Als Extraktivismus wird der großangelegte Abbau von Bodenschätzen wie Öl, Mineralien, und Gas für den Export bezeichnet. Diese Praxis hat einen großen Einfluss auf Umwelt und Gesellschaft der betroffenen Regionen. Im Rahmen des Weltsozialforums 2013 in Tunesien versammelten sich AktivistInnen gegen Extraktivismus und debattierten über die negativen Auswirkungen dieser Praxis und deren Verflechtungen mit anderen (wirtschaftlichen und sozialen) Aktivitäten. Eine der Teilnehmerinnen der Versammlung in Tunesien war Samantha Hargreaves, sie wird bei der Entwicklungstagung in Salzburg vom 14.-16. November 2014 zu dieser Thematik sprechen.
Die AktivistInnen veröffentlichten die folgende Deklaration:
Politische Erklärung der Versammlung zu Extraktivismus
Tunesien, 31.März 2013
Gekürzte und übersetzte Version, Originalversion hier.
Die Praxis des Extraktivismus (Bergbau, Ölförderung, Plantagen etc.), treibt immer mehr Menschen in die Armut, während Unternehmen und einige wenige sich bereichern. Angesichts dessen halten die anwesenden Organisationen fest:
1. Internationale Geldinstitute fördern Extraktivismus als wichtigsten Antrieb für wirtschaftliches Wachstum. Im Zuge der Finanzkrise suchen Banken und Investmentgesellschaften nach neuen, profitablen Investitionsmöglichkleiten; durch den Abbau natürlicher Ressourcen kann relativ schnell viel Kapital angehäuft werden.
2. Während Multi- und Transnationale Konzerne verprechen, durch dieses neue Wachstum Arbeitsplätze und Entwicklung zu schaffen, beobachten wir statt dessen steigende Armut und Ungleichheit in Gemeinschaften und Nationen, die vom Extraktivismus beeinflusst sind.
3. Extraktivismus ist gekennzeichnet durch betrügerische Absprachen zwischen Staaten und Konzernen, wenig Transparenz der Verträge und Korruption. Diese betrügerischen Absprachen, daran gekoppelte Staatsinterventionen und schlechte Regulierungsmechanismen, führen zu beachtlichen Steuerverlusten und Kapitalflucht in Ländern, die von Extraktivismus beeinflusst sind.
4. Durch „Land Grabbing“ für Bergbau, Ölförderung, Plantagen und Staudämme führt Extraktivismus zur Zwangsumsiedlung von Indigenen und ländlicher Bevölkerung. Die Rechte der indigenen Bevölkerung, über ihr eigenes Land zu bestimmen und gegen Entwicklungen, die sie ablehnen Veto einzulegen, werden fortwährend verletzt.
5. Wasserraub begleitet und ist oft Auslöser für Landraub, da Agrarkonzerne und Investitionsgesellschaften nach neuen Frischwasserquellen suchen, eine der knappesten Ressourcen und schon jetzt Gegenstand offener Monetarisierung. Dieser Trend wird in Zukunft eskalieren. Extraktivismus verbraucht enorme Mengen an Wasser, was zu Wasserknappheit und Wasserverschmutzung führt.
6. Extraktivismus zerstört natürliche Ressourcen und ganze Ökosysteme, von welchen die Existenz und Reproduktion von KleinbauerInnen und indigener Bevölkerung abhängt. Da die landwirtschaftliche Produktion mehrheitlich von Frauen getragen wird, ist dieser Trend für sie besonders schädigend.
7. Viele Formen des Extraktivismus setzen Treibhausgase frei, die signifikant zum Klimawandel beitragen. Die Effekte (Überflutungen, Dürren etc.) beeinflussen arme KleinbauerInnen und die städtische Bevölkerung der Arbeiterklasse negativ.
8. ArbeiterInnen in extraktivistischen Industriezweigen, viele davon MigrantInnen, verdienen Niedriglöhne, arbeiten in gefährlichen Bedingungen, sind giftigen Chemikalien ausgesetzt und zunehmend von informellen Arbeitsbedingungen betroffen. Arbeiterinnen erfahren besondere Unterdrückung durch Sex auf Abruf, sexuelle Belästigung, Vergewaltigung, und unzureichende sanitäre Einrichtungen.
9. Die unbezahlte Arbeit von Frauen war über Jahrhunderte wichtiger Bestandteil der Akkumulationsstrategie des Bergbaus und anderer extraktiver Unternehmen. Das System der Arbeitsmigration maximiert Profite des Bergbaukapitals, indem Familienmigration verhindert wird und die Verantwortung für die soziale Reproduktion der Arbeitskraft in ländlichen Gebieten verortet wird.
10. Extraktivismus führt zu zunehmender Militarisierung und Unterdrückung von Gemeinschaften, die dem Extraktivismus Widerstand entgegen setzen. Frauen erfahren genderspezifische Formen der Gewalt, wie Vergewaltigung und sexuelle Belästigung von Seiten privater Sicherheitsdienste und der staatlichen Polizei/ des Militärs.
Anerkennend sehen wir die Anstrengungen von Gemeinschaften und Bewegungen auf der ganzen Welt, die gegen Extraktivismus, für ihre Landrechte, ihre Existenzgrundlage und um ihr eigenes Leben kämpfen. In Betracht der Übermacht der multi- und transnationalen Konzerne, deren Geldgeber, und unserer eigenen Regierung, setzen wir uns für die Stärkung der Macht der Gemeinschaften und Bewegungen durch stärkere Vernetzung und Vereinigung unserer Kämpfe gegen unterschiedliche Formen des Extraktivismus ein.
Auf folgende Aktionen haben sich die AktivistInnen für das nächste Jahr geeinigt:
o Wir einigen uns im Besonderen auf einen gemeinsamen Aktionstag am 19. Oktober 2013. Um verschiedene Formen des Kampfes gegen Extraktivismus zu vereinen, verbinden wir diesen Aktionstag mit einem Aktionstag gegen Transnationale Konzerne.
o Wir alle wollen dazu beitragen, unsere Anstrengungen zu vernetzten und eine gemeinsame politische Plattform gegen die gegenwärtige höchst destruktive Form des Extraktivismus zu bilden.
o Wir werden an der Ausarbeitung und Weiterentwicklung bestehender Alternativen, wie der Million Climate Jobs Kampagne arbeiten.
o Wir einigen uns im Besonderen darauf, lokale Gemeinschaften zu unterstützen, damit sie ihre Rechte auf Gemeingüter wiedererwerben. Dies soll wichtigster Schwerpunkt unserer Aktivitäten sein. Andere vorgeschlagene Schwerpunkte betreffen Land- und Nahrungsmittelsouveränität; Gender und Extraktivismus; Post-Extraktivismus Agenda etc.
o Wir wollen mit Organisationen/Initiativen, die sich in ähnlichen Bereichen engagieren, zusammenarbeiten und eine globale, ineraktive Landkarte des Kampfes/Widerstandes gegen Extraktivismus entwickeln.
o Wir wollen uns stark bemühen, um in Dialog mit der ArbeiterInnenbewegung eine Zukunftsvision zu entwickeln, die auf einem radikal anderen Modell von Extraktivismus basiert und Arbeitsplätze schafft, ohne die Umwelt zu zerstören.
o Verknüpfung mit anderen globalen Prozessen im Zusammenhang mit Verantwortung/Rechenschaft von Unternehmen und Staat.
Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.