In einer von multiplen Krisen geprägten Welt sind die Themen Hunger und Nahrung drängende Probleme. In diesem Sinne ist es passend, dass Südwind als Organisator der Tagung „Ungleiche Welt – Herausforderungen für die Entwicklungszusammenarbeit“ zwei Redner*innen aus Afrika einlud, um über Agrarökologie und Ernährungssouveränität zu sprechen.
Die entwicklungspolitische Fachtagung wird jährlich vom Verein Südwind im Auftrag der Stadt Wien organisiert. Dieses Jahr fand sie wieder im Wappensaal des Rathauses statt und zog um die 200 Interessierte an. Während sich die erste Hälfte der Vorträge mit einer politökonomischen und soziologischen Analyse globaler Ungleichheiten beschäftigte, wurde im zweiten Teil auf praxisbezogene Ansätze zu deren Überwindung fokussiert. Dabei ging es vor allem um landwirtschaftliche Aspekte. Simon Bukenya stammt aus Uganda und ist dort Programmmanager bei der Alliance for Food Sovereignty in Africa (AFSA). Melissa Murwira, gebürtige Simbabwerin, ist Managerin der Organisation Young Volunteers for Environment in Simbabwe. Sie beide waren Teil des Organisationsteams des von der AFSA Youth Platform veranstalteten 1.000 African Youth Summit on Food Systems Transformation 2024. Vor der EZA-Tagung fand auch ein Hintergrundgespräch mit den beiden Gästen statt.
Ökologische Ungleichheit verstehen.
Bevor man sich mit den von den beiden präsentierten Lösungsansätzen beschäftigen kann, muss erst das Problem erläutert werden. Das Konzept ökologischer Ungleichheit beinhaltet globale Disparitäten in Bezug auf den Zugang zu natürlichen Ressourcen, sowie Ungleichheiten hinsichtlich der Vulnerabilität gegenüber Umweltgefahren, womit auch die Konsequenzen der Klimakrise ins Spiel gebracht werden. Konkret können sich diese etwa in Form von Überschwemmungen, Dürren oder extremen Wetterbedingungen manifestieren. Als Herausforderungen für das globale Ökosystem sind unter anderem die Erosion von Land und Wäldern, eine sinkende Biodiversität und ungeplante Urbanisierung zu nennen, die an politische Entscheidungen gebunden sind. Die wohl greifbarste Konsequenz ökologischer Ungleichheit sind ungerechte Bedingungen für Produktion und Verteilung von Nahrungsmitteln.
In Bezug auf Afrika müssen neokoloniale Strukturen, Ressourcenextraktion und die fortschreitende Industrialisierung hervorgehoben werden. Die beiden Aktivist*innen konzentrieren sich in ihrer Arbeit auf die Möglichkeitsräume afrikanischer Initiativen, während sie gleichzeitig Eigenständigkeit und Unabhängigkeit gegenüber dem globalen Norden fordern. So werde die African Union (AU), kritisierte Bukenya, von externen Institutionen kontrolliert. Laut dem Bericht des Peace and Security Council der AU kamen 2021 75% ihrer Mittel von externen Partnern, vor allem von der EU und einzelnen EU-Mitgliedern. Von außen auferlegte Politikprogramme würden Bemühungen für zwischenstaatlichen Güteraustausch verhindern und somit Ernährungsungleichheit verfestigen. Bukenya nannte das Beispiel von Uganda und Kenia: Der in Uganda produzierte Mais könne nicht an Kenia verkauft werden, da Kenia dieses Nahrungsmittel bereits aus Mexiko importiert.
Gleichzeitig werde im öffentlichen Diskurs oft eine industrialisierte Landwirtschaft sowie Projekte wie die Alliance for a Green Revolution in Africa (AGRA) von der Bill and Melinda Gates Foundation und der Rockefeller Foundation als Lösung für die Ernährungskrise propagiert. Mittels politischer Einflussnahme setzten sie sich für die Steigerung der Lebensmittelproduktion durch neue Anbaumethoden in Kombination mit moderner Technologie, synthetischen Düngemitteln und ertragreichen Samen ein. In Wahrheit führe dies aber zu Abhängigkeit, Mangelernährung, Gesundheitsgefährdung und dem Aussterben einheimischer Getreidesorten. Außerdem führe AGRA Landwirt*innen in die Abhängigkeit: von der Organisation selbst, weil sie über die für ihre Arbeitsweise notwendigen Informationen verfüge, und von Konzernen, die die erforderlichen Produkte herstellen.
Agrarökologie und die Rolle von AFSA.
Beide Sprecher*innen plädieren für eine Umstellung der landwirtschaftlichen Produktion auf agrarökologische Zugänge, sowohl in Afrika als auch im globalen Kontext. In diesem Konzept geht es um die Anwendung der ökologischen Wissenschaft für eine nachhaltige und widerständige Landwirtschaft. Damit hängt auch die Stärkung von Kleinbäuer*innen, die in Harmonie mit Natur und Nutztieren Nahrung produzieren, zusammen. Bukenya nennt hierfür dreizehn Grundprinzipien, unter anderem Diversität, Resilienz, menschliche und soziale Werte, die Kollektivierung von Wissensproduktion und -austausch sowie Tierwohl. Agrarökologie sei Wissenschaft, Praxis und soziale Bewegung zugleich, und nur ein solch mehrdimensionaler Zugang könne sich als wirkmächtig erweisen.
