Nach dem Tsunami: Konflikte um Land (I)

Zu den bisher weniger beachteten Folgen des Tsunamis, bei dem im Dezember
2004 mehr als 300.000 Menschen ums Leben kamen, zählen die durch ihn
ausgelösten Landkonflikte. Teil I.
Rund 80 Prozent der Tsunami-Opfer waren kleine Fischer-Gemeinden, deren EinwohnerInnen ihr Land zum größten Teil auf der Basis von Gewohnheitsrecht besaßen. Unter thailändischem Recht beispielsweise können Menschen nach 10 Jahren ununterbrochener Nutzung von Land um einen Rechtstitel zu diesem Land ansuchen. In der Praxis gelingt das aber nur wenigen. Nur ein kleiner Bruchteil der Bevölkerung war in einem Grundbuch registriert. Die Mehrheit nutzte alternative Methoden wie zum Beispiel das Anpflanzen von Bäumen um ihre Besitzrechte zu dokumentieren Markierungen von denen nach dem Tsunami nichts mehr übrig blieb.

Durch die Errichtung von "No Build"-Zonen wird den ehemaligen KüstenbewohnerInnen die Rückkehr zu ihrem früheren Wohnort untersagt. Dass dies nur zu ihrer eigenen Sicherheit geschieht, kaufen sie der Regierung nicht ab. Wahrscheinlicher erscheint vielen, dass dahinter den Verbotstafeln die Interessen von InvestorInnen stecken.

Eine Chance für SpekulantInnen

Konflikte um Land waren in Thailand auch vor dem Tsunami keine Seltenheit und traten vor allem im Zusammenhang mit den Interessen der Tourismusbranche auf. Seit Jahren hatten InvestorInnen versucht, an Küstengrundstücke heranzukommen. Die Praktik der SpekulantInnen besteht darin, korrupte BeamtInnen Landankäufe mit zurückdatiertem Zeitpunkt im Grundbuch eintragen zu lassen und dann die DorfbewohnerInnen zu beschuldigen, sich auf privatem Land angesiedelt zu haben.

Der Tsunami hat diesem Interesse, die Küste frei von den kleinen Fischerei-Gemeinden zu bekommen, in die Hände gespielt und viele nutzen die Gelegenheit nun ohne Skrupel. Eine Gruppe von Betroffenen, die sich unter dem Namen Thailand Tsunami Survivors and Supporters zusammengeschlossen hat, spricht davon, dass der Tsunami die Antwort auf die Gebete der Geschäftsleute war, da er die Gemeinden an den Küstengebieten weggeschwemmt hat, die ihren Plänen für Ressorts, Hotels, Kasinos und Shrimps-Farmen im Weg gestanden waren. Im Dorf Tabtawan beispielsweise lebten die EinwohnerInnen seit mehr als 100 Jahren auf ihrem Land – nach dem Tsunami aber machte plötzlich eine private Firma Ansprüche auf das Land geltend.

Widerstand gegen die SpekulantInnen

Die DorfbewohnerInnen lassen sich ihre Rechte nicht ohne Widerstand nehmen. Die Menschen ignorieren die "No Build"-Zonen weitgehend und ziehen in ihre zerstörten Dörfer zurück. Ihre Strategie ist es, zunächst in die alten Dörfer zurückzugehen und mit dem Wiederaufbau zu beginnen und erst dann in Verhandlungen mit der Regierung oder den angeblichen privaten EigentümerInnen des Landes einzutreten. Dabei lassen sich die Vertriebenen auch von Einzäunungen nicht abschrecken. In einem Fall, in dem ein reicher Thai sich als der Besitzer des Landes vorstellte und die DorfbewohnerInnen aufforderte das Land zu räumen, verjagten sie nach seiner Abfahrt sein Team von VermesserInnen und setzten dann den Wiederaufbau ihrer Häuser fort.

Viele setzten Schilder mit ihrem Namen auf ihre alten Grundstücke, in der Hoffnung, damit ihre Besitzansprüche geltend machen zu können bzw. zu versuchen, so schnell wie möglich den Wiederaufbau abzuschließen. Die Ressourcen für den Wiederaufbau kommen nicht von Seiten der Regierung, sondern werden von den Betroffenen selbst organisiert.

Die von der Regierung errichteten, von GeberInnengeldern finanzierten, Häuser finden bei der Bevölkerung hingegen wenig Anklang. Die Menschen wollen nicht im Landesinneren wohnen und die Architektur der Häuser wird als eng und dunkel beschrieben.
Deutlich wird, dass Land für die Betroffenen nicht nur eine materielle Ressource ist, die durch Entschädigung abgegolten werden kann, sondern vor allem auch Heimat bedeutet ein Gefühl, dass ein Betonklotz im Landesinneren nicht ersetzen kann.

Lesen Sie am 4. Oktober 2005 in Teil II: Sind private Besitztitel die Lösung?

Die Autorin ist Assistentin am Institut für Afrikanistik der Universität Wien und beschäftigte sich in den letzten Jahren vor allem mit dem Thema Landrechte.

Veröffentlicht in Entwicklungspolitik.