Open Source erfreut sich immer größerer Beliebtheit. Wie ist aber ein
kollektiver und nicht ausschließlich ökonomisch motivierter
Schaffensprozess mit einer gesellschaftlichen Produktionsweise
vereinbar, die auf Privateigentum und Warenform beruht? Teil III einer
vierteiligen Serie.
Wie kommt es zur These der Property Rights Theorie, dass nur die Möglichkeit, Arbeitsprodukte exklusiv verwerten zu können, dass also nur Privateigentum zu wirtschaftlicher Effizienz führe? Kehren wir zurück zu Douglass North: Ausgehend von den Grundannahmen der Neoklassik untersuchte er wirtschaftliche Organisationsformen in der Geschichte auf ihre "Effizienz hin, wobei er diese immer dann als gegeben ansah, wenn das nutzenmaximierende Verhalten der Subjekte zu "Ausstoßsteigerung, d.h. zu einem Wachstum an Gütern, führte.
Wie haben die jeweiligen Organisationsformen von Herrschaft und Staat das nutzenmaximierende Verhalten der Wirtschaftssubjekte beeinflusst, sodass es zu einem Wachstum an Gütern kam? Zur Beantwortung dieser Frage erweitert North das neoklassische Modell, nach dem die Produktionskosten aus den Faktoren Boden, Arbeit und Kapital resultieren, um Aufwendungen, die bei der Transaktion der Güter entstehen, genauer: um Aufwendungen für "Abgrenzung, Schutz und Durchsetzung der Eigentumsrechte an Gütern"(1).
Kritik der Property Rights Theorie
Mit der überzeitlichen Verwendung einer Kategorie, hier jener des Privateigentums oder, was bei North das Gleiche ist, der gesicherten Eigentumsrechte, werden historische Unterschiede in den Eigentumspraxen nivelliert, wird vom jeweiligen gesellschaftlichen Wirkungskontext abstrahiert. Dies hatte schon Karl Marx den bürgerlichen Sozialphilosophen vorgeworfen, indem er feststellte, dass alle Produktion Aneignung von Natur und es daher eine Tautologie sei, wenn man sage, dass das Eigentum (Aneignung) eine Bedingung der Produktion sei. "Lächerlich" aber sei es, "hiervon einen Sprung auf eine bestimmte Form des Eigentums [Herv. d. Verf], z.B. das Privateigentum zu machen". (2)
Eigentumsformen könne man erst im Rahmen einer Analyse der jeweiligen Produktionsstufe identifizieren, auf der sich die zu untersuchende Gesellschaft befindet. Bis in das 19. Jahrhundert hinein etwa war im größeren Teil Europas der Boden der entscheidende Produktionsfaktor, aber: "Es gab kein Bodeneigentum im Sinne des modernen Eigentumsbegriffs, d.h. einer zum Ausschluß Dritter berechtigenden willkürlichen Verfügungsgewalt [Herv. d. Verf.]". (3)
Eigentum: ein soziales Verhältnis
Eine überzeitliche Kategorie von "gesicherten Eigentumsrechten" ist analytisch nicht haltbar, vielmehr müssen Eigentumsformen aktuell und historisch im Kontext der jeweils herrschenden Produktionsverhältnisse betrachtet werden. Mit anderen Worten: Eigentumsverhältnisse drücken immer schon spezifische historische Produktionsverhältnisse aus und umgekehrt. Damit ist aber zugleich gesagt, dass Eigentum nicht einfach eine Sache sein kann (sei sie nun materiell oder immateriell), wie das der Alltagsverstand in der Regel wahrnimmt. Dies blendet aus, dass es sich bei Eigentum um ein soziales Verhältnis handelt.
Eigentum im Kapitalismus
Eigentum ist aber nicht nur einfach ein soziales Verhältnis zwischen Menschen, sondern eines zwischen Menschen, die sich in verschiedenen hierarchisch gegliederten Positionen einer Gesellschaft befinden. In kapitalistischen Gesellschaften stehen sich KapitalistIn und ArbeiterIn in diesen machtungleichen Positionen gegenüber. Nach Marx haben KapitalistInnen als PrivateigentümerInnen der Produktionsmittel die Macht und die Kontrolle über den Einsatz dieser Mittel. Als KäuferInnen der Arbeitskraft bestimmen sie zudem den Zweck deren Einsatzes. Zweck der im Privateigentum befindlichen Produktionsmittel ist es demnach, mit dem vorab eingesetzten Kapital mehr Wert Mehrwert zu erwirtschaften, nicht mit dem Ziel, es für Genussmittel und Luxus auszugeben (dies ist ein Nebenprodukt), sondern mit dem Ziel, es wiederum in den Produktionsprozess zu stecken, um wiederum Mehrwert zu schöpfen, um diesen wiederum in die Produktion zu investieren, usw., kurz: um zu akkumulieren.
