Im Rahmen des europäischen "Jahr des Interkulturellen Dialogs" veranstalteten KommEnt und die Austrian Development Agency (ADA) zwei Workshops um "Orte des Dialogs zu schaffen". Am 16. April 2008 fand in Wien der zweite Workshop statt.
Um 10:00 Uhr wurden die ca. 25 TeilnehmerInnen seitens der
Organisatorinnen von KommEnt, Dr. Heidi Grobbauer und Ulli Vilsmaier,
in der Kapelle des Albert Schweitzer Hauses begrüßt. Die
TeilnehmerInnen wurden im Vorfeld aufgefordert, sich Gedanken über die
Bedeutung des Begriffs interkulturell zu machen. Darauf aufbauend wurde
zum Einstieg des Workshops ein Assoziationsfeld zum Thema geöffnet.
Viele TeilnehmerInnen meldeten sich zu Wort und es wurden Begriffe wie:
Selbstbild-Fremdbild, Dialog auf Augenhöhe, Verunsicherung,
Informationsaustausch, Neugierde, Intersozial, Hierarchie, Rassismus,
Klischee, Schönrede, Streit-Krieg und viele andere Assoziationen
gesammelt.
Der performative Akt des Sprechens
Mit einem fesselnden Vortrag gestaltete Hakan Gürses den zweiten Teil des Workshops am Vormittag. Er analysierte den Dialog als Handlung. Was tun wir, wenn wir sprechen? Der Hund ist bissig sei nicht nur ein Satz, sondern gleichzeitig eine Warnung. Dieser Satz sei performativ, ein Begriff aus der Sprechaktphilosophie von John Austin: der Sprecher führt im Sprechakt eine Tat aus, er stellt etwas fest und schafft damit eine Realität. Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es wurde Licht, auch dieser biblische Satz sei die Schaffung einer neuen Wirklichkeit durch den Sprechakt.
Um diesen Zugang zu veranschaulichen, erzählte er eine Anekdote, ein Telefongespräch zwischen ihm und einer Journalistin, in dem es um einen erst kürzlich veröffentlichten Film aus der Türkei ging: Die Journalistin wollte ihn für eine Stellungnahme zu dem kontrovers diskutierten Film gewinnen, da er aus der Türkei stammt und einen philosophischen Beitrag dafür bringen könne. Er hatte den Film weder gesehen, noch wollte er dies nachholen. Sie aber drängte ihn dazu, was ihn verärgerte, weil er als Repräsentant für etwas gesehen wurde, das er in seinen Augen nicht war. Nach dem Motto: Jeder Türke muss über türkische Filme sprechen wollen. Das Gespräch endete erfolglos für die Journalistin.
Was ist in diesem Fall geschehen? Kann man dieses Gespräch als interkulturellen Dialog bezeichnen? Bei der anschließenden Diskussion wurden die aufgeworfenen Fragen und Analyseebenen reflektiert. Hakan Gürses erinnerte daran, dass man immer daran denken müsse, dass ein Dialog zwischen Individuen entstehe und nicht zwischen Kulturen.
Podiumsgespräch zu Toleranz-Anerkennung-Dialog
Die Podiumsdiskussion mit Ernst Führlinger, Mitarbeiter der Donau-Universität-Krems, Mouhanad Khorchide, Mitarbeiter der Universität Wien und Beatrice Achaleke, Gründerin und Direktorin von AFRA Wien, fand am Nachmittag statt und bildete den zweiten Block der Veranstaltung. Ziel war die Definition der Begriffe Toleranz-Anerkennung-Dialog.
Toleranz ist nicht mehr als Duldung
Herr Führlinger gab einen Bedeutungsgeschichtlichen Überblick des Begriffs Toleranz. Er lehne den Begriff ab, da er sich auf eine Weltanschauung beziehe, die auf ein Duldungskonzept und nicht auf Anerkennung basiere. Er bevorzuge alternativ den Begriff der Akzeptanz. Als Beispiel nannte er die Debatte über die Moscheebauten und die Erwartungshaltung an die Gläubigen, keine Anforderungen zu stellen, da sie quasi froh darüber sein sollten, dass sie geduldet werden. Der Begriff Dialog werde in den Medien oft als Plastikwort im Zusammenhang mit Integration und Migration missbraucht und diene zur Verschleierung gegebener Missverhältnisse.
Respekt statt Toleranz
Frau Achaleke schloss sich dem an und schlug vor, den Begriff Toleranz mit Respekt auszutauschen, da dieser keine negative Konnotation mitbringe. Toleranz setze ein Machtverhältnis, Dankbarkeit und Duldung voraus. Alle Unterschiede zwischen den Menschen seien aber gleich wertvoll und dürften nicht nur toleriert, sondern müssten akzeptiert werden. Sie erzählte aus ihrer praktischen Arbeit mit MigrantInnen und aus ihrer eigenen Erfahrung mit Rassismus. Dabei sei das wichtigste für gegenseitigen Respekt, dass nicht nur kommuniziert werde, sondern ein Dialog geführt werde, um der Mehrheitsgesellschaft die Augen zu öffnen. Der Unterschied zwischen Kommunikation und Dialog sei nämlich die Nachhaltigkeit und die positiven Folgen die ein Dialog mit sich bringen kann, im Sinne von Reflexion und Selbstkritik.
Dialog führt zu Anerkennung
Mouhanad Khorchide setzte Toleranz und Dialog in Kontrast zu Anerkennung. Der Dialog betone geschlossene Räume, die geöffnet werden müssten, nicht nur im Rahmen von Podiumsdiskussionen wie dieser. Als Denkanstoß solle man sich vor Augen halten, dass alle großen Kulturen sich nur als Hybridkulturen weiterentwickelt haben. Deshalb sei es nötig, dass man das Fremde nicht als fremd, sondern als aneignungswert erkenne.
Die TeilnehmnerInnen diskutierten angeregt darüber, ob es einen Widerspruch zwischen Akzeptanz und eigenem Wahrheitsanspruch gebe. Es sei immer zu beachten, dass es einen Unterschied in der Wahrnehmung gibt, wie man sein Gegenüber sieht, als wer oder was man selbst im Dialog auftritt (als Privatperson oder Stellvertreter für etwas) und ob man sich auf gleicher Augenhöhe begegne. Dialog sei aber nicht mit Harmonie gleichzusetzen, sondern mit Erkenntnisbildung und als effektivste Form um Stereotype abzubauen.
In einer anschließenden Gruppenarbeit erzählten einige TeilnehmerInnen in zwei Kleingruppen von fördernden und hemmenden Einflüssen in ihrer arbeitsspezifischen interkulturellen Praxis.
Reflexion
War dieser Workshop ein Dialog? Im Sinne der Definition, die sich in den vielen Diskussionen herauskristallisierte, ein Dialog sei ein in Verbindung treten von verschiedenen Akteuren, der alle Beteiligten zu Selbstreflexion anregen solle, kann man die Frage bejahen. Wichtig ist nur, dass wir uns immer fragen für wen, mit wem und weshalb wir, in Dialog treten.
Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum und studiert Internationale Entwicklung.