Die bereits erwähnte AFSA ist ein Bündnis aus zivilgesellschaftlichen Organisationen, Bäuer*innenverbänden, Viehhalter*innen, Fischer*innen, Indigenen, Glaubensgemeinschaften, Konsument*innen und Aktivist*innen, das sich für eine gesellschaftliche Transformation hin zu einer agrarökologischen Praxis einsetzt. Der Aufbau der Bewegung soll auf Wissensaustausch und der Integration von diversen Stimmen basieren, und zielt durch die Einbeziehung von Interessensvertreter*innen, Regierungen und Gemeinden auf eine verstärkte Einflussnahme auf politische Strategieentwicklung ab. Dieser Ansatz ist insofern kollaborativ, als dass er Allianzen mit Akteur*innen des globalen Nordens, wie Kleinbäuer*innen und Nichtregierungsorganisationen, in seine Strategie inkludiert. Dabei gehe es darum, die lokalen Herausforderungen zusammenzuführen, Erfahrungen zu teilen, aber auch den Lobbyismus für eine agrarökologische Transformation zu stärken. Ein weiteres zentrales Prinzip ist Wissensgenerierung und -verbreitung, mit einem Fokus auf partizipative Forschung und lokales Wissen.
Generationen im Austausch.
Ein zentraler Punkt, den Bukenya und Murwira herausstreichen, ist die Rolle der Jugend und des Austauschs zwischen Generationen für die Ausarbeitung und Verbreitung von Agrarökologie. Aus diesem Grund wurde der First Thousand Youth Summit on Food Systems and Agroecology (Oktober 2024) veranstaltet, wo sich über 1300 Vertreter*innen der afrikanischen Jugend aus 47 Ländern zusammenfanden, um über Ernährungssouveränität zu diskutieren. Neben der Forderung nach höheren Investitionen in Agrarökologie, sind auch die in der Erklärung des Gipfels festgehaltenen Aspekte bezüglich des Zugangs zu Ressourcen, der digitalen Inklusion, der Landrechte und bäuerlich verwalteter Saatgutsysteme zu nennen.
Melissa Murwira ging in ihrem Vortrag auf den Zusammenhang zwischen intergenerationaler Ungleichheit und Agrarökologie ein. Diese Ungleichheit bezieht sich auf die geringen Partizipations- und Mitbestimmungsmöglichkeiten der afrikanischen Jugend. Murwira plädiert für einen kollaborativen Ansatz des dialogischen Lernens zwischen der älteren und der jüngeren Generation, bei dem die jeweiligen Stärken und Wissensbestände voneinander profitieren können. Wichtig sei auch der Gemeinschaftsaspekt, da Communities mit einem gemeinsamen Wertekompass auch widerständig agieren können. Agrarökologie ist dabei nicht nur das Ziel, sondern auch das Instrument für intergenerationale Beziehungen. Als Herausforderungen wurden kommunikative und technologische Spaltung, die fehlende Unterstützung für rurale Gemeinschaften und der schwierige Zugang zu Land und Ressourcen genannt. Die Rolle, die Murwira der Jugend zuschreibt, ist eine vielfältige und inkludiert (Aus-)Bildung, Praxis, Mobilisierung und politische Partizipation.
Die Lektionen, die man aus den beiden Beiträgen ziehen kann, sind nicht nur auf den afrikanischen Kontinent beschränkt. Die industrielle Landwirtschaft und an sie gebundene Finanzierungsmechanismen tragen global eine wesentliche Verantwortung für Klimakrise, soziale Ungerechtigkeit und Tierleid. Die leitenden Entscheidungsträger*innen sind Akteur*innen des globalen Nordens, während der globale Süden die meisten Schäden davonträgt. Die herrschenden Klassen des globalen Südens profitieren von dem ungleichen Austausch landwirtschaftlicher Produkte und agieren insofern ebenso im Interesse des globalen Nordens. In diesem Zusammenhang bleibt die Frage offen, ob die propagierte, im Fokus von AFSA stehende Strategie der Interessensvertretungsarbeit als widerständige Praxis Früchte tragen kann, wenn sich Machthaber*innen den transformativen Anforderungen widersetzen und dem Einfluss von superreichen Philantrop*innen nichts entgegengesetzt wird. Eine transformative und widerständige landwirtschaftliche Bewegung kann nur von unten und nur mit einem kollektivistischen Anspruch entstehen. Bukenya und Murwira sprachen vor allem über Bündnisse: Bündnisse zwischen Kleinbäuer*innen, Bündnisse zwischen marginalisierten Stimmen in Nord und Süd, Bündnisse zwischen Generationen.
Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.
Das Titelbild zeigt Samen aus dem West African Agricultural Productivity Program. © World Bank Photo Collection.
Weiterführende Links:
Alliance for Food Sovereignty in Africa (AFSA)