklungsdiskurses. Deutsches Übersee-Institut: Hamburg.

Aram Ziai (2006): Zwischen Global Governance und Post-Development. Entwicklungspolitik aus diskurspolitischer Perspektive. Münster.

Carina Eilen studiert Internationale Entwicklung an der Universität Wien.

 

Veröffentlicht in Entwicklungspolitik.