Nachhaltigkeit als Brücke in die Zukunft

Internationale ExpertInnen aus Süd und Nord diskutierten am 23. Mai 2012 zum Thema Green Economy im Albert Schweitzer Haus über die Entwicklungen seit dem Erdgipfel 1992 in Rio de Janeiro sowie über die aktuelle Debatte um das „grüne“ Dokument der Vereinten Nationen, welches beim anstehenden Rio+20-Gipfel verhandelt werden soll.
Vor genau zwanzig Jahren wurden auf dem Erdgipfel in Rio de Janeiro internationale Konventionen zu Klimawandel, Desertifikation und Biodiversität, allgemeine Prinzipien und die Agenda 21 beschlossen. Trotz aller Hoffnung, die diese Zusammenkunft gab, sind die bisherigen globalen Entwicklungen eher ernüchternd. Der Gegensatz zwischen ungehemmter Globalisierung der Wirtschaft einerseits und Ökologisierung von Produktions- und Konsummuster andererseits wurde, den kritischen Stimmen nach, nicht nur 1992 zu wenig thematisiert. Er stellt auch innerhalb der Debatte um den Verhandlungsentwurf der Vereinten Nationen für den Rio+20-Gipfel im Juni einen zentralen Kritikpunkt dar.

    

Green Economy: Für Wirtschaftswachstum und Umweltschutz?

Der Entwurf erkennt an, dass multiple Krisen und unnachhaltige Entwicklung Druck auf unseren Planeten ausüben. Wirtschaftswachstum und Umweltschutz sollen durch Investitionen in grüne Technologien und natürliches Kapital, neue Ausbildungen, Technologietransfers, mehr Ressourceneffizienz und eine größere Rolle für den Privatsektor in Einklang gebracht werden. Viele Länder des Südens sowie Zivilorganisationen bleiben jedoch skeptisch gegenüber dem starken Glauben an den Markt und der Missachtung sozialer Probleme. Sie befürchten eine weitere Privatisierung der Allmendegüter sowie die Förderung risikoreicher Technologien.

Mercia Andrews, Aktivistin und Direktorin des Trust for Community Outreach and Education in Südafrika, vermisste in dem Konzept der grünen Ökonomie wirkliche Argumente, um die ökologische, soziale und finanzielle Krise in Angriff nehmen zu können. Der Kapitalismus sei das aktuelle System, welches diesen Schaden verursacht habe, somit müssten hier die Lösungen ansetzen und Fragen gestellt werden: Was wurde in den letzten zwanzig Jahren getan, um Arbeitslosenraten und Armut zu senken? Warum hat sich die Lage verschärft und nicht verbessert?

Henning Melber, Direktor der schwedischen Dag Hammarskjöld Foundation, war der Ansicht, dass wichtige Themen weit weg geschoben würden. Eine schmutzige Ökonomie, die auf der Ausnutzung endlicher Ressourcen basiert, müsse reflektiert und kritisch hinterfragt werden. Der Verhandlungsentwurf stelle jedoch nicht die fundamentale Produktionsform zur Debatte und es gehe weiterhin um bloße Kommodifizierung und Profit. Eine grüne Ökonomie bedeute nicht automatisch, dass sie auch eine nachhaltige sei.

Umverteilung, nachhaltige Arbeit und Sozialpolitik

Als allgemein problematisch wurde das exportorientierte und damit ressourcenaufwendige Wachstumsmodell angesehen. Melber informierte darüber, dass Schwellenländer wie Indien oder China großes Wirtschaftswachstum verzeichnen würden, gleichzeitig und proportional gesehen jedoch Armut innerhalb der Bevölkerung herrsche. Er betonte aber, dass sich die Wirtschaftsmodelle nicht von denen des Nordens unterscheiden würden, denn der Süden existiere im Norden wie der Norden im Süden: Es ist kein Kampf um ein alternatives Konzept, sondern es geht allen um den gleichen Kuchen., so Melber.

Dazu betonte Andrews, dass die Umverteilung von Wohlstand, von bereits vorhandenen Ressourcen, ebenfalls miteinbezogen und die sich stetig vertiefende globale Kluft zwischen Arm und Reich hinterfragt werden sollten. Sigrid Stagl, Ökonomin und Politologin an der Wirtschaftsuniversität Wien, beleuchtete diesbezüglich die Bedeutung von nachhaltiger Entwicklung für Arbeit und Beschäftigung, da diese einen essentiellen sozialen und ökonomischen Beitrag für die Gesellschaft leisten würden. Nachhaltige Arbeit funktioniere nicht auf der Basis eines bloßen wirtschaftlichen Effizienzdenkens. Sozialpolitik sei notwendig, um Effizienz überhaupt zu ermöglichen.

Welche Potenziale und Möglichkeiten gibt es?

Die Reduktion von Ressourcennutzung und Emission stelle eine große Herausforderung dar, wenn de facto in der EU die Umwelt eine primäre Position einnehme, während in Schwellenländern Märkte und Wachstum im Vordergrund stünden, so Moderator Werner Raza (ÖFSE). Staat und Politik müssten deshalb laut Melber wieder aktiv werden und ein Steuersystem entwickeln, welches den öffentlichen Interessen und dem Überleben dienen kann. Für ihn sei der eigene Weg die beste Praxis, wie Konzepte von Happiness und des Guten Lebens beweisen würden. Andrews befürwortete ihrerseits die Schaffung eigener öffentlicher Institutionen und damit die Ausweitung von Handlungsspielräumen für soziale Bewegungen. Landwirtschaftliche Alternativen in Lateinamerika würden ohne Pestizide, Herbizide und Monsanto arbeiten, erzählte sie.

Stagl sprach der grünen Ökonomie ein multidimensionales Potenzial zu, kritisierte aber, dass hauptsächlich vom Maß der Produktion wie dem BIP und von Märkten anstatt von welfare die Rede sei. Ludovico Alcorta, Direktor für Entwicklungspolitik, -statistik und -forschung (UNIDO), nannte dazu drei wesentliche Ziele innerhalb der Nachhaltigkeitsdebatte. An erster und zweiter Stelle stehen Wachstum und Beschäftigung und erst an dritter Gleichheit und nachhaltige Umwelt. Er zeigte sich dennoch überzeugt, dass die großen Herausforderungen angegangen werden müssten: We have to disorder something!

Andrews sah den Gipfel als Chance für die Zivilgesellschaft, sich zu reorganisieren. Wichtig sei, neben den Delegationen auch die nicht gehörten und befragten Stimmen zu bedenken. Wirtschaftsinteressen stünden hier realen Alltagsinteressen gegenüber. Von über 50 TeilnehmerInnen brachte es ein Herr aus dem Publikum schließlich auf den Punkt: Nachhaltigkeit ist nicht nur das, was wir jetzt tun, es ist auch eine Brücke, die die Zukunft sichert. Unsere sowie die vieler anderer.

Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum und studiert Internationale Entwicklung. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

Veröffentlicht in Entwicklungspolitik.