Trotz der ungleichen Machtverhältnisse zwischen KleinbäuerInnen und Multinationalen Konzernen beweisen jüngste Erfolge in Europa und Lateinamerika, dass Widerstand fruchtbar ist. Drei AktivistInnen aus Kolumbien berichteten am 24. März an der BOKU von ihren Erfahrungen im Kampf für Ernährungssouveränität.
Irmi Salzer von der ÖBV – Via Campesina, Foto: Monika Thuswald
Privatisierung von Saatgut in Europa und Kolumbien
Die von einem breiten Bündnis (u.a. die Österreichische Berg- und KleinbäuerInnen Vereinigung (ÖBV)-Via Campesina, FIAN, ÖH BOKU, Longo Mai, Arche Noah, IGLA, AgrarAttac) getragene Veranstaltung baute Brücken zwischen Lateinamerika und Europa. Der enge politische und ökonomische Zusammenhang von Süd und Nord lief wie ein roter Faden durch die Veranstaltung. Heike Schiebeck, Bäuerin der Longo Mai, eröffnete die Veranstaltung mit der aktuellen Erfolgsbotschaft über den Fall der von der EU-Kommission geplanten Saatgutverordnung. Was in der EU (vorerst) verhindert werden konnte, wurde in Kolumbien im Jahr 2010 mit der „Resolution 970“ verordnet. Dieses Gesetz besagt, dass nur zertifiziertes Saatgut für Anwendung, Produktion, Import, Export und Weitergabe zugelassen ist. Eine Zertifizierung erhält nur jenes Saatgut, das gewissen Standards, wie etwa Homogenität und Stabilität, entspricht. Im Gegensatz zu Hybridsaatgut aus den Labors von multinationalen Konzernen kann traditionelles Saatgut solchen Normen nicht gerecht werden. Jahrhunderte bis Jahrtausende alte Kultur(saat)güter wurden somit illegalisiert. Damit wurde eine traditionelle Tätigkeit der kleinbäuerlichen Bevölkerungsmehrheit kriminalisiert. Bilder veranschaulichten, wie nicht-zertifiziertes Saatgut tonnenweise beschlagnahmt und vernichtet wurde.
Ralf Leonhard, Albeiro Alvarado Catuche, Alba Portillo Calvache und Cynthia Osorio Torres, Foto: Monika Thuswald
Gewalt im Namen des Freihandels
Cynthia Osorio Torres vom kolumbianisch-ecuadorianischen Netzwerk „Hüter der Samen des Lebens“ (Red de Guardianes de Semillas de Vida) setzte diese aktuellen Ereignisse in einen breiteren polit-ökonomischen Kontext. Die Saatgut-Gesetzgebung sei eine Folge der neoliberalen Öffnung, die in den 1990er Jahren eingesetzt hat.
Albeiro Alvarado Catuche von der Nationalen Agrar-Koordination Kolumbien (CNA) ist selbst Bauer und sprach über Erfahrungen mit ökonomischer und militärischer Gewalt. Die neoliberale Agenda werde auch unter Einsatz paramilitärischer Truppen umgesetzt. Die schreckliche Bilanz der Entführten (desaparecidos), Gefolterten, Ermordeten und Vertriebenen sei Ausdruck dieser Gewalt. Unter dem Publikum im Raum der BOKU saß eine der fünf Millionen von ihrem Land Vertriebenen (desplazados). Sie meldete sich in der Diskussion zu Wort, und eröffnete uns ihr eigenes Schicksal im Zusammenhang mit der globalen Wirtschaftspolitik. Bei ihrem letzten Besuch sei ihr die massive Zunahme von Monokultur-Plantagen in Kolumbien aufgefallen. Seit einigen Monaten, also kurz nach dem Inkrafttreten des Freihandelsabkommens zwischen EU und Kolumbien im August letzten Jahres fände sich ihr Hauptanbauprodukt, die Baumtomate (tomate de arbol) in den österreichischen Supermarktregalen.
Publikum, Foto: Monika Thuswald
Pädagogik als Praxis des Widerstands
Der ökonomische Krieg und die paramilitärische Repression konnten den Widerstand nicht brechen, im Gegenteil. Der Kleinbauer Albeiro Alvarado Catuche berichtete enthusiastisch, wie sich eine Widerstandsbewegung in Kolumbien gebildet hat, in der sich alle sozialen Bewegungen Kolumbiens integrierten. Sie formierten einen „Völkerkongress“ (Congreso de los pueblos). Die Studierendenbewegung nannte er als wichtigste Bündnispartnerin. Sie habe das politische Bewusstsein in der Bewegung angehoben und zu geeintem politischen Protest in Form von Streiks und Demonstrationen ermutigt. Pädagogik sei zum wichtigsten Mittel des Widerstandes geworden, die Gemeinschaftsküche zum zentralen Raum politischen Lernens. Alba Portillo Calvache, stolze Kleinbäuerin und Aktivistin im Netzwerk „Semillas de Vida“ rechnete ebenfalls der Bildung eine bedeutsame Rolle zu. Gemäß der zentralen Organisationsprinzipien des Netzwerks, „Komplementarität“ (sich mit seinem Umfeld ergänzen, statt „Subsistenz“ im Sinne von sich selbst versorgen) und Selbstverwaltung, entwickelten sie ein Bildungssystem, das sich im Kontrast zur institutionellen Bildung, auf die eigenen kulturellen Werte stütze und auf der Verbindung von Menschen basiere. Lernen geschehe in der Praxis, in „lebendigen Klassenzimmern“ und durch den Zusammenschluss von jenen, die etwas wissen wollen und anderen, die etwas wissen. Die Bildung stehe auf drei Säulen: Dem Wissen der Ahnen, den Lehren der Natur und der Persönlichkeitsentwicklung. Sie folge aber keiner strikten Methodologie, sondern erfolge sehr stark auf informellem Wege.
(Teil-)Erfolge und neue Herausforderungen im Kampf für Ernährungssouveränität
In der Verschmelzung von Politik und Pädagogik scheint die kolumbianische Widerstandsbewegung Paulo Freires Bildungsideal in die Tat umzusetzen – sichtlich mit Erfolg: Die Resolution 970 wurde vorerst „eingefroren“. Das könne bedeuten, dass das umstrittene Gesetz entweder ganz abgeschafft, oder neu eingebracht werde, schmälerte Cynthia Osorio Torres den Grund zur Freude. Auch in Europa ist mit dem Veto gegen die Saatgutverordnung die Bedrohung der kleinbäuerlichen Landwirtschaft nicht gebannt. Im Freihandelsabkommen Transatlantic Trade and Investment Partnership (TTIP), das derzeit verhandelt wird, ist die Landwirtschaft das Kernthema. Irmi Salzer von der ÖBV-Via Campesina wies in einem Schlusskommentar darauf hin, dass wir im Kampf gegen das TTIP über Europa hinaus denken müssten. Denn die Handelsregelungen, die zwischen EU und USA abgemacht werden, würden oft als allgemeine Normen anerkannt und Entwicklungsländern einfach übergestülpt. Die kolumbianischen AktivistInnen forderten das Publikum zu Solidarität und Widerstand auf. Albeiro Alvarado Catuche schloss überzeugt: „Wenn die Wurzeln unsere sind, muss die Geschichte unsere sein!“
Die Autorin ist Mitglied im Online-Redaktionsteam des Paulo Freire Zentrums. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.