Die aktuelle Ausgabe des Journal für Entwicklungspolitik reflektiert Chancen und Grenzen der Integration von Entwicklungsländern in globale Produktionsnetzwerke und zeigt die ambivalenten Konsequenzen dieses Prozesses für die Entwicklungsaussichten einzelner Sektoren und Regionen auf.Die globale Ökonomie hat sich in den letzen drei Jahrzehnten tiefgreifend verändert. Im Rahmen postfordistischer Globalisierungsprozesse kam es nicht nur zu einer weitreichenden Reorganisation der Produktion, sondern auch zu dramatischen Veränderungen der räumlichen Strukturen der Weltwirtschaft. Die neue internationale Arbeitsteilung ist durch die Zerlegung der Produktion von Waren und Dienstleistungen an verschiedene Orte gekennzeichnet. Geographisch weit gestreute Produktionsnetzwerke weisen Staaten einen bestimmten Platz in der Wertschöpfungskette zu. Dies hat große Auswirkungen auf die Entwicklungsagenda von Staaten, Regionen und Unternehmen.

Im internationalen Diskurs wird die Integration von Entwicklungsländern in globale Produktionsnetzwerke als prinzipiell positiv und wünschenswert angesehen. Im deutschsprachigen Raum ist das Thema hingegen kaum präsent. Das aktuelle JEP 2-2009 mit dem Titel Global Commodity Chains and Production Networks. Understanding uneven development in the global economy möchte daher zu einer kritischen und differenzierten Auseinandersetzung mit globalen Güterketten und Produktionsnetzwerken anregen.
Präsentation des JEP mit internationalen Gästen
Am 8. Juni 2009 lud der Mattersburger Kreis für Entwicklungspolitik zur Präsentation des Heftes. Die HerausgeberInnen Leonhard Plank und Cornelia Staritz, die auch die Moderation der Veranstaltung übernahmen und ihre eigene Forschungsarbeit präsentierten, diskutierten mit dem Wirtschaftsgeographen Martin Hess von der University of Manchester und Jeffrey Henderson, Professor für Internationale Entwicklung an der University of Bristol. Die internationale Besetzung des Podiums spiegelt die besondere Qualität der einzelnen Heftbeiträge wider, für die renommierte WissenschafterInnen von Universitäten und Forschungseinrichtungen aus unterschiedlichen europäischen und außereuropäischen Ländern gewonnen werden konnten.
Der dreigliedrige Aufbau der Präsentation spannte den Bogen vom Allgemeinen zum Konkreten. Zuerst führte Cornelia Staritz in die Thematik ein und arbeitete die qualitativen und quantitativen Aspekte der globalen Umbrüche in Ökonomie und Politik heraus. Die verstärkte Herausbildung globaler Produktionsnetzwerke ist nicht zuletzt im Kontext der Schuldenkrise der 1980er Jahre zu analysieren, die in vielen peripheren Ländern zu einer Abkehr von einer importsubstituierenden Entwicklungsstrategie zugunsten eines stärker exportorientierten Entwicklungsmodells führte. Doch entgegen der hegemonialen Sichtweise hat die neue internationale Arbeitsteilung für viele Entwicklungsländer nicht zu der erhofften wirtschaftlichen Entwicklung geführt. Dies ist durch die asymmetrischen Markt- und Machtstrukturen in den Netzwerken zu erklären. In der wissenschaftlichen Debatte entstanden seit den frühen 1990er Jahren zahlreiche Ketten- und Netzwerkansätze, die die weltwirtschaftlichen Veränderungen konzeptionell zu erfassen versuchen. Doch inwieweit, so lautet die zentrale Frage des JEP, können diese Ansätze dazu beitragen, ungleiche Entwicklung angemessen zu analysieren und zu verstehen?
Ketten- und Netzwerkansätze in der Theorie
Martin Hess diskutierte in seinem Redebeitrag drei zentrale Ketten- und Netzwerkansätze und lieferte damit das analytische Handwerkszeug für die weitere Auseinandersetzung mit der Thematik. Der Ansatz Globale Warenketten (Global Commodity Chains/GCC) baut auf der Weltsystemtheorie auf und fokussiert vor allem auf Unternehmen und den Nationalstaat als Schlüsselakteure. Hauptaugenmerk liegt dabei auf der Frage, wie industrial upgrading, also Aufwertung innerhalb der Wertschöpfungskette, erreicht werden kann. Im Ansatz der Globalen Wertschöpfungsketten (Global Value Chains/GVC) rücken Governance-Strukturen und regionale Entwicklung in den Mittelpunkt der Analyse. GVC verfeinert GCC-Analysen und interessiert sich besonders für die Verflechtungen zwischen einzelnen Firmen einer Wertschöpfungskette, während institutionelle Fragen eher vernachlässigt werden. Als analytisch brauchbarsten Ansatz skizzierte Hess jenen der Globalen Produktionsnetzwerke (Global Production Networks/GPN), da dieser über die beiden erstgenannten Ansätze hinausgeht und alle zivilgesellschaftlichen AkteurInnen als integrale Elemente im Wertschöpfungsprozess miteinbezieht. GPN richtet den Blick verstärkt auf asymmetrische Machtverhältnisse innerhalb von Produktionsnetzwerken und stellt diese in einen breiteren politökonomischen Zusammenhang.
und in der Praxis
Im dritten Teil der Präsentation wurden die bis dahin sehr theoretischen Ausführungen um konkrete Praxisbeispiele ergänzt. Zuerst referierte Jeffrey Henderson über den industrial upgrading Diskurs am Beispiel der malaysischen Elektronikindustrie. Er zeigte, dass globale Produktionsnetzwerke Unternehmen auch in einer untergeordneten Position festhalten können und keineswegs automatisch zu upgrading führen, wie vielfach argumentiert wird. Die zunehmend unkritische Sicht auf Produktionsnetzwerke als positive Entwicklungsfaktoren kritisierte auch Leonhard Plank in seinem Vortrag über den Bekleidungssektor in Zentral- und Osteuropa. Die ambivalenten Konsequenzen der neuen internationalen Arbeitsteilung für Staaten, Unternehmen und ArbeiterInnen arbeitete er am Beispiel Rumänien heraus. Dort resultierte die Integration des Bekleidungssektors in europäische Produktionsnetzwerke im Rahmen der 1998 ausgelaufenen Outward Processing Trade (OTP)-Abkommen zwischen Rumänien und der EU sogar in einem downgrading lokaler Firmen.
Die Schlussfolgerungen der DiskutantInnen dominierte das gemeinsame Plädoyer für die Notwendigkeit, internationale Produktionsnetzwerke in ihrer Komplexität und Ambivalenz zu erfassen und sowohl ihre positiven als auch ihre negativen Effekte zu berücksichtigen. Es ist wünschenswert, dass die AutorInnen mit ihren differenzierten Analysen frischen Wind nicht nur in die deutschsprachige, sondern auch in die internationale Diskussion bringen.
Das Buch ist zu bestellen unter office@mattersburgerkreis.at
Die Autorin ist Mitglied des online-Redaktionsteams des Freire Zentrums.