MigrantInnen als Entwicklungsakteure (Forum 2)

In diesem Forum am Samstagnachmittag der 6. Österreichischen Entwicklungstagung wurden die Rolle und das Potenzial von MigrantInnen in der Entwicklungspolitik diskutiert. Neben einer theoretischen Einführung kamen auch MigrantInnen und Personen aus der Praxis der Migrationsarbeit zu Wort.

Diaspora als Teil eines technokratischen Entwicklungsverständnisses?

Im Forum wurden unterschiedliche Sichtweisen auf Migration diskutiert. Petra Dannecker (Internationale Entwicklung, Uni Wien) machte in ihrem Input deutlich, dass Migration keineswegs ein neues Phänomen sei. Menschen seien zu allen Zeiten an ferne Orte gereist und hätten ihren Wohnort gewechselt. In den letzten Jahren rücke Migration jedoch mehr in den Fokus der Wissenschaft und der medialen Aufmerksamkeit. So gebe es seit den 2000er Jahren einen starken Diskurs um die Diaspora, der auch von Akteuren wie der Weltbank vorangetrieben werde. In diesem Diasporadiskurs stünden fast ausschließlich wirtschaftliche Faktoren und deren Einfluss auf Entwicklung, wie die Geldrücküberweisungen (remittances) von MigrantInnen in ihre Heimatländer, im Vordergrund. Dannecker warnte, dass dadurch das Konzept der Diaspora Teil eines technokratischen Entwicklungsverständnisses werde und soziale, politische und kulturelle Aspekte der Migration vernachlässigt würden. Außerdem sei „Diaspora“ oft eine Zuschreibung von außen, die nicht allen MigrantInnen in gleichem Maßen zugänglich sei, so würden etwa AsylwerberInnen nicht als Diaspora anerkannt. Machtverhältnisse bestimmen, wer als Diaspora bezeichnet wird, schlussfolgerte Dannecker. Vor diesem Hintergrund warnte sie davor, MigrantInnen zu stark in (entwicklungs)politische Konzepte einzubeziehen, da die Gefahr der Instrumentalisierung bestünde und Diasporaengagement sehr widersprüchliche Prozesse auslösen könne.

MigrantInnen als PartnerInnen der EZA

Die Organisatoren des Forums Michael Fanizadeh (VIDC) und Stefan Grasgruber-Kerl (Südwind) widersprachen dieser Sichtweise und betonten, dass die Leistung von MigrantInnen viel zu oft nicht anerkannt und nicht gefördert werde. MigrantInnen seien beim Zugang zu Ressourcen in ihren Residenzländern meist deutlich benachteiligt. Ziel müsse es sein, für alle den gleichen Zugang zu Förderungen zu ermöglichen und strukturelle Benachteiligungen (wie beispielsweise die Verweigerung der doppelten Staatsbürgerschaft) abzubauen. Dazu gehöre auch, dass MigrantInnen in der bisher zu stark „westlich“ geprägten entwicklungspolitischen Szene aktiv würden. „Es wird viel zu viel über und viel zu wenig mit MigrantInnen gesprochen“, kritisierte Fanizadeh. Diese Forderungen seien im Manifest des Projekts CoMiDe (Initiative für Migration und Entwicklung) verschriftlicht, bei dem Fanizadeh und Grasgruber-Kerl mitwirkten.

Dieser Sichtweise schloss sich auch Alexis Nshimyimana Neuberg als Vertreter der Afrika Vernetzungsplattform an. Er kritisierte, dass auch bei der Konzeption der Entwicklungstagung MigrantInnen nicht eingebunden gewesen wären. Seiner Meinung nach sollten Migration und Diaspora im Mittelpunkt der neuen Entwicklungsagenda stehen, denn aufgrund der starken Korruption könnten Diasporaorganisationen deutlich mehr bewegen als Regierungen. Die meisten Diasporaorganisationen seien jedoch aufgrund der strukturellen Diskriminierung auf ehrenamtliche Strukturen angewiesen. Neuberg forderte, die Diaspora endlich als gleichberechtigten Partner der EZA und der Wirtschaft ernst zu nehmen. Diese Forderungen passen auch zu den Ergebnissen der Diplomarbeit von Marlene Keusch. Sie hatte herausgearbeitet, dass sich viele MigrantInnenorganisationen mehr Anerkennung und konkrete Förderung wünschen.

Als Vermittler zwischen Regierungen und MigrantInnenorganisationen verstehe sich die von Marion Noack vorgestellte intergouvernmentale Organisation ICMPD (International Center for Migration Policy and Development). Durch Kooperation mit Diasporaorganisationen und Politikberatung sollen MigrantInnen gestärkt werden.

Konkrete Beispiele migrantischen Engagements

Mariam Diakité stellte den Verein der afrikanischen Studierenden vor. Der Verein sei vor drei Jahren gegründet worden, um afrikanischen Studierenden in Österreich den Unialltag zu erleichtern. Sie hätten beispielsweise zwei Zimmer, die sehr billig vermietet würden. Der Verein organisiere jedes Jahr eine Kulturwoche und habe ein Projekt zur Mehrsprachigkeit, da einige Mitglieder mehr als sieben Sprachen sprechen. Die Studierenden hätten jedoch auch immer im Hinterkopf, wie sie ihre Ressourcen später in ihren Heimatländern einsetzen könnten.

Auch Maria Sanchez stellte ihr eigenes Projekt vor. Sie exportiert Goldschmuck unter dem Label Amalena aus Kolumbien nach Europa. Das Gold werde nach ökologisch und ethisch geprüften Standards abgebaut und verarbeitet. Durch dieses Projekt sollen Frauen empowered und die Region durch die Schaffung von fairen Arbeitsplätzen gestärkt werden. Die Abhängigkeit von organisierter Kriminalität und der Einsatz starker Chemikalien solle reduziert werden. Sanchez ist selbst Kolumbianerin und hat in Österreich International Business studiert. Damit habe sie zum einen das nötige Fachwissen, aber auch die Ortskenntnisse, um das Projekt erfolgreich umsetzen zu können.

Die vier Stunden des Forums waren prall gefüllt mit interessanten Einblicken in das Engagement von MigrantInnen und aktuelle Debatten um die Rolle von Migration in der EZA. Zusammenfassend kann gesagt werden, dass das Thema Migration in Politik und der EZA weiterhin sehr kontrovers diskutiert wird.

Mareike Paulus studiert Interkulturelle Kommunikation in München und ist Mitglied im Redaktionsteam des Paulo Freire Zentrums. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at

Weiterführende Links

– Instut für Internationale Entwicklung (Uni Wien): https://ie.univie.ac.at/

– Manifest von Comide: https://www.vidc.org/themen/comide/comide/ 

– Afrikaplattform: https://www.afrikaplattform.at/

– Verein afrikanischer Studierender: https://www.vas-oesterreich.at

– ICMPD (International Center for Migration Policy and Development): https://www.icmpd.org/

– Amalena (Goldschmuck aus Kolumbien): https://www.amalena.com/

Fotos: Michael Straub

Veröffentlicht in Entwicklungspolitik, Entwicklungstagung 2014, Dokumentation, Gutes Leben für Alle, Themen.