Die Forderung nach Reduktion des Energieverbrauchs und mehr
Nachhaltigkeit trifft alle Teile der Bevölkerung, besonders aber ärmere
Haushalte. Am 15. Mai 2008 fand eine vom Ökobüro organisierte
Veranstaltung statt, die sich mit der Energiedebatte aus Sicht der
Armen beschäftigte.
Die EU-Staaten haben sich das Ziel gesetzt, Treibhausgasemissionen zu senken. Durch konkrete Richtlinien sollen die Einsparungsziele durch Reduktion des Energieverbrauchs einerseits und Steigerung der Energieeffizienz andererseits erreicht werden. Aus verschiedenen Perspektiven diskutierten Vortragende und ein zahlreich erschienenes Publikum im Albert Schweitzer Haus mögliche Effekte von Energieeinsparungen auf vor allem ärmere Bevölkerungsschichten.

Publikum bei der Veranstaltung am 15. Mai 2008 (Photo: Katharina Auer)
Prioritäten setzen
Laut Silva Hermann, Klima- und Energiereferentin von GLOBAL 2000, wären "gewaltige Veränderungen" notwendig, damit Österreich bis 2012 das im Kyoto-Protokoll festgehaltene Ziel einer Treibhausgasreduktion um 13% im Vergleich zu 1990 erreichen könne. Anstatt der benötigten Reduktion sei es in den letzten Jahrzehnten zu einem weiteren Anstieg des Energieverbrauchs gekommen.
Die "sozialen Dimensionen" des Klimaschutzes verortete Hermann vor allem in drei Bereichen: Arme sowohl innerhalb Österreichs, als auch ärmere Staaten tragen wegen geringerem Energieverbrauch weniger zum Klimawandel bei als Reiche; Arme seien relativ stärker von negativen Effekten des Klimawandels betroffen; zudem habe die Klimaschutzpolitik verteilungspolitische Auswirkungen.
Energieeffizienz-Programm der Stadt Wien
Andreas Eigenbauer von der Wiener Magistratsabteilung (MA) 27 stellte das Städtische Energieeffizienz-Programm (SEP) der Stadt Wien vor. Eine Analyse der Energieversorgung und -nutzung in Wien zeige, so Eigenbauer, dass zwischen 1993 und 2003 der Energieverbrauch um 24% gestiegen sei. Bei "linearer Fortschreibung der technologischen Entwicklung, gleich bleibender Sanierungsrate und keinen zusätzlichen energiepolitischen Maßnahmen" rechne man mit einem Anstieg um 12% bis 2015. Deklariertes Ziel des SEP ist, diesen Anstieg auf 7% zu reduzieren.
Über 100 Maßnahmen, so Eigenbauer, beinhalte das SEP zum Energiesparen in verschiedenen Bereichen. Darunter fielen z.B. die Sanierung von Gebäuden, energieeffiziente Planung von Neubauten, Stromsparen im öffentlichen Bereich (Umstellung der Beleuchtung auf LED), Energieberatung, etc. Diese Maßnahmen richteten sich an alle BewohnerInnen, ein spezieller Fokus auf Haushalte mit niedrigem Einkommen existiere in Form von Heizkostenzuschüssen eine soziale, nicht aber ökologische Maßnahme.
Energie und Armut eine globale Perspektive
Johannes Schmidl von der Austrian Energy Agency betrachtete das Thema Energie aus globaler Perspektive. Weltweit werde Energie in erster Linie in Form von Öl, Erdgas und Kohle verbraucht, wobei in der Verteilung starke Unterschiede festzustellen seien: Insgesamt konsumieren, Schmidl zufolge, 20% der Weltbevölkerung etwa 65% der Energie ein Ungleichgewicht, das sich durch steigende Bevölkerungsraten und zunehmenden Energieverbrauch weiter verschärfe. Energie- und Armutsproblem, so Schmidl, greifen in vielen Bereichen ineinander so könnten sich Arme "teure" Energien nicht leisten, dennoch beziehen sich Maßnahmen zur Energieeffizienz nur auf einen Aspekt des "vieldimensionalen Phänomens Armut".

