Eine neue Studie von der makeITfair-Kampagne enthüllt miserable Arbeitsbedingungen in asiatischen Handyfabriken. Der Geschäftsführer von Germanwatch, einer Mitgliedsorganisation der Kampagne, wird als Referent bei der IV Österreichischen Entwicklungstagung in Innsbruck mitwirken.
Die vorliegende Studie mit dem Titel „Silenced to deliver. Mobile phone manufacturing in China and the Philippines“ wurde von dem europäischen Netzwerk makeITfair herausgegeben, das aus neun Organisationen besteht. Die Kampagne befasst sich mit dem weiten Feld der Unterhaltungselektronik, laut Eigendarstellung von der Rohstoffgewinnung in afrikanischen Ländern über die Produktion in Asien, den Konsum in Europa und die problematische Entsorgung wiederum in den Herkunftsländern.
Im Vordergrund der Studie stehen die schlechten Arbeitsbedingungen in den sechs untersuchten Handyfabriken in China und den Philippinen, die alle direkte Zulieferbetriebe für die Großen der Branche sind (Nokia, Samsung, Motorola, LG, Sony, Ericsson und Apple). Besonders auffällig ist der gewaltige Unterschied zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Während viele Verhaltenskodexe existieren und mittlerweile keine große Firma ohne die PR-Wirkung von CSR (Corporate Social Responsibility) auskommt, sollte laut Firmengrundsätzen ohnehin alles funktionieren. Der Alltag, so enthüllt die Studie, sieht indes anders aus. Und auch wenn mittlerweile die Zulieferbetriebe von den Arbeitsrechts- und Sicherheitsrichtlinien europäischer Konzerne betroffen sind, also auch jene sechs untersuchten Betriebe, kann von Funktionieren wohl leider keine Rede sein.
Produktionsketten
Mit dem Begriff Produktionskette ist der gesamte Produktionsprozess, also von der Rohstoffgewinnung über die vielen einzelnen Schritte der Produktion, des Transports, der Bewerbung, des Verkaufs und der Entsorgung gemeint. Zu vielen Branchen wurden Studien vorgelegt, welche die oft miserablen und nicht zur offiziellen Firmenpolitik passenden Arbeitsbedingungen offen legen. Dies gilt beispielsweise für den Textil-, Kaffee- und Holzbereich. Grundlegende Probleme sind ja vielen von uns bekannt: Arbeits-, Sicherheits- und Umweltauflagen geraten schnell ins Hintertreffen, wenn der Preisdruck vom Auftraggeber oder Mutterkonzern zu hoch wird. Je tiefer ein Unternehmen in der globalen Hierarchie steht, umso größerer Druck wird ausgeübt und umso weniger Spielraum bleibt für die Umsetzung von internationalen und nationalen Gesetzen, der Firmenpolitik des Mutterkonzerns, geschweige denn der firmeneigenen Politik vor Ort. So weit, so schlecht. Doch wie sieht es nun mit den Ergebnissen der Studie zur Handyproduktion aus?
Gegen Gesetze und Gesundheit
Die Liste der problematischen Aspekte, die durch die Studie hervorgehoben werden, ist sehr lang. Durch die Verletzung von internationalen Richtlinien, wie die der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) sowie von nationalen Gesetzgebungen, ergeben sich harte Arbeitsbedingungen für viele der Angestellten. Wie bereits angeklungen ist, werden nicht nur Gesetze, sondern auch die firmeneigenen Richtlinien missachtet. Hieraus ergibt sich folgender Teufelskreis:
Die Mindestlöhne sind teils so niedrig, dass eine Vollzeitanstellung nicht ausreicht, um das eigene Leben abzusichern. Nicht nur aus diesem Grund, sondern auch auf Druck des Unternehmens hin werden viele Überstunden geleistet, sodass eine 60 bis 70 Stundenwoche bei einem freien Tag in der Woche Normalität ist. Ist dieser Schritt erst einmal vollzogen, ergeben sich viele von der Studie aufgezeigte Aspekte fast schon von selbst. Bei einem Arbeitstag mit rund 14 Stunden sind gesundheitliche Schäden vorprogrammiert, wodurch sich Fehler einschleichen, die durch das vorgegebene hohe Tempo in der Produktion unvermeidbar werden. In den untersuchten Fabriken in China, im Unterschied zu den philippinischen Betrieben, werden Strafzahlungen fällig, sobald man Fehler begeht. Durch den enormen Druck, mehr zu verdienen als eine normale Arbeitswoche hergeben würde, verringert sich also letztlich der Gehalt wieder. Um noch flexibler und schneller arbeiten zu können, wird in der Folge häufig auf die Schutzmaßnahmen verzichtet. Da in der Handyproduktion mit vielen hoch giftigen Chemikalien gearbeitet wird, sind weitere Gesundheitsschäden, nun aber gänzlich anderer Art, zu erwarten.
Firmenpolitik der besonderen Art
Einerseits ist zwar der Druck, der auf den ArbeiterInnen lastet, so groß, dass dieser an sich unhaltbare Teufelskreis aufrecht erhalten wird. Andererseits werden von betrieblicher Seite aus weitere Maßnahmen getroffen. Dies betrifft zum einen die unliebsamen Gewerkschaften, die in den meisten Fällen erst gar nicht existieren (dürfen), zum anderen betrifft es weitere Aspekte der Betriebspolitik. So werden mit Vorliebe Frauen eingestellt und bei der Unterbringung in den betriebseigenen Schlafräumen wird darauf geachtet, dass WanderarbeiterInnen aus der selben Region nicht zusammen wohnen, um dem sozialen Zusammenhalt entgegen zu wirken.
Bemerkenswert ist, dass nicht nur enormer Druck vonseiten der Fabrik ausgeübt wird. Denn wie durch die Beschreibung des Teufelskreises deutlich wurde, sind es die ArbeiterInnen selbst, die die Logik der Ausbeutung verinnerlichen, da sie mehr verdienen „wollen“ – „müssen“ wäre wohl treffender. Die Fabrik selbst kann es sich aufgrund der Konkurrenz nicht ohne weiteres leisten, die Löhne über dem Mindestlohn anzusetzen. Eine Rechtfertigung für die schlechten Arbeitsbedingungen und die Beschneidung der gewerkschaftlichen Rechte ist dies aber sicherlich nicht. Das Beispiel zeigt aber eindrücklich, wie die Preise der Endprodukte über die globalen Produktionsketten mit schlechten Arbeitsbedigungen zusammenhängen. Die strukturelle Logik der Profitmaximierung wirkt arbeitsrechtlich wie ökologisch fatal.
Zur gesamten Studie“Silenced to deliver. Mobile phone manufacturing in China and the Philippines„.
David Schlauß ist Student der Internationalen Entwicklung und Praktikant im Paulo Freire Zentrum.