
Zwei österreichische DiplomatInnen haben ein Überblickswerk zu Vielfalt und Vitalität von afrikanischer Politik und Wirtschaft herausgegeben. Eine Vorstellung des Sammelbands Nachbar Afrika Dimensionen eines Kontinents von Georg Lennkh und Irene Freudenschuss-Reichl.Von welcher Dimension ist der afrikanische Kontinent? Der Untertitel des neu erschienenen Sammelbandes drängt diese Frage geradezu auf. Wie soll eine solch komplexe soziale Realität adäquat beschrieben und erfasst werden? Die beiden HerausgeberInnen wagen einiges, wenn sie versuchen, das heterogene Ensemble der gut 53 afrikanischen Staaten zwischen zwei Buchdeckel zu bringen. Doch das Experiment gelingt, so will mir scheinen, wenn auch mit Schwächen.
Nachbar Afrika stellt aber, dies sei vorweg geschickt, eine wichtige und aussagekräftige Materialsammlung und Orientierungshilfe im Dickicht der jüngsten politischen und ökonomischen Entwicklungen am afrikanischen Kontinent dar.
nicht-rezipierte Entwicklungsforschung
Der Wert der Neuerscheinung liegt darin, dass Diskurse unter DiplomatInnen zu Fragen von Entwicklung und Sicherheit am afrikanischen Kontinent wenig zugänglich sind. Sie werden zum Teil nur in eher sperrigen, oft nur internen papers dokumentiert und in Überblicksform zumeist nur auf Englisch publiziert. Das Buch Nachbar Afrika“ bietet nun dem deutschsprachigen Publikum einen Überblick. Versammelt werden auch einige Beitrage, die als Vorträge im Bruno Kreisky-Forum für internationalen Dialog“ entstanden sind. Hier liegt auch eine der Schwächen des Buches, dass manche dieser Vorträge ihren mündlichen Charakter nicht verloren haben und es der Übersetzung leider nicht immer gelungen ist, daraus flüssig lesbare Texte zu machen. Auch mangelt vielen Beiträgen der kritische Apparat: Es finden sich keine Literaturangaben, Quellen bleiben ungenannt. Generell fällt auf, dass das wissenschaftliche Gedächtnis der beitragenden DiplomatInnen nicht weit in die Geschichte reicht: Wenn sich Literaturangaben finden, dann sind die genannten Texte nicht älter als 2005. Eine Ausnahme stellen hier die Beiträge von Georg Lennkh und Maxwell Mkwezalamba dar. Den Kulturwissenschafter freut, dass Lennkh auch literarische Texte in seine Skizze der Institutionellen Geometrie“ des heutigen Afrikas einbezieht. Nur von Lennkh wird Edward Said genannt und auch Walter Schichos Handbuch Afrika“ findet Beachtung. Darüber hinaus scheint es aber, dass die Diplomatie Literatur der Entwicklungsforschung nicht wahrnimmt.
Perspektiven aus Afrika
Nun zu den Stärken des Buches: Die HerausgeberInnen sind beide gute KennerInnen ihres Gegenstandes: Georg Lennkh ist seit über fünf Jahren Sonderbeauftragter im österreichischen Außenministerium für Afrika und war vorher 12 Jahre lang der Leiter der Sektion VII, die für Entwicklungszusammenarbeit zuständig ist. Irene Freudenschuss-Reichl ist seit 2005 seine Nachfolgerin in dieser Funktion. Als solche haben beide HerausgeberInnen gute Kontakte in die Welt der afrikanischen Politik. Dies spiegelt sich darin, dass die Hälfte der Beitragenden afrikanische AutorInnen sind ein selten erreichtes Quorum bei entwicklungsbezogenen Publikationen.
Es sagt an sich noch nichts über die Qualität der Beiträge aus, aus welchen Ländern die AutorInnen kommen. Und doch ist es nicht ganz unerheblich, mit welcher Perspektive man sich dem Gegenstand Afrika nähert. So findet sich bereits im allerersten, von den HerausgeberInnen formulierten, Satz des Buches eine kritische Reflexion der Perspektivität jedes Sprechens über Afrika: Die Brille, mit der Europa, ja die internationale Gemeinschaft insgesamt, auf Afrika zu blicken pflegte, war lange Zeit jene der Entwicklungspolitik (S. 11).
Entwicklungspolitik im Paradigmenwechsel
Eigentlich ist dies eine gewichtige Ansage: Entwicklungspolitik soll und darf nicht länger die alleinige Brille sein, mit der Afrika behandelt wird. Tatsächlich sind die Afrika-Diskurse in Österreich bis heute wesentlich von Entwicklungsproblemen geprägt: Ob Hunger, mangelnde Schulbildung, hohe Nativität, Krisen und Putschversuche, nicht zuletzt auch Migration all diese Themen dominieren das diskursive Universum zu Afrika. Vom wirtschaftlichen Wachstum, das in den Jahren 2004-2007 im Schnitt 6% betrug, ist wenig die Rede. Die Einrichtung der Afrikanischen Union, weit wirkungsvoller als die vorher bestehende Organisation Afrikanischer Einheit, ist hierzulande nur wenigen Insidern bekannt. Was die Brille betrifft, mit der Afrika betrachtet wird, stehen afrooptimistische Perspektiven weiterhin dem dominanten Afropessimismus gegenüber.
Entwicklungspolitik als alleinige Brille in Frage zu stellen hat aber noch eine andere, durchaus ambivalente Folge: Einerseits schmerzt viele Menschen die Ankündigung der Bundesregierung, das Budget der ADA bis 2014 um ein gutes Drittel zu kürzen. Andrerseits aber kündigt sich hier ein globaler Paradigmenwechsel an, bedingt durch eine Veränderung der globalen Machtverhältnisse. Entwicklungspolitik und Entwicklungszusammenarbeit werden in Zukunft eine weniger gewichtige Rolle einnehmen. Freilich werden sie in diesem Buch aber keinesfalls für tot erklärt: Ein dezidierter EZA-Beitrag von Helmut Jung und Reinhold Seidelmann zum Thema Wasserversorgung in Ostafrika hat das Schlusswort und auch Irene Freudenschuss-Reichl gibt in ihrem Beitrag einen Überblick über die aktuelle österreichische EZA in Afrika.
Der Autor ist Direktor des Paulo Freire Zentrums und Lektor an der Universität Wien. Reaktionen bitte an: redaktion@pfz.at.
Lennkh, Georg / Freudenschuss-Reichl, Irene (Hrsg.): Nachbar Afrika. Dimensionen eines Kontinents. ISBN 9783851659290, 316 Seiten, EUR 39,-.