Hans Holzingers Hommage an einen Visionär

Hans Holzingers Buch „Sonne statt Atom. Robert Jungk und die Debatten über die Zukunft der Energieversorgung seit den 1950er Jahren bis heute“ ist eine Hommage an den 1994 verstorbenen Zukunftsdenker und engagierten Atomkraftwerk (AKW)-Gegner Robert Jungk. Es bietet viele Fakten rund um Jungks Leben und Wirken, ohne auf die Person beschränkt zu bleiben. Der rote Faden des Buches ist der Kampf für eine AKW-freie Welt aus verschiedenen Perspektiven. Ein spannendes Stück Zeitgeschichte.Das 130 Seiten umfassende Werk ist in sechs Kapitel und einen kurzen, informativen Anhang gegliedert. Der Autor setzt sich darin mit Robert Jungks Leben und Wirken, der Geschichte der Anti-AKW-Bewegung, Debatten über Solarenergie und Perspektiven einer Energiewende für das 21. Jahrhundert auseinander. Dabei werden Werke Jungks oft wörtlich zitiert und mit Aussagen anderer zeitgenössischer AKW-GegnerInnen und ZukunftsdenkerInnen in Verbindung gebracht.

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Porträt von Robert Jungk 1987

Foto: Lilian Birnbaum

Jungks Leben gegen eine Welt voller Atomkraftwerke und Atomwaffen

Im Vorwort gibt Holzinger einen kurzen Überblick über die Geschichte der Atomspaltung und dessen Entwicklung hin zu einer Kriegswaffe. Diese Einführung wird im Anhang durch eine „Historische Zeittafel zu Atom“ ergänzt. Im Kapitel „Mein Leben für die Zukunft“ bekommt der/die Lesende einen Einblick in die private Motivation Jungks, sich als Nicht-Physiker mit diesem Thema zu beschäftigen. Seine Auflehnung gegen die zerstörerischen Auswirkungen von Atomwaffen und sein Aktivismus gegen die Errichtung von Atomkraftwerken zur zivilen Nutzung, auch in Österreich, werden chronologisch dargelegt und mit Originalfotos ergänzt.

Das dritte Kapitel mit dem Titel „Der Griff nach dem Atom“, vergleicht Jungks Publikationen zur Atomfrage mit anderen zeitgenössischen wissenschaftlichen und journalistischen Publikationen, etwa einen Brief Jungks an Bruno Kreisky (S. 71). Nicht nur durch die wörtlichen Zitate sondern auch durch die abgedruckten Bilder und Originaldokumente bekommen die Fakten, die bereits im Vorfeld diskutiert wurden, einen stimmungshaften Unterton. Im dritten Kapitel wird deutlich, wie sehr Jungk und seinen MitstreiterInnen das Thema am Herzen lag.

Im vierten Kapitel „Dein Freund das Atom oder lebensfeindliche Energie?“ bekommt man deutlich zu lesen, warum das Thema niemanden kalt lassen sollte. Jungks Wirken wird in den Kontext der Anti-AKW-Bewegung der 1970er und 1980er Jahre gestellt. Sowohl die Rolle der Wissenschaft als auch die Rolle von Politik und anderen sozialen Gruppierungen werden kritisch hinterfragt. Außerdem wird noch einmal Jungks Bezug zur österreichischen Bewegung deutlich gemacht, was in seiner Kandidatur 1992 für die Grünen bei den Bundespräsidentschaftswahlen mündete.

wahlkampf92.jpgGrüner Präsidentschaftskandidat 1992; Foto: unbekannt

Alternativen zu Atomenergie: Wem gehört die Sonne?

Im fünften Kapitel wird die Frage nach Alternativen zur Atomenergie beantwortet: „Die Sonne gehört allen“ beleuchtet Debatten über Solarenergie seit den 1970er Jahren und zeigt mit dem Vergleich von Deutschland und Frankreich, wie stark die öffentliche Stimmung bei dem Thema auseinander gehen kann. Außerdem wird wiederholt die anti-konsumistische Haltung Jungks deutlich.

Im letzten Kapitel „Energie für das 21. Jahrhundert“ werden Jungks Werke in Bezug auf die Gegenwart und Zukunft der Menschheit diskutiert. Inwiefern ist eine Energiewende realistisch? Inwiefern ist sie politisch erwünscht? Wo stoßen moderne Technologien an ihre Grenzen und was können wir aus der Katastrophe von Fukushima lernen? Wer Jungks Antwort auf diese Fragen wissen möchte, kann sich in Holzingers Buch auf ein paar spannende Denkanstöße und Visionen freuen.

Das Thema geht uns alle an!

Leider kommt im Buch die Meinung des Autors selbst etwas zu kurz. Auch wenn er durch die Verwendung von Zitaten seine Meinung ausdrückt, vermisst man eine persönliche Stellungnahme am Schluss. Die häufige Verwendung wörtlicher Zitate ist zu gleich eine Schwäche und eine Stärke des Buchs. An manchen Stellen sind sie hilfreich, um sich in Jungks Gedankenwelt besser einfühlen zu können. An anderen Stellen wirken sie unpassend, weil sie Aussagen wiedergeben, für die eigentlich kein Zitat notwendig wäre. Dies hinterlässt den Eindruck, als würde Holzinger sich hinter den Zitaten verstecken, was aber sicher nicht nötig ist. Die klare Gliederung in Themenbereichen und der detailreiche Schreibstil lassen die persönlichen Motive und die Stimmung der Protagonisten dieses Kapitels unserer Geschichte deutlich erkennen. Dass Österreich trotz Mangel an aktiven Atomkraftwerken nicht atomkraftfrei mit Energie versorgt wird, wird im Buch kaum diskutiert.

Insgesamt ist das Buch sehr empfehlenswert. Für jene, die sich bereits mit der Diskussion auseinandersetzen, kann es ein Ansporn sein, sich noch mehr zu engagieren. Für „Neulinge“ ist es ein wunderbarer Einstieg in ein Thema, das die Zukunft der Menschheit mitbestimmen wird. Auch die der österreichischen.

Die Autorin ist Mitglied im Online-Redaktionsteam des Paulo Freire Zentrums. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.


Hans Holzinger: Sonne statt Atom. Robert Jungk und die Debatten über die Zukunft der Energieversorgung von den 1950er-Jahren bis heute. Salzburg: JBZ-Verl., 2013. ISBN 978-3-902876-17-1.

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