Mit dieser Akkumulation von Kapital um seiner selbst Willen hat Eigentum (an Produktionsmitteln) im Kapitalismus einen anderen Zweck als in vorkapitalistischen oder nichtkapitalistischen Gesellschaften. Dies ist der zentrale Unterschied. Die notwendige Voraussetzung für den kapitalistischen Produktionsprozess ist das Vorhandensein eigentumsloser ArbeiterInnen, des "doppelt freien Arbeiters". "Doppelt frei", weil er frei sein muss von Subsistenzmitteln (er darf keinen Zugriff auf Produktionsmittel haben, mittels derer er sich selbst reproduzieren könnte) und weil er frei sein muss, seine Arbeitskraft zu verkaufen. Die zentrale rechtsphilosophische Legitimation des bürgerlichen Eigentums, nämlich dass eigene Arbeit Eigentum begründe, trifft demnach für den Kapitalismus nicht zu: ArbeiterInnen haben in der Regel gerade kein Eigentumsrecht auf die von ihnen hergestellten Arbeitsprodukte.
Property Rights Theorie: ahistorisch und tautologisch
Vor diesem Hintergrund lässt sich nun auch erklären, wie der ahistorische Ansatz der Property Rights Theorie zustande kommt. Ihre Prämissen entstammen der unreflektierten Verallgemeinerung von Beobachtungen einer konkreten Wirklichkeit, die das Beobachtete – die gesellschaftlichen Machtverhältnisse – erst selbst erzeugt: Der Zugang zu Produktionsmitteln ist höchst ungleich verteilt und wird spezifisch genutzt, nämlich zur Kapitalakkumulation. Eine Voraussetzung dafür ist das Privateigentum an Produktionsmitteln und das damit verbundene Privateigentum an den hergestellten Produkten.
Die Property Rights Theorie abstrahiert aber von diesem historisch-konkreten Produktionsverhältnis und macht daraus ein allgemeingültiges und eben abstraktes, eine "bei gesicherten Eigentumsrechten effiziente Produktion". Dies erweist sich im Ganzen schließlich als Tautologie, als Zirkelschluss, der lautet: Gesicherte Eigentumsrechte sind effizient, weil Effizienz (im Sinne von Kapitalverwertung) auf gesicherten Eigentumsrechten basiert (Privateigentum im Kapitalismus). Auch für die zentralen Annahmen der Neoklassik, der Basis der Property Rights Theorie, gilt dies. Von den historisch-konkreten Verhältnissen des Kapitalismus wird abstrahiert und übrig bleiben Verhaltensweisen von Individuen, die zur Menschennatur erklärt werden, Verhaltensweisen, die aber erst Ergebnis einer konkreten Produktionsweise sind.
(1) North, Douglass: Institutionen institutioneller Wandel und Wirtschaftsleistung. Tübingen, 1992, S. 33.
(2) Marx, Karl (, ): Grundrisse der Kritik der Politischen Ökonomie. Rohentwurf. Berlin, 1953 [1857/58], 9f.(3) Rittstieg, Helmut: Eigentum als Verfassungsproblem. Zu Geschichte und Gegenwart des bürgerlichen Verfassungsstaates. Darmstadt 1975, S. 3.
Lesen Sie am 11. Mai 2005 im vierten und letzten Teil der Serie: Open Source: Gute Idee falsches System?
Lydia Heller ist ist freie Radiojournalistin und lebt in Berlin.
Sabine Nuss ist Politologin und Redakteurin der Prokla.
Die Langversion (pdf) dieses Artikels ist auf der Website von Sabine Nuss
zu finden und wurde in: Robert A. Gehring und Bernd Lutterbeck (Hg.):
Open Source Jahrbuch 2004. Zwischen Softwareentwicklung und
Gesellschaftsmodell. Berlin, 2004. erstmals veröffentlicht.