Der Aktionsradius lud am 02. Februar zu einer Veranstaltung über die „Arroganz des Helfens“ ein. Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand die Ablehnung von Hilfe, die auf Bevormundung aufbaue und zu Abhängigkeiten führe. Stattdessen wurde eine Kooperation auf Augenhöhe gefordert.
Zu Beginn der Veranstaltung wurde ein Film-Beitrag des Weltjournals zum Thema „Handeln statt entwickeln“ gezeigt, anschließend folgten zwei Referate von Margit Scherb (Austrian Development Agency-Mitarbeiterin im Ruhestand, ADA) und Gertrude Klaffenböck (Food First Information and Action Network, FIAN) sowie eine Podiumsdiskussion.
„Erzählt wie wir euch helfen können“ – Kooperation auf Augenhöhe.
Der Videobeitrag zeigte Denkerinnen aus Kenia, die in der traditionellen Entwicklungshilfe die Wurzel von Abhängigkeiten, Lethargie und Korruption sahen. Sie forderten stattdessen unabhängige und eigenständige Wirtschaftsbeziehungen auf Augenhöhe, basierend auf dem Prinzip des Gebens und Nehmens.
Eine dieser Denkerinnen war die kenianische Germanistin, Soziologin und Autorin Auma Obama, Halbschwester von Barack Obama. Sie leitet das Kinderhilfswerk „Sauti Kuu“, dessen Ziel es ist, Kindern eine starke Stimme zu geben, um das Vertrauen in sich selbst, und nicht das Vertrauen zu GeldgeberInnen zu stärken. Anstatt „Hilfe“ zu praktizieren, die zu Abhängigkeiten führe, solle Hilfe als „Geschäft“ gesehen und genutzt werden. Der Leitsatz „erzählt wie wir euch helfen können“ solle die Aufforderung „ihr müsst es so machen, wenn ihr unsere Hilfe wollt“ ersetzen, betonte Frau Obama.
Das Geschäft der Entwicklungspolitik.
Im Film sprach anschließend der Ökonom James Shikwati. Ebenfalls als Geschäft – aber im negativen Sinne – kritisierte er Entwicklungspolitik, die er als Heuchelei und Ressourcenplünderung bezeichnete. Beispielsweise würden die meisten Infrastrukturprojekte in Afrika, die in Kooperation mit der Weltbank durchgeführt werden, der Vertretung von bestimmten Interessen (wie zum Beispiel dem leichteren Zugang zu Bodenschätzen) dienen, so Shikwati.
Auch im Rahmen der Millennium Development Goals (MDGs) seien ab 2004 sogenannte Milleniumsdörfer in verschiedenen afrikanischen Ländern gebaut worden, die als Prestigeprojekt der UNO galten und als Beweis für den Erfolg der sogenannten Entwicklungshilfe dienen sollten, aber eigentlich zu Abhängigkeiten führten. Im Video war das Dorf Sauri in Kenia zu sehen, das durch Förderungen im Rahmen der Milleniumsdörfer seine Produktion vervierfachen und Schulen und Häuser erbauen konnte. Doch als 2015 die Förderungen zu Ende gingen, wurde die neue Abhängigkeit sichtbar. Die Wartung der neu angeschafften Geräte wurde zu teuer und gleiches galt für die Ausbildung der Kinder in den neuen Schulen. BäuerInnen, die im Rahmen der Förderungen auf Hybridsamen von Monsanto umgestiegen waren, konnten sich diese Hybridsamen (die jährlich nachgekauft werden müssen) nun nicht mehr leisten. Die BewohnerInnen des Dorfes seien also noch „hilfsbedürftiger“ gemacht worden und damit noch abhängiger, kritisierte Shikwati.
Eine solche „Entwicklungshilfe“ gehört abgeschafft!
Auch die ehemalige ADA-Mitarbeiterin Margit Scherb plädierte in ihrem Beitrag dafür, dass Entwicklungshilfe, in ihrer aktuellen Form, abgeschafft gehöre. Scherb setzte aber hinzu, dass der Staat bereits selbst dafür sorge: durch Kürzungen, Streitigkeiten, sowie einer Bürokratie, deren Kosten jene der Hilfe weit übersteige.
Ein gewisser Fortschritt der MDGs im Bereich „Bildung“ sei zwar als Erfolg zu sehen, es sei jedoch ein Schwindel zu behaupten, dass er der Entwicklungspolitik zu verdanken ist. Viel eher sei dieser Erfolg der Eigeninitiative von Ländern wie China und Indien zu verdanken. Eine weitere Kritik übte Scherb am Credo, dass verstärkte Entwicklungshilfe Fluchtbewegungen verhindern würde. „Menschen fliehen nicht aus Mangel an Entwicklungshilfe, sondern vor Kriegen und Konflikten“, betonte Scherb. Eine solche Entwicklungshilfe sei lediglich eine Investition in unsere eigene Sicherheit, ganz nach dem Motto: „alles was wir tun muss einen Nutzen für uns haben“. Diese Herangehensweise sei „ideologisch sehr bedenklich“, so Scherb.
Bekämpfung von Hunger – (un)möglich durch Wirtschaftswachstum?
Im Anschluss kritisierte Gertrude Klaffenböck (FIAN) die aktuellen Strategien der Entwicklungspolitik auch hinsichtlich der Bekämpfung von Hunger. Hunger solle durch Wirtschaftswachstum, also durch maximale Produktion, Förderungen der Agrarkonzerne sowie Liberalisierungen der Märkte bekämpft werden. Dies sei jedoch kontraproduktiv, denn zwei Drittel der Nahrung werden eigentlich durch KleinbäuerInnen erwirtschaftet, die im Vergleich zu den geförderten Agrarkonzernen auch verstehen, wie Böden geschont, anstatt nachhaltig zerstört werden.
Klaffenböck verwies auf Art. 25 der Menschenrechte, nachdem jeder Mensch das Recht auf Gesundheit und Wohl hat, einschließlich Nahrung, Kleidung und Wohnung. Die Aufgabe des Staates wäre es, diese Rechte zu schützen. Laut Klaffenböck verlassen wir aber gegenwärtig diesen Boden des demokratischen Erbes. „Wenn wir am Boden bleiben wollen, müssen die Agrarkonzerne stärker kontrolliert, anstatt gefördert werden“, schloss Klaffenböck.
Die Entwicklungspolitik gehört doch sowieso den „Weißen“!
In der anschließenden Diskussion stellte Nshimyimana Neuberg (Obmann von Afrika TV) die Frage, warum immer nur „Weiße“ die HelferInnen seien? Wolle man beispielsweise jemandem in Somalia helfen, solle man doch besser eine/n Somali aus der Diaspora zu Hilfe nehmen. Klaffenböck antwortete, dass es schwierig sei, Menschen aus der Diaspora in die Gremien zu bekommen. Die meisten Förderungen für Projekte würden durch „Beziehungen“ und „Freunderlwirtschaft“, nicht unbedingt nach Sinn und Inhalt, verteilt werden. Entwicklungshilfe in diesem Sinne sei also ein sehr einseitiges Geschäft, betonte Frau Klaffenböck schlussendlich nochmals.
Der Autor studiert Politikwissenschaft an der Universität Wien und ist Praktikant im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at
Foto: Flyer der Veranstaltung des Aktionsradius
Weiterführende Links:
Link zum Film-Beitrag des Weltjournals: https://www.youtube.com/watch?v=wGjGmN4SwFY
Hinweis zur kenianischen Satire Serie „The Samaritans“, die die Arroganz von Entwicklungshilfe parodiert: https://www.youtube.com/watch?v=ZTFhFvo3gQI