„Nachhaltige Entwicklung“ ein taktischer Begriff?

Seit dem Brundtland-Bericht von 1987, in dem erstmals der Begriff „nachhaltige Entwicklung“ verwendet wurde, kam es immer wieder zu Veränderungen im Nachhaltigkeitsdiskurs. Eine kritische Analyse der Begriffsgeschichte führt die Autorin zu der Frage, wessen Wohl im Zentrum eines „nachhaltigen“ Entwicklungsprozesses steht.1972 publizierte der Club of Rome seine Studie „Die Grenzen des Wachstums“, in der sich zum ersten Mal öffentlich kritische Worte über die vorherrschende Wachstumseuphorie fanden. Außerdem machte die Studie vorhandene Grenzen des kapitalistischen Systems sichtbar.

Entstehung des Begriffs „nachhaltige Entwicklung“

1987 wurde im Brundtland-Bericht der Begriff „nachhaltige Entwicklung“ erstmals verwendet. Dieser erlangte dadurch große öffentliche Aufmerksamkeit. Das Besondere am Brundtland-Bericht war nicht die Schaffung des Begriffs, sondern vor allem, dass die Disziplinen Ökologie und Entwicklung erstmals in enge Verbindung miteinander gebracht wurden. Die Hauptaussage des Berichts lautete, dass es langfristige und globale Umweltstrategien brauche, um dauerhafte Entwicklung auch für nachfolgende Generationen zu sichern. Der Zusammenhang zwischen Umwelt und Entwicklung wurde hergestellt, indem als Hauptursache für zunehmende Umweltzerstörung Armut angesehen wurde. Als zweite grundlegende Ursache für Umweltprobleme wurde auch die damalige Form wirtschaftlichen Wachstums gesehen. Dennoch lautete die Botschaft des Berichts weiter, dass für die Beseitigung von Umweltzerstörung und Unterentwicklung globales wirtschaftliches Wachstum notwendig sei. Durch die Annahme, dass die globale Bedrohung der Umwelt durch Wachstum verhindert werden könne, schufen sich die Industrieländer erneut die Möglichkeit für Interventionen in Entwicklungsländern.

UN-Weltkonferenzen zum Thema „nachhaltige Entwicklung“

1992 begann mit der Konferenz der Vereinten Nationen über Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro die Reihe der großen UN-Weltkonferenzen zum Thema „nachhaltige Entwicklung“. Im Zuge dieser entstand die Rio-Erklärung über Umwelt und Entwicklung, deren Ziel die Förderung zwischenstaatlicher Zusammenarbeit für den Aufbau einer neuen und gerechten weltweiten Partnerschaft war. Nachhaltige Entwicklung, so nahm man weiterhin an, sei durch unbegrenztes Wirtschaftswachstum zu erreichen. Unverändert wurde Umweltschutz als ein notwendiger Teil des Entwicklungsprozesses gesehen. Im Mittelpunkt stand vor allem die Beseitigung von Armut, da angenommen wurde, von den Entwicklungsländern gehe die meiste Umweltbelastung aus.

Als Nachfolgekonferenz fand 1997 die Konferenz Rio+5, auch Earth Summit+5 genannt, in New York statt, auf der die Ergebnisse von 1992 einer Zwischenprüfung unterzogen werden sollten. Auch das Kyoto-Protokoll, dessen Ziel war, CO2-Ausstöße langfristig zu verringern und somit die Klimaerwärmung zu stoppen, entstand 1997. Während von offizieller Seite vor allem die Unterzeichnerstaaten die Relevanz des Kyoto-Protokolls und seiner Ziele betonten, wurde auch Kritik wegen des ermöglichten Emissionshandels hörbar. KritikerInnen argumentierten, dass es dadurch zu einer Vertiefung des Ausbeutungscharakters des gesellschaftlichen Naturverhältnisses komme. Das Kyoto-Protokoll diene keiner nachhaltigen Entwicklung, sondern durch die Legitimierung nahezu unbegrenzter Umweltausbeutung    einem nachhaltigen Wirtschaftswachstum.

2000 wurden am Milleniumsgipfel in New York die Millenium Development Goals (MDGs) verabschiedet. Auch hier findet sich der Nachhaltigkeitsdiskurs wieder: Punkt sieben der MDGs fordert die Gewährleistung einer nachhaltigen Umwelt. Es wurde versucht, eine neue Ethik zur Erhaltung der Umwelt zu etablieren, die sich allerdings weiterhin an Armutsbekämpfung und Wirtschaftswachstum orientierte.

2002 fand der Weltgipfel zur nachhaltigen Entwicklung, auch Rio+10 genannt, in Johannesburg statt. Es sollten neue Ziele, Programme und Maßnahmen zur nachhaltigen Entwicklung definiert werden, auch um die Nachhaltigkeitsdebatte wieder anzuregen. Haupterfolg war die erstmalige Aufnahme quantifizierbarer Ziele in den Aktionsplan der UN-Staaten, wobei man sich vor allem auf die MDGs stützte. Obwohl durch die Konferenz zumindest in den Medien der Eindruck von neuem Wind in Projekten für nachhaltige Entwicklung entstand, hat sich grundlegend nicht viel geändert. Weiterhin versucht man, Probleme, die durch globale Prozesse entstehen, durch Ursachenbekämpfung in Entwicklungsländern zu lösen.

Auch am UN-Weltgipfel Millenium+5, welcher 2005 in New York stattfand, änderte sich dieser Trend nicht. Es wurde hauptsächlich an die Entwicklungsländer appelliert, ihre Entwicklungsstrategien zügiger umzusetzen. Dafür wurde ihnen vermehrte internationale Unterstützung zugesprochen, wobei man sich dabei nicht auf konkrete Maßnahmen einigte.

Schlussfolgerungen

Seit 1987 gab es zahlreiche Konferenzen zum Thema „nachhaltige Entwicklung“. Diese unterschieden sich zwar in ihren Zielsetzungen, Erklärungen und Programmen voneinander, der Grundtenor blieb aber bis heute der gleiche. Dementsprechend sucht man die Lösungen für globale Umweltprobleme noch immer überwiegend in Armutsbekämpfung, wirtschaftlichem Wachstum und anderen Bereichen der „Entwicklungshilfe“. Vor allem der unreflektierte Wachstumsbegriff als Voraussetzung für „nachhaltige Entwicklung“ ist bis heute in sämtlichen Diskursen fest verankert. Langfristig sinnvollere Überlegungen zu einem Wandel im Wirtschaftssystem und anderen Produktionsweisen stehen den Interessen der Industrieländer, ihren momentanen Lebensstandard und hohen Energieverbrauch aufrecht erhalten zu können, gegenüber und werden sich daher auch zukünftig wohl nur schwer Gehör verschaffen.



Weiterführende Literatur:

Antonietta Di Giulio (2004): Die Idee der Nachhaltigkeit im Verständnis der Vereinten Nationen. Anspruch, Bedeutung und Schwierigkeiten. LIT Verlag: Münster.

Volker Hauff (Hg.) (1987): Unsere gemeinsame Zukunft. Der Brundtland-Bericht der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung. Eggenkamp Verlag: Greven.

Wolfgang Sachs (1993): Wie im Westen so auf Erden. Ein polemisches Handbuch zur Entwicklungspolitik. Rowohlt: Reinbeck bei Hamburg.

Rio Erklärung (17.56 KB) über Umwelt und Entwicklung

Die Autorin studiert Internationale Entwicklung an der Universität  Wien.

Veröffentlicht in Entwicklungspolitik.