Peru kommt nicht zur Ruhe: Die jüngsten Ereignisse um die Besetzung einer Polizeistation in den peruanischen Anden zeigt die andauernde Fragilität des peruanischen politischen Systems. Der Bericht der Wahrheitskommission zu den Verbrechen, die während des bewaffneten Kampfes von der maoistischen Guerillaorganisation "Leuchtender Pfad" und den peruanischen Streitkräften zwischen 1980 und 2000 verübt worden waren, ist bedrückend und machen das Ausmaß an Gewalt deutlich: Etwa 50.000 Menschen wurden ermordet, 7618 verschwanden, mindestens 22.000 saßen unschuldig im Gefängnis. Erst Präsident Alberto Fujimori beendete in der ersten Hälfte der 1990er Jahre die bürgerkriegsähnlichen Zustände durch massive Repression. Er schränkte die Rechte des Parlaments ein und ließ 1993 eine neue Verfassung ausarbeiten. Die Bevölkerung belohnte dies 1995 mit seiner Wiederwahl. Die zweite Amtsperiode war jedoch von Korruption und einem autokratischen Stil geprägt. Mit Hilfe von Vladimiro Montesinos, dem damaligen Chef des Geheimdienstes, wurden einflussreiche Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens mit US-Dollars aus den Staatskassen großzügig bedient, um eine erneute Wahl Fujimoris zu ermöglichen. Kurz nach der Wahl im Jahre 2000, die er durch Wahlbetrug knapp gewann, wurde ihm dieser Skandal zum Verhängnis. Er verließ fluchtartig das Land in Richtung Japan.
Präsident Toledo
Nach einer kurzen und ruhigen Übergangszeit wurde 2001 Alejandro Toledo zum Präsidenten gewählt. Er trat mit dem Versprechen an, den Sumpf der Korruption auszutrocknen, die Demokratie zu erneuern und die soziale Lage der armen und indigenen Bevölkerung zu verbessern. Es stellte sich jedoch bald heraus, dass er seine Versprechen nicht einlösen konnte, obendrein verstrickte er sich in Skandale mit der alten Elite. Umfassende Kabinettsumbildungen, diverse Vergünstigungen für seine Familienmitglieder und Liebesaffären prägten für längere Zeit die öffentliche Debatte. Die unglücklichen öffentlichen Auftritte seiner belgischen Gattin, die JournalistInnen und UnternehmerInnen öffentlich beschimpfte, taten ihr Übriges, sodass Toledo innerhalb kurzer Zeit jegliche politische Glaubwürdigkeit verspielte.
Marsch auf Lima
Erste massive Proteste gab es in den südlichen Departements um die Stadt Arequipa, als die Regierung die Privatisierung der Gas- und Wasserversorgungsbetriebe bekannt gab. Die Unruhen konnten nur mit Hilfe des Militärs beendet werden und die Regierung musste den Forderungen nachgeben. Darüber hinaus formierten sich Gewerkschaften, StudentInnen und die Kokabauern und -bäurinnen zu einem friedlichen politischen Widerstand. In einem "Marsch auf Lima" verlangten sie eine Änderung von Toledos Politik. Der linke Kongressabgeordnete Javier Diéz Canseco kündigte ein breites Wahlbündnis für die nächsten Präsidentenwahlen an. Abseits sozialer Widerstandsformen nimmt jedoch die Gewaltbereitschaft zu. So erregte die Meldung, dass ein Bürgermeister einer kleinen Gemeinde im andinen Hochland von einer aufgebrachten Menge gelyncht worden war, weil ihm die Veruntreuung von Steuergeldern vorgeworfen wurde, weltweit mediale Aufmerksamkeit. Selbst in der Hauptstadt Lima werden politische Konflikte mit Gewalt gelöst. Ein Rechtsstreit zwischen den Verwaltungen zweier Bezirke über eine Parkanlage eskalierte in eine blutigen Straßenschlacht.
Die bewaffnete Revolte 2005
Die bewaffnete Revolte in den ersten Tagen des Jahres 2005 in Andahuaylas, einer armen Andenprovinz südlich der Hauptstadt Lima zeigen die Militanz und das Gewaltpotential des "Movimiento Nacionalista Peruano" (MNP, "Peruanische nationalistische Bewegung"). Schon im Oktober 2000 machten Antauro Humala, der Führer des MNP, und sein Bruder Ollanta, beide damals noch im Militärdienst, auf sich aufmerksam, indem sie die Waffen gegen Präsident Fujimori erhoben. Diese Aktion ging jedoch im Korruptionsskandal bzw. durch die Flucht Fujimoris unter. Der Nachfolger Fujimoris, der Übergangspräsident Valentín Paniagua, amnestierte die beiden Brüder, um die soziale und politische Stabilität nicht zu gefährden.
Antauro Humala gründete den MNP, zog sich in die unzugänglichen und armen Andenprovinzen zurück und mobilisierte bei der indigenen Bevölkerung fast 600 ReservistInnen. Immer wieder äußerte sich Antauro zu innenpolitische Themen und geißelte die Privatisierungspolitik Toledos und den Ausverkauf des Staatseigentums an die "chilenischen Staatsfeinde". Er knüpfte Kontakte zur indigenen Bewegung in Ekuador, aber auch zu den beiden bekannten Kokabauernführern Evo Morales und Felipe Quispe in Bolivien. Die vermeintliche Nähe zu linken Bewegungen und Parteien – so bekannte er sich als "wahrhafter Freund und Bruder von Hugo Chávez", dem Präsidenten von Venezuela – ist jedoch trügerisch. Sowohl die soziale Bewegung der Kokabauern und bäurinnen im eigenen Land, die sich nicht instrumentalisieren lassen wollten, als auch sämtliche linken Parteien grenzen sich scharf von den Ideen des MNP ab und bezeichnen diesen als ultra-nationalistisch und rassistisch. Tatsächlich spricht der MNP offen vom "genetischen Talent des andinen Menschen" und verficht eine Art indigenen nationalen Sozialismus. Antauro Humala ist kein unbeschriebenes Blatt. Er soll 1986 und 1987 im Kampf gegen den "Leuchtenden Pfad" als Kommandant einer Militäreinheit an Massakern gegen die Zivilbevölkerung beteiligt gewesen sein.
Die jüngste bewaffnete Erhebung gegen Präsident Toledo zeigen die Fragilität des politischen Systems. Viele PeruanerInnen sehen die derzeitige Führung als korruptes Regime. Die angespannte Situation ist vor allem hausgemacht. Die Unterstützung für die Regierung Toledo war noch nie so gering. Das katastrophale Erscheinungsbild der Regierung führt dazu, dass immer mehr Menschen den Glauben an das demokratische System verlieren. Demokratie wird in Peru immer mehr zum Synonym für politische Instabilität, Unordnung und Ineffizienz. Jederzeit kann Protest zu offener Gewalt führen und neuerliche bewaffnete Auseinandersetzung sind zu befürchten. Peru stehen schwierige Zeiten bevor.