Eine Präsentation des Buches „Österreich und die Dritte Welt. Außen- und Entwicklungspoltik der Zweiten Republik bis zum EU-Beitritt 1995.“ von Gerald Hödl.

Die
Debatte über das Verhältnis Österreichs zu den Ländern der so genannten
Dritten Welt wird bis auf wenige tagespolitische Meldungen fern der
Öffentlichkeit geführt.
Der Historiker Gerald Hödl bietet einen
Überblick über die österreichische Außen- und Entwicklungspolitik der
Zweiten Republik bis zum EU-Beitritt 1995.
Der prekäre Begriff "Dritte Welt" begleitet die LeserInnen durch die gesamte Untersuchung:
"Ungeachtet
durchaus vorhandener definitorischer Skrupel verstehe ich darunter die
Staaten Afrikas, Lateinamerikas und Asiens (ohne Japan und
Sowjetunion/Russland). Inkludiert sind dabei die sozialistischen Länder
wie China, Vietnam und Kuba ebenso wie Südafrika und der Nahe Osten."
Mit diesem Zitat widersetzt sich der Autor den herkömmlichen
Vorstellungen von den zu der "Dritten Welt" gehörenden Nationen. Die
Darstellung der unterschiedlichen Positionen Österreichs zur "Dritten
Welt" im historischen Zeitrahmen 1945 1995 wird von Gerald Hödl mit
einem Exkurs der internationalen ökonomischen Interessen an der
Peripherie eingeleitet. Ein vom Autor konzipiertes
Drei-Phasen-Modell bildet einen Leitfaden durch das gesamte Werk. Für
den Untersuchungszeitrahmen konstatiert Gerald Hödl zwei historische
Zäsuren, die Weltwirtschaftskrise zu Beginn der 1970iger Jahre und die
Durchsetzung neoliberaler Ideen zu Beginn der 1980iger Jahre.
Die
Stärke der vorliegenden Untersuchung liegt im Nachweis der engen
Verflechtungen der jeweiligen ökonomischen Gegebenheiten mit den
entwicklungspolitischen Aktionen der kapitalistischen Welt. Nolens
volens agierte der Kleinstaat Österreich in diesem Rahmen.
Österreich "entdeckt" die "Dritte Welt"
Von
1945 1955 war die österreichische Außenpolitik geprägt von den
Bemühungen um die Wiedererlangung der vollen staatlichen Souveränität.
Wider die Intention einer wissenschaftlichen Arbeit unterstreicht der
Autor durch zahlreiche Zitate aus Nationalratsprotokollen unfreiwillig
den tragikomischen Aspekt dieser Jahre. Einerseits wurde ein
Vergleich mit den Opfern des Kolonialismus nicht gescheut, andererseits
ist eine deutliche Abgrenzung und Erhebung über die Staaten der
"Dritten Welt" nachweisbar.
Veranschaulichen lässt sich diese Haltung durch Aussagen des sozialdemokratischen Politikers Ernst Koref, einerseits zählt er die Österreicher zu den "Kulturvölkern dieser Erde", die es nicht verdienten, "zum Kolonialdasein erniedrigt zu werden", andererseits wertet er Libyen ab, "in dem von zehn Bewohnern kaum einer lesen und schreiben kann".
Mit
Österreichs Beitritt zu den Vereinten Nationen im Dezember 1955 und mit
der Einrichtung eines eigenständigen Außenministeriums im Jahr 1959
lassen sich verstärkte Außenbeziehungen zu den Ländern der Peripherie
nachweisen. Uneigennützig waren diese Bemühungen nicht, und die Früchte
dieser Beziehungen mündeten in die Ansiedlung der UNIDO, der OPEC und
letztendlich eines dritten UN-Amtssitzes in Wien.
Good Cop – Bad Cop
Innerhalb
des vom Autor konzipierten "Drei-Phasen-Modells" sind in der zweiten
Phase des Zeitrahmens, in den 1970iger Jahren, verstärkte diplomatische
Kontakte Österreichs zu Asien und Lateinamerika auffällig. Weiters versuchte
das neutrale Österreich die Möglichkeiten der Neutralität auszuschöpfen
und ab Mitte der 1970iger Jahre eine "konfliktdämpfende Rolle"
innerhalb der Weltpolitik zu übernehmen. Gerald Hödl veranschaulicht
diese Bemühungen mit dem Vergleich des "Bad Cop – Good Cop – Modells".
Während die USA ihre Beziehungen zu Ländern der Peripherie durch
repressive Vorgangsweisen "pflegte", plädierte Österreich für einen
Dialog. Jenseits der im Buch ausführlich beschriebenen parteipolitischen Positionen zum "Nahen Osten", zu Nicaragua, zu
Afghanistan, zum Irak etc. lässt sich die Politik Österreichs am
politischen Vokabular festmachen. Aufmerksamen BeobachterInnen des
politischen Sprachgebrauchs wird aufgefallen sein, dass der später oft
zitierte Begriff "Nord-Süd-Dialog" den bis zu jenem Zeitpunkt gängigen
Begriff "Nord-Süd-Konflikt" beinahe vollständig ersetzte. Egal welcher
politischen Coleur das Personal des Staates Österreich angehörte, der
"Dialog" war zu einer außenpolitischen Größe geworden. Nach dem
Zusammenbruch des realsozialistischen Blocks wurde der Begriff auf den
"Ost-West-Dialog" umgelegt.
Die Praxis der Entwicklungspolitik
Die
Lektüre des Kapitels Entwicklungshilfe gestaltet sich wie eine
Anleitung zum Gebrauch des kriminalistischen Spürsinns für
entwicklungspolitisch Interessierte. Die vom Autor geschilderten detaillierten realpolitischen Gegebenheiten waren größtenteils von Konzeptlosigkeit geprägt. Welche Staaten in
den Genuss der Hilfe kamen, divergierte abhängig von den
unterschiedlichen Sichtweisen der jeweiligen politischen Rahmenbedingungen, korrespondierte jedoch immer mit den Zielen der
kapitalistischen Zentren. Schwerpunkte der Entwicklungshilfe lassen
sich mit den Termini "Bekämpfung des Hungers und der Armut",
"Landwirtschaftliche Hilfsprogamme", "Bildungsprojekte" und "Hilfe zur
Selbsthilfe" beschreiben. Grundsätzliche Einigkeit herrschte über die
Notwendigkeit der Entwicklungshilfe.
Zahlreiche Querverweise
und Fußnoten erschweren zwar das Lesen, vermitteln aber die Komplexität einer Untersuchung in die unmittelbare politische Vergangenheit Österreichs.
Gerald Hödl: Österreich und die
Dritte Welt. Außen- und Entwicklungspoltik der Zweiten Republik bis zum
EU-Beitritt 1995. Wien: Promedia, 2004. 303 Seiten, 21,90 , ISBN:
3-85371-229-0.