
Eine Präsentation des Sammelbandes Nachhaltig reich nachhaltig arm?, herausgegeben von Werner G. Raza und Andreas Novy.
Der im Titel Nachhaltig reich nachhaltig arm bereits angedeuteten, explizit kritischen Ausrichtung des Buches, liegt die Feststellung zugrunde, dass sowohl die Praxis als auch die Theorie, die das derzeit so prominente Konzept der Nachhaltigen Entwicklung flankieren, einen bemerkenswerten blinden Fleck aufweisen:
Der Zusammenhang zwischen global und lokal ungleicher sozio-ökonomischer sowie ökologischer Verteilung und Machtverhältnissen wird im Nachhaltigkeitsdiskurs weitgehend ausgeblendet. Andreas Novy und Werner Raza haben dementsprechend elf Aufsätze einer internationalen AutorInnenschaft versammelt mit dem Anspruch, die Verwobenheit von Fragen des Umweltschutzes mit Verteilungs- und Machtfragen sichtbar zu machen.
Von der Systemkritik zur Technokratie
Auffällig ist die ausgeprägte Heterogenität der einzelnen Beiträge des Sammelbandes, die sich einerseits durch die verschiedenen Perspektiven in den drei Teilen des Buches, andererseits durch die Anwendung unterschiedlicher Machtbegriffe und methodischer Zugänge in den einzelnen Texten, erklären lässt. Dementsprechend beschäftigen sich zwar beide Beiträge im ersten Teil des Buches mit Nachhaltigkeit auf diskursiver Ebene und entwickeln die These, dass der Nachhaltigkeitsdiskurs das brüchig gewordene Entwicklungsparadigma als herrschaftsstabilisierendes Prinzip ersetze; sie stützen sich dabei aber auf unterschiedliche Herangehensweisen. Der Artikel von Groeneveld basiert in erster Linie auf persönlich-moralischen Reflexionen, verquickt mit historischen Ausführungen. Diese Zugangsweise und die fehlende methodische Klarheit erscheinen in dem Ausmaß problematisch, in dem sie der Feststellung der Koalition von Nachhaltigkeit und Herrschaftsinteressen den Beigeschmack einer Theorie der Verschwörung durch fortschritts- und herrschaftsbesessene Weltentwickler verleihen. Groeneveld befördert damit eine binäre Opposition zwischen gehetzten funktionierenden Systemteilnehmern und seiner Ansicht nach verantwortungsbewussten Menschen und tendiert zu einer Romantisierung der Dritten Welt, wo diese verantwortungsbewussten, in freiwilliger Selbstbegrenzung lebenden Menschen noch zu Hause seien.
Spehr und Stickler hingegen schaffen in ihrem Beitrag mit dem expliziten Bezug auf Foucaults Konzept der Verwobenheit von Diskurs, Macht und Wissen einen klaren methodischen Rahmen für ihre Beschäftigung mit der Verwandlung des systemkritischen Ökologiediskurses der 1970er zum entpolitisierten, technokratischen Nachhaltigkeitsdiskurs. Die Autoren stellen fest, dass Versatzstücke aus emanzipatorischen Diskursen in Leitbildern für eine nachhaltige Gesellschaft übernommen und in eine Öko-Spießigkeit und Ethik des Verzichts umgemünzt worden seien. Die Frage der ökologischen Verhältnisse werde einerseits zu einer von universellem Interesse erklärt und andererseits vollständig von Machtverhältnissen abgespalten. Das Paradigma der Nachhaltigkeit bilde laut Spehr und Stickler neben Globalisierung und Zivilgesellschaft ein zentrales Element im Prozess der postmodernen Re-formierung von Herrschaft, im Zuge derer neue, als ökologisch und ökonomisch unausweichlich erscheinende Grenzen gesetzt würden. Der Eindruck, dass die Autoren mit dieser Fundamentalkritik am Konzept Nachhaltigkeit ein Bild vom Herrschaftsdiskurs als erschlagende Totalität, die Widerstand unumgänglich verschluckt, zeichnen, wird durch abschließend andiskutierte Skizzen einer alternativen Praxis und eines radikal antihegemonialen Diskurses zumindest ansatzweise relativiert.
Nachhaltige Praxis?
Die Beiträge im zweiten Teil des Sammelbandes wenden sich der Manifestation dieses Diskurses in der Türkei und Brasilien, sowie in konkreten Projekten zu. Anhand eines Projekts der österreichischen EZA im brasilianischen Regenwald veranschaulicht Andreas Novy, inwiefern das Konzept Nachhaltigkeit die Interessen konservativer Geldgeber am Schutz des Regenwaldes mit den sozialen Interessen der lokalen Bevölkerung verschmelzen lässt und letztere damit in eine kapitalistische Entwicklungslogik einbindet, dabei aber wenig Spielraum für emanzipatorisches Handeln bleibt. Denn die durch Kurzfristigkeit charakterisierte Projektkultur in der EZA schaffe Machtnetzwerke, in denen Herrschaftsstrukturen reproduziert und westliches Wissen als absolut gesetzt würden. Dadurch würden ExpertInnen privilegiert und die lokale Bevölkerung exkludiert.
Aber nicht nur im Kontext der EZA wird Nachhaltigkeit problematisiert. Der Beitrag der grünen Bezirksrätin Sylvia Nossek ist von zentraler Wichtigkeit für diesen Sammelband, weil er veranschaulicht, dass Interessenskonflikte rund um Nachhaltigkeit und Verteilungsfragen nicht ausschließlich im globalen Süden oder auf Ebene seiner internationalen Verwobenheit mit dem Norden eine Rolle spielen, sondern auch in den Metropolen des Nordens selbst. Sie zeigt anhand der Verhinderung eines Schulbaus in einem Wiener Villenviertel, wie Naturschutzargumente für die Aufrechterhaltung der ungleichen Verteilung von Grünraum und Wohnqualität instrumentalisiert wurden.
Nachhaltigkeit im globalen Kapitalismus
Im dritten Teil des Buches stehen schließlich Verteilungsfragen auf globaler und makroökonomischer Ebene im Zentrum der Aufmerksamkeit. Hier werden unter anderem der ungleiche, ökologische Tausch zwischen der EU und Chile und die ungleich verteilten ökologischen und sozialen Kosten der Globalisierung aufgegriffen. Eine fundierte Analyse der Dynamik der Naturaneignung in kapitalistischen Entwicklungsprozessen bietet der Beitrag von Werner Raza. Bedauernswert ist, dass im dritten Teil des Sammelbandes der Konnex zu Nachhaltigkeit als zentrales Thema teilweise verloren geht. In den regulationstheoretisch ausgerichteten Beiträgen von Joachim Becker und Michael Dunford werden ökologische Fragestellungen nur äußerst marginal thematisiert, was darauf verweist, dass die Herausgeber der in der Einleitung erwähnten Schwierigkeit, durchwegs sowohl eine sozio-ökonomische, als auch eine ökologische Perspektive einzubringen, nicht gänzlich beikommen konnten.
Anna Ellmer studiert Internationale Entwicklung an der Universität Wien und ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum.
Werner G Raza und Andreas Novy (Hrsg.): Nachhaltig reich nachhaltig arm? Frankfurt am Main/Wien: Brandes & Apsel/Südwind, 1997. 222 S. ISBN 3-86099-273-2