Wer heute in Österreich billige Kleidung kaufen möchte, muss nicht lange suchen. Doch was uns die Angebotsschilder verheimlichen: Der wahre Preis für die Billigtextilien ist hoch. Manchmal übersteigt er sogar hunderte Menschenleben. Über „tödliche Nähfabriken und den Kampf für menschenwürdige Arbeitsbedingungen“ in Bangladesch berichteten Rokeya Rafique und Babul Akther am 6. Mai im Linzer luft*raum.Gut ein Jahr liegt der Einsturz des Fabrik-Komplexes Rana Plaza in Bangladesch nun zurück, bei dem über tausend Menschen starben und mehr als doppelt so viele verletzt wurden. Fast alle Opfer waren NäherInnen, die für internationale Modeunternehmen Kleidung produzierten. Rokeya Rafique, Geschäftsführerin der NGO Karmojibi Nari und Babul Akther von der Bangladesh Garment and Industrial Workers Federation (BGIWF) unterstützen NäherInnen in Bangladesch und versuchen, Verbesserungen der Arbeits- und Sicherheitsbedingungen in der Bekleidungsindustrie sowie angemessene Entschädigungen für die Opfer und Hinterbliebenen von Rana Plaza zu erreichen. Im Rahmen des Projektes „Menschenwürdige Arbeit für menschenwürdiges Leben“, reisen sie durch verschiedene Länder und informieren über die Situation der NäherInnen. Auch in Linz hatten Interessierte die Möglichkeit mit den beiden Gästen aus Bangladesch ins Gespräch zu kommen. Die Veranstaltung war eine Kooperation des Vereins weltumspannend arbeiten, Südwind Oberösterreich, AK Konsumentenschutz, Wearfair&mehr und dem luft*raum.
Keine Sicherheit und niedrigste Löhne
Am 23. April 2013, einen Tag bevor das Rana Plaza einstürzte, hätten ArbeiterInnen Risse im Gebäude entdeckt, erzählte Akther. Aus Angst um ihre Sicherheit hätten sie die Fabrik am darauffolgenden Tag nicht betreten wollen, sahen sich aber dazu gezwungen, da ihnen vom Management angedroht wurde, dass sie ansonsten Job und Lohn verlieren würden. Akther ist überzeugt: Wären diese Menschen Mitglieder einer Gewerkschaft gewesen, so hätte man sie nicht dazu zwingen können, trotz Sicherheitsgefährdung zu arbeiten. Die BGIWF und Karamojibi Nari würden daher versuchen, die NäherInnen dazu zu motivieren, sich einer Gewerkschaft anzuschließen. Allerdings sei die Situation nicht einfach, erklärte Akther. So würden FabriksbesitzerInnen aus Angst vor Profit-Einbußen versuchen, solche Beitritte zu verhindern. Von den 5000 Bekleidungs-Fabriken, die heute in Bangladesch existieren, gebe es lediglich in 140 Fabriken Gewerkschaften.
Neben den katastrophalen Sicherheitsbedingungen – das Rana Plaza war nicht das einzige derartige Unglück – sei auch die starke Unterbezahlung problematisch, erklärte Rafique. In der Bekleidungsindustrie würden vor allem Frauen beschäftigt, diese könnten als besonders billige Arbeitskräfte angeworben werden. Ende der 1970er Jahre, beim Aufkommen dieser Industrie in Bangladesch, hätten die Löhne für NäherInnen 250 bis 300 Taka (ca. 2-3 Euro) im Monat betragen. In den 80ern habe man eine Erhöhung des Gehalts auf 930 Taka (ca. 8,7 Euro) gefordert, es habe aber ganze 12 Jahre gedauert, bis dieser Forderung nachgegeben wurde. Seither würden FabriksbesitzerInnen versuchen, diese Entwicklung zu stoppen, weshalb der Umsatz der BesitzerInnen immer weiter steige, während die NäherInnen auch heute noch viel zu niedrige Löhne erhalten würden, so Rafique.
Ende 2013 sei nun ein Gesetz in Kraft getreten, welches besagt, dass Firmen einen Mindestlohn bezahlen müssen, erklärte Akther. Dieser betrage momentan 5300 Taka (ca. 50 Euro), was aber kein existenzsicherndes Gehalt darstelle. Nach Kalkulation der Gewerkschaften wären 200 bis 300 Dollar (ca. 145-218 Euro) pro Monat notwendig. Zudem würden sich auch nur 30% der Fabriken an das Gesetz halten, 70% dagegen würden nicht einmal diesen Betrag bezahlen.
Der Kampf um faire Arbeitsbedingungen
Angesichts dieser Missstände kämpfen AktivistInnen heute national und international für Verbesserungen. In Bangladesch habe besonders der erste Einsturz einer Bekleidungsfabrik im Jahr 2005 zur Entstehung einer breiten Bewegung von Gewerkschaften und NGOs beigetragen, so Rafique. Von da an habe man verstärkt versucht, ausländische Firmen über die Situation in den Fabriken, über fairen Handel und über Arbeitsrechte zu informieren, man gestalte Kampagnen, leiste Aufklärungsarbeit und versuche NäherInnen dazu zu bewegen Gewerkschaften beizutreten.
Auch die Frage danach, was wir als KonsumentInnen in Österreich tun können, wurde an diesem Abend diskutiert. Wichtig sei es, so Akther, Produkte aus Bangladesch nicht generell zu boykottieren. Denn die Bekleidungsindustrie beherberge rund 4 Mio. ArbeiterInnen und für die meisten von ihnen stelle sie die einzige Möglichkeit dar, überhaupt ein Einkommen zu erhalten. Man müsse daher Druck ausüben, damit diese Menschen ihren Job nicht verlieren, ihnen aber menschenwürdige, sichere und faire Bedingungen zugesichert würden. Dieser Druck müsse nicht nur von Bangladesch, sondern auch von den Konsumländern ausgehen. KonsumentInnen sollten sich daher bei den Mode-Labels über die Produktionsbedingungen informieren und unbedingt immer wieder faire Bedingungen einfordern.
Ob sich die Modefirmen aber tatsächlich davon beeindrucken lassen, wenn KonsumentInnen die Produkte auch unter den gegebenen Umständen weiter kaufen, scheint fraglich. Wie wir also diesen Druck verstärken und gleichzeitig die Bedenken der Produktionsländer bezüglich des Arbeitsplatzverlustes durch Boykott berücksichtigen können, sollten wir weiter reflektieren – am besten gepaart mit Aktion. Denn um mit Freire zu sprechen: „Dies [die Überwindung der Unterdrückung] kann nur mit Hilfe der Praxis geschehen: durch Reflexion auf die Welt und Aktion an der Welt, um sie zu verändern.“ (Freire 1973: 38)
Quelle:
Freire, Paulo (1973): Pädagogik der Unterdrückten. Bildung als Praxis der Freiheit. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag.
Die Autorin ist Mitglied im Online-Redaktionsteam des Paulo Freire Zentrums. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.