Die DiskutantInnen (v.l.n.r.): Johannes Schmidl, Andreas Eigenbauer, Moderator Markus Piringer (Ökobüro), Silva Hermann, Karl Kienzl, Siegfried Tatschl. (Photo: Katharina Auer)
Karl Kienzl vom Umweltbundesamt stellte Ergebnisse aus dem Trendreport des Forum Nachhaltiges Österreich vor. Durch steigende Kosten für Energie (plus 25% in den letzten 6 Jahren) sei vor allem die Lebensqualität armer Personen gefährdet. Die "Investition in Armut" trage daher gleichzeitig zu Armutsbekämpfung und Klimaschutz bei. Die Empfehlungen des Forums reichten von einer Berücksichtigung von umweltfreundlichem Verhalten bei der Vergabe von Heizkostenbeihilfen, über Unterstützung des Technologietransfers und Energieberatung, bis hin zur Altbausanierung für sozial Schwache. Kienzl stellte das Beispiel Belgien vor, wo ein kostenloser Energieanteil zur Verfügung gestellt werde und darüber hinaus verwendete Energie teurer sei. Dieses Modell, das auch ein Verbot der Lieferungsunterbrechung im Winter vorsehe, komme Niedrigverbrauchern, zu denen arme Personen meist zählen, zugute.
Ressourcenverknappung und sozialer Zusammenhalt
Siegfried Tatschl vom FH Campus Wien betrachtete die Energiedebatte im Bezug auf ihre Auswirkungen auf gesellschaftliche Veränderungen. Für ihn war klar, dass ein tief greifender Wandel zugunsten des Klimas einen Wertewandel mit sich bringen müsse. Zentrale Themen dabei seien Gleichheit und Gerechtigkeit, Solidarität und Zusammenhalt, sowie Sicherheit. All dies sei nötig um neue Situationen gesellschaftlich zu bewältigen. Wichtig sei, den Menschen Handlungsoptionen zuzugestehen so werde das Gefühl von Sicherheit gefördert und mehr KonsumentInnenverantwortung geschaffen. Um eine breite Diskussion zu fördern sollten bereits bestehende zivilgesellschaftliche Institutionen genutzt werden (z.B.: Feuerwehr, Frauenorganisationen, etc.). Ungleicher Zugang zu Ressourcen, so Tatschl, berge, ebenso wie Einkommensunterschiede, großes Potential zur gesellschaftlichen Destabilisierung.
"Aus Betroffenen Verbündete machen"
In der abschließenden Podiumsdiskussion ging es um die Frage, wie eine Reduktion des Energieverbrauchs sozial verträglich gestaltet werden könne. Positiven Anklang fand das Modell Belgien; denn, im Gegensatz zum österreichischen Heizkostenzuschuss, garantiert es eine Minimalversorgung. Nicht gelöst wird dadurch jedoch die ökologische Frage, da die Möglichkeit des (Mehr-)Konsums keine Energieeinsparung bedeutet. Eine speziell auf niedrige Einkommensschichten ausgerichtete Energieberatung stand auch zur Debatte. Diese könne wesentlich zur Sensibilisierung beitragen, indem Handlungsoptionen aufgezeigt werden.
Ob die Zukunftsvision so aussieht, dass "kein Stein auf dem anderen" bleibe, oder ob aufgrund neuer Technologien nur geringe Veränderungen zu erwarten seien darüber waren sich die TeilnehmerInnen nicht einig. Allgemein als wichtig erachtet wurde, konkrete Ziele zu entwickeln und diese politisch zu verankern. Bei der Debatte solle klar hervorgehen, welches Ziel konkret verfolgt werde. Problemstellungen der Energieversorgung für alle im reichen Wien verlangen andere Lösungsansätze als die Energiekrise auf globaler Ebene.