Camila Moreno von der brasilianischen Organisation Terra de Direitos
hielt am Dienstag, 17. Juni 2008, im Neuen Institutsgebäude (NIG) einen
Vortrag über Zusammenhänge zwischen der Produktion von Agrotreibstoffen
und Nahrung in Brasilien.
Spekulation sei am G8-Gipfel als eine der Hauptursachen der
Nahrungsmittelkrise identifiziert worden, berichtete Ulrich Brand,
Professor für Internationale Politik an der Universität Wien, der die
Veranstaltung moderierte. Agrarflächen werden nicht nur für die
Produktion von Nahrungsmitteln genutzt, verdeutlichte er, sondern auch
vermehrt für den Anbau von Pflanzen, die zur Herstellung von Treibstoff
dienen.
(Rechts: Ulrich Brand bei der Veranstaltung im NIG. Photo: Katharina Auer)

Lebensstil? "Not negotiable."
Um 1750 wurde Kohle als fossiler Brennstoff zur industriellen Nutzung entdeckt, Öl und Gas etwa hundert Jahre danach. In dieser relativ kurzen Zeit, so Camila Moreno, sei eine Industrie entstanden, die komplett von diesen Rohstoffen abhängig sei. Bekleidung, Nahrungsmittel, Plastik, Glas und Wärme Öl sei überall, betonte sie, und unser Lebensstil ohne Öl nicht vorstellbar. Jetzt, da unsere Zivilisation sich auf Öl gründe, die Ressourcen sich aber dem Ende zuneigen und deren Förderung immer kostspieliger werde, wolle niemand glauben, dass es "vorbei" sei. Agrotreibstoffe werden als Lösung betrachtet, die es erlaube, einem Wandel des Lebensstils zu entkommen, so Moreno.
Ähnlich sei es den Römern ergangen, deren gesamtes gesellschaftliches Leben rund um die berühmten Bäder organisiert gewesen sei. Die Römer hätten über ihre Verhältnisse gelebt, ganze Landstriche abgeforstet für deren aufwendigen Lebensstil, den Moreno mit den holzverschlingenden Bädern symbolisierte und wurden schließlich von Nahrungsmittelimporten aus Nordafrika abhängig. Das Römische Reich sei bekanntlich untergegangen, erinnerte sie. Den eigenen Lebensstil als "not negotiable" zu betrachten, sei ein zentrales Element dabei gewesen womit die Parallele zur heutigen Situation deutlich wurde. Der übermäßige Proteinkonsum im Norden, der zu Wasserknappheit und Entwaldung im Süden beitrage, sei nur ein Beispiel für einen nicht nachhaltigen Lebensstil.
"Klimawandel und globale Erwärmung sind vom Menschen verursacht."
So lautete das Ergebnis des Berichts des International Panel on Climate Change (IPCC), der im Februar 2007 erschien. Eine Konsequenz sei gewesen, berichtete Camila Moreno, dass die Europäische Union Beimischungsziele von Agrotreibstoffen, so genannte "mandatory targets", verordnet habe: 5,5% bis 2010 und 10% bis 2020. Da die EU nicht über genügend Anbaufläche verfüge um die künstlich geschaffene Nachfrage zu decken, entstehe ein enormer Druck auf Flächen anderer Länder. In Brasilien seien innerhalb von kürzester Zeit die Bodenpreise enorm angestiegen. Der Ethanol-Pakt, den der brasilianische Präsident "Lula" mit dem amerikanischen Präsidenten George W. Bush abschloss, zeuge von der wichtigen Rolle, die Brasilien im Agrotreibstoff-Business spielen werde, so Moreno.

