Seit Monaten führen EntwicklungsexpertInnen eine hitzige Debatte über
die Konkurrenz zwischen »Brot und Benzin«, Ernährungssicherung und
Energieversorgung.
Unter dem inflationär zitierten Titel »Volle Tanks leere Teller« warnte beispielsweise Caritas international davor, dass der Luxus individueller Mobilität im Norden unweigerlich zu mehr Hungernden führt. Was gibt Anlass zu dieser düsteren Prognose? Im Februar 2007 erreichte Mais an der größten Warenterminbörse der Welt in Chicago einen Rekordpreis. In Mexiko entbrannte einen Monat zuvor der Tortilla-Aufstand. Aufgrund der erhöhten Nachfrage nach Mais seitens der Ethanolraffinerien in den USA hatten die Viehfutterproduzenten in Mexiko den billigen, für die Tortillas bestimmten Mais aufgekauft. Die Preise für das Grundnahrungsmittel von über 100 Millionen MexikanerInnen stiegen fast um das Vierfache. Die weltweiten Getreidespeicher waren trotz einer Maisrekordernte im Vorjahr so leer wie schon seit zehn Jahren nicht mehr.
Im Januar 2008 zapft die Regierung in Malaysia ihre Palmöl-Notvorräte an, nachdem der Preis aufgrund der weltweiten Nachfrage in die Höhe raste. In Indonesien machte der Preis für Palmrohöl, Grundstoff für die Speiseölherstellung, bereits 2006 einen Sprung von 40 Prozent. Beide Länder sind führend im Export von Palmöl, das als Rohstoff für die Biodieselherstellung dient. Zeitgleich wird der Bau großer Raffinerien in Malaysia und Singapur bekannt. Auch in Indien und China steigt die Nachfrage wegen der dort expandierenden Raffinerien und ehrgeizigen Beimischungsziele. Ein Zusammenhang zwischen den Palmölpreissteigerungen und den Nachrichten über Investitionen und Abkommen zum Bau von Agrartreibstoff-Raffinerien ist offensichtlich.
Die »schlummernde Nachfrage« nach Energiepflanzen, von der Energieunternehmen und Investmentbanken schwärmen, ist also längst erwacht. Um den steigenden Welthandelsbedarf an Rohpalmöl zu decken, werden Regenwälder gerodet, Kohlenstoffsenken durch das Abfackeln der Torfschichten vernichtet und Arbeitsplätze in der Landwirtschaft abgeschafft. In Indonesien ist der Reisanbau und damit die Eigenversorgung mit Grundnahrungsmitteln bereits rückläufig. 2007 musste der Staat 1,5 Millionen Tonnen Reis importieren, ein Anstieg von 78 Prozent seit dem Vorjahr. Da der Importreis billiger ist als der einheimische, geraten die verbleibenden Reisbauern und -bäuerinnen unter Druck und bleiben auf der eigenen Ernte sitzen.
Palmölplantagenprojekte werden derzeit rund um den Äquator initiiert, mit jeweils immensen Expansionsszenarien. Die Firma 21st Century Energy (USA) plant, allein in der Elfenbeinküste 130 Millionen Dollar in die Produktion von Ethanol und Diesel zu investieren. Verheizt und verstromt werden soll nicht nur Zuckerrohr und Mais, sondern auch Sorghum, Baumwollsamen und Reste der Cashew-Nussproduktion. Viscount Energy (China) schloss ein Abkommen mit Nigeria über den Bau einer Ethanolfabrik zur Verarbeitung von Zuckerrohr und Kassava. Die stärkehaltige Knolle spielt in Afrika als Grundnahrungsmittel für 200 Millionen Menschen und insbesondere als Nahrungsreserve der ärmeren Bevölkerung eine wichtige Rolle. Sollten die LieferantInnen der Raffinerien den am Existenzminimum wirtschaftenden Bauern und Bäuerinnen höhere Preise für Kassava bieten als die Bevölkerung zahlen kann, wird ihre ohnehin prekäre Ernährungssicherung zusätzlich gefährdet.
Längst bewahrheitet sich die Befürchtung, dass aufgrund der steigenden Nachfrage nach Agrarkraftstoffen die Versorgung mit Nahrungsmitteln gerade für die ärmere Bevölkerung schlechter wird. Laut Schätzungen der FAO stiegen 2007 die Preise für Lebensmittelimporte für Länder mit Nahrungsmittelmangel aufgrund des »Ethanoleffektes« um rund 25 Prozent. Der steigende Erdölpreis forciert dies noch: Die Herstellung des Pflanzenbenzins wird dann ökonomisch attraktiver, so dass schließlich immer mehr EthanolherstellerInnen bereit sind, höhere Preise für knapper werdende Vorräte an Mais, Zuckerrohr, Soja oder Palmöl zu zahlen.
Politische Rahmenbedingungen wie Subventionen und Zollfreiheit schaffen weitere Konkurrenzvorteile für das Energiebusiness. Ein Beispiel dafür ist die Mitte 2006 in Kraft getretene neue EU-Zuckermarktordnung. Sie verändert die Warenströme auf dem Weltzuckermarkt zum Vorteil der Ethanolfabriken in Europa und der großen Zuckerlieferanten aus dem Süden. Die EU-Förderung von Agrartreibstoffen verschafft den ZuckermonopolistInnen somit ein florierendes Geschäft.
Dieser Artikel erschienen zuerst in der Zeitschrift iz3w (Nr 305, März/April 2008) unter dem Schwerpunkt "Klimadebatte".
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Die Autorin ist Mitarbeiterin im iz3w – informationszentrum 3. welt (Freiburg).