
Die Redaktion von Le Monde diplomatique hat ergänzend zum populären „Atlas der Globalisierung“ ein Spezialheft „Klima“ herausgegeben, das nun auch in deutscher Sprache erhältlich ist.In seinem ersten Teil werden anhand 25 beunruhigender Fallbeispiele der jüngsten Vergangenheit Informationen über den Zustand der Böden, der Wälder und der Ozeane, den Einfluss des Klimawandels auf die Entstehung der starken Monsunwinde und El Nino der letzten Jahre und eine Analyse des ökologischen Fußabdruckes von Arm und Reich geboten.
Der zweite Teil stellt exemplarische Lösungsansätze vor: Man erfährt, welche Alternativen es zum motorisierten Individualverkehr gibt, in welchen Ländern und warum erneuerbare Energien erfolgreich sind und wie sich Schweden ölfrei macht.
„Zeit zu handeln“
Das Vorwort von Andreas Troge, Präsident des Umweltbundesamtes der BRD, verheißt nichts Gutes: Wir sind am Wendepunkt angelangt, schreibt er. Der Klimawandel sei gefährliche Wirklichkeit und keine Zukunftsvision mehr. Die Erderwärmung bedrohe uns alle, ob Reich oder Arm, gleichermaßen. Was ist demnach zu tun? Einerseits müsse man dem Unausweichlichen ins Auge blicken und neue Anpassungsstrategien entwickeln, die den Menschen den Umgang mit den Klimaveränderungen erleichtern. Dazu seien nicht nur ein effizienter Umgang mit Ressourcen und ein deutlich niedrigerer Treibgasausstoß nötig. Der Umgang mit Energie sei der Schlüssel zu einem Weg, den wir schon vor Jahrzehnten hätten beschreiten sollen.
Die Ökosysteme stellen für den Menschen alljährlich Leistungen im Wert von 26 Trillionen Euro bereit, bewertet Troge das Gut intakte Natur auch monetär. Dies sei mehr als der Wert der Güter, den die gesamte Menschheit selbst produziere. Ohne Klimaschutz hätten wir folglich auch finanziell viel zu verlieren. Doch der Klimaschutz verlange von uns allen, unser Verhalten auf Grund von Prognosen und Zukunftsvorhersagen zu ändern. Können wir das schaffen? Wir Menschen seien Erfahrungswesen, argumentiert Troge, die Gewohnheiten durch negative Erfahrungen änderten. Eine Verhaltensänderung gegen dieses Erbe wäre eine „grandiose kulturelle Leistung“.
Jedes Kapitel des Spezialhefts „Klima“ bietet ein Beispiel der Globalisierung von Umweltproblemen. Dabei werden auch wichtige entwicklungspolitische Themen, wie ungleiche Ressourcenverteilung zwischen „Norden“ und „Süden“ beleuchtet. Wie ein Puzzle fügt sich das Bild jedes dieser Teilprobleme zu einem ganzen, einem globalen Problem, das scheinbar auch nur global gelöst werden kann.
Der Atlas bietet zwar einige Positivbeispiele und erlaubt die Hoffnung, dass noch nicht alles zu spät sei, aber nur unter der Bedingung, dass die ganze Welt an einem Strang und gemeinsam die Notbremse ziehe. Eine Lösung zu finden, die „Norden“ und „Süden“ zu einer Umwelt vereint, scheint eine der größten Herausforderungen der Gegenwart zu sein. Eine Lösung, bei der man keine Ausnahmen machen kann, weil die Umwelt keine nationalen Grenzen kennt.
„Eine wahrhaft grüne Revolution“
Interessant sind die oft widersprüchlichen ExpertInnenmeinungen über das VerursacherInnenprinzip. Der Beitrag „Höchste Zeit für das Verursacherprinzip“ beweist am Beispiel von ExxonMobil und dessen Zahlungen an „Think Thanks“, die den Klimawandel abstreiten, warum Unternehmen bis heute nicht für die verursachten Schäden voll haften müssen. Der Atlas ist als Aufruf zur Veränderung der aktuellen prekären Situation zu sehen und macht darauf aufmerksam, dass es möglich ist, den verheerenden Folgen des Klimawandels entgegenzuwirken.
Die AutorInnen des Atlas übersehen dabei nicht, dass es nicht nur auf das Verhalten jedes/r Einzelnen ankommt. Nur die Kooperation von starken Staaten, die eine nachhaltige Umweltpolitik betreiben, könne die Menschheit vor weiteren gravierenden Folgen des Klimawandels schützen. Die LeserInnen werden aufgefordert, sich für den Umweltschutz in ihrer Umgebung stark zu machen, um eine globale „grüne Revolution“ zu erzielen. „Wir sind dem Klimawandel nicht hilflos ausgeliefert. Kreativität, Mut zum entschlossenen Handeln und die Bereitschaft, über eingefahrene Lebensweisen nachzudenken und Gewohnheiten zu ändern, sind gute Voraussetzungen um dem Klimawandel die Stirn zu bieten“.
Um seine Gewohnheiten zu ändern braucht fast jeder Mensch einen Grund. Der Atlas bietet nicht nur wichtige technische Hintergrundinformationen über den Klimawandel, sondern beleuchtet auch politische und ökonomische Gründe, die für eine Veränderung sprechen. Durch die genauen Analysen und die vielen Ländervergleiche wird das Gefühl verbreitet, dass der Klimawandel nicht weit weg ist, sondern wirklich jeden einzelnen betrifft. Der Atlas kratzt an der Oberfläche des Wegschieben und Verdrängen, da er deutlich macht, dass die Zeit drängt.
Für eine Vertiefung der Themen werden Web Links und Literaturangaben zu jedem Thema angeboten, die den LeserInnen eine tiefere Problemanalyse ermöglichen sollen.
Der Atlas ist ein sehr gutes Einstiegswerk in umweltpolitische Analysen der Gegenwart und eine Gebrauchsanleitung für einen verantwortungsvollen, nachhaltigen Umgang mit den Ressourcen dieser Erde. Eine Pflichtlektüre.
Le Monde diplomatique (Hg.): Atlas der Globalisierung spezial – Klima. Berlin: Le Monde diplomatique/taz, 2008. 96 farbige Seiten, über 100 Karten und Schaubilder. 10 Euro. ISBN 978-3-937683-16-4 (Titel der Originalausgabe: „L’Atlas environnement“)