Publikum bei der Diskussion zu Agrotreibstoffen und Nahrung. (Photo: Katharina Auer)
Während die USA an ihrer Energiesicherheit interessiert seien, verspreche das Geschäft mit den Pflanzen zur Treibstoffproduktion für Brasilien zwar Gewinne, habe aber verheerende Auswirkungen. Diese veranschaulichte Moreno mit Fotos von Greenpeace: menschenleere Landstriche, Felder so weit das Auge reicht, Soja-Plantagen im Regenwald, massive Abholzung mit minimalen Wald-Enklaven "zur Bewahrung der Biodiversität" und nicht zuletzt die Umarmung von Lula und Bush zur Unterzeichnung des Ethanol-Pakts.
Brasilien: Ethanolproduzent Nummer 1
Brasilien könne sich in Sachen Klimaschutz als größter Produzent und Verbraucher von Agrotreibstoffen weltweit rühmen, so Moreno. 1970, im Zuge der Ölkrise und aufgrund sinkender Zuckerpreise, habe die Ethanol-Produktion in diesem Land begonnen. In den 1980er Jahren hätten sich die Preise für Zucker erholt und Ethanol sei wieder nebensächlich geworden. Seit 2003, dem Jahr in dem Lula sein Amt antrat, dürfe in Brasilien genetisch modifiziertes Soja angebaut werden was erneut die Ethanol-Produktion angeregt habe.
Die Fläche, die als "zur Verfügung stehende Anbaufläche" für landwirtschaftliche Produktion gewidmet sei, sei unter Lula um ein Vielfaches erweitert worden teilweise auf Kosten des Regenwalds. Die Verwendung von Ethanol werde in Brasilien konsumentInnenfreundlich gestaltet: Fast alle in Brasilien produzierten Autos verfügen, so Moreno, über einen "flex-fuel" Motor, der sowohl mit Ethanol, als auch mit Diesel oder Benzin laufe. KonsumentInnen könnten das jeweils billigste Produkt wählen.
Europäische Agrotreibstoff-Politik
"Agrotreibstoffe sollten ein Nebenschauplatz sein", zitierte Irmi Salzer von Vía Campesina Austria den Geschäftsführer des Ökobüros, Markus Piringer. Deren positive Auswirkungen auf den Klimawandel (CO2-Emmissionseinsparungen) seien minimal, so Salzer. Sogar G8 und OECD hätten anerkannt, dass Agrotreibstoffe "keine Perspektive" zur Bekämpfung des Klimawandels darstellen. Trotzdem verlangen wichtige industrielle VertreterInnen, die sich in der "European Biofuels Technology Plattform" zusammengeschlossen haben, mehr Geld für die Forschung.

Camila Moreno und Irmi Salzer (v.l.n.r., Photo: Katharina Auer)
Warum die "Philosophie der freien Marktwirtschaft" nicht für Agrotreibstoffe gelte, deren Nachfrage durch die EU-Richtlinien geschaffen werde, fragte Irmi Salzer provokativ. Auf Nachhaltigkeit im Anbau von Pflanzen zur Treibstoffproduktion werde nur in ökologischer, nicht aber in sozialer Sicht geachtet, kritisierte sie in Hinsicht auf schlechte Arbeitsbedingungen und Landvertreibungen. Auch die ökologische Nachhaltigkeit sei, trotz Import-Kriterien die Moreno als "obsession für certification" bezeichnete, auf keinen Fall gegeben: Gen-Saatgut, Monokulturen und Pestizide sprächen für sich.
Agrotreibstoffe seien nicht die einzige Ursache der Nahrungsmittelkrise, analysierte Irmi Salzer. Auch Spekulation und eine verfehlte EU-Politik, die Länder zur Liberalisierung bewege und deren Nahrungssouveränität gefährdet habe, seien Gründe für die steigenden Preise. Aus ihrer Sicht könne ein Beitrag zur Lösung zur Nahrungsmittelkrise geleistet werden, indem Länder und deren Bevölkerungen die Souveränität über ihre Nahrungsmittelproduktion zurück gewönnen.
Die Veranstaltung wurde vom Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien organisiert, in Kooperation mit: ATTAC, Renner Institut, Gründe Bildungswerkstatt, LAI, Vía Campesina Austria, Paulo Freire Zentrum, Greenpeace.