
Mit ihrer 2009 im Ulrike Helmer Verlag erschienenen Aufsatzsammlung zu Paradoxien und Perspektiven von Frauenrechten in der Globalisierung möchte die deutsche Soziologin Christa Wichterich einen Beitrag zur sozialen Ungleichheitsforschung und Gerechtigkeit leisten. Am 21. Oktober 2009 wurde das Buch in Wien im Rahmen einer Podiumsdiskussion erfragt.
Geschlecht ist ein zentrales Ordnungsprinzip, das soziale Ungleichheit organisiert. Über soziale Ungleichheit zu reflektieren, bedeutet gleichzeitig, Fragen nach sozialer Ordnung und Machtverhältnissen zu stellen. Ungleichheitsanalysen sind daher immer auch Machtanalysen, die sich mit der Forderung nach sozialer Gerechtigkeit verbinden.
Christa Wichterich schreibt über Macht im Geschlechterverhältnis, über Frauenbewegungen und Frauenrechte in der Globalisierung. Gleich, gleicher, ungleich ist ein politisches Buch, das fortbestehender Geschlechterungleichheit eine feministische Antwort entgegensetzt und klar Position bezieht: für Frauen im Allgemeinen, für Frauen in den Ländern des Südens im Speziellen.
Dabei geht es Wichterich nicht nur um die Gleichheit von Frauen und Männern, sondern um eine tiefgreifende Transformation von gesellschaftlichen Spielregeln und Machtstrukturen, die immer neue soziale Ungleichheiten produzieren.
Buchpräsentation
Ein sympathischer Modus der Buchpräsentation erwartete die BesucherInnen der von WIDE und der Grünen Bildungswerkstatt organisierten Podiumsdiskussion unter Anwesenheit der Autorin: Judith Schwentner, Frauensprecherin der Grünen, und Gertrude Eigelsreiter-Jashari, Soziologin und Geschäftsführerin von Südwind NÖ, näherten sich dem Buch fragend an und konfrontierten Christa Wichterich mit zentralen Themen und Aspekten der Aufsatzsammlung. Ursula Dullnig, WIDE Österreich, übernahm die Moderation der Veranstaltung.
Wir brauchen eine neue Frauenbewegung.
Die Idee für ein neues Buchprojekt entsteht manchmal am Küchentisch; gelegentlich bedarf es eines entscheidenden Anstoßes von außen. Für Christa Wichterich war es ein Gespräch mit Hannah Golda von WIDE Österreich, das den Impuls für die Sichtung, Überarbeitung und Zusammenstellung selbst verfasster Artikel zur Thematik gab. Wir brauchen so Hannah Golda in ihrem Vorhaben, Wichterich zum aktuellen Buchprojekt zu motivieren eine neue Frauenbewegung, die sich wieder auf das Politische im Feminismus besinnt. Wie Wichterich war auch Golda in den 1990er Jahren aktiv an der Übersetzung der zweiten Frauenbewegung auf die internationale Ebene beteiligt.
Die zweite Frauenbewegung der 1970er Jahre setzte die Forderung nach Gleichheit im Geschlechterverhältnis auf die politische Agenda, Feminismus wurde als politisches, herrschaftskritisches Projekt gedacht. Mit dem Slogan Das Private ist politisch wurde die Grenzziehung zwischen öffentlich und privat hinterfragt und Gewaltanwendung in der Heterosexualität sowie physische Gewalt im bis dahin als privat geltenden Lebensbereich von Ehe und Familie als Ausdruck patriarchaler männlicher Strukturen analysiert. Die Anstrengungen der Frauenbewegung, männliche Gewalt gegen Frauen in Intimbeziehungen zu enttabuisieren und ihre vielfältigen Formen und Folgen zu skandalisieren, fanden mit der Anerkennung geschlechtsbezogener Gewalt gegen Frauen als Menschenrechtsverletzung auf der UN-Menschenrechtskonferenz 1993 in Wien ihren ersten Höhepunkt.
Das goldene Jahrzehnt der Frauenkämpfe
Die 1990er Jahre waren vom Erfolg der Durchsetzung von Frauenrechten in den Vereinten Nationen geprägt. Das erklärte Ziel war die Verankerung des Rechts- und Gleichheitsansatzes in UN-Dokumenten. Eine strategische Verschwisterung über Ländergrenzen und kulturelle, politische und religiöse Differenzen hinweg sollte die notwendige politische Schlagkraft für die Durchsetzung frauenspezifischer Forderungen garantieren. Aus diesem Grund wurde eine strategische Allianz zwischen Frauen unterschiedlicher Herkunft geschlossen und eine durchaus problematische Wir-Identität konstruiert, die internationale Solidarität möglich machen sollte. We want it all, we want it now.
Doch der Erfolg der Bewegung hatte seine Schattenseiten: Das Politische ist auf dem Weg durch die Institutionen verdunstet, der Preis für die Integration feministischer Anliegen in den Mainstream war die Entpolitisierung. Es setzte ein Institutionalisierungs- und Professionalisierungsprozess ein, der das wie? gegenüber dem was? privilegierte. Anstatt einer Konzentration auf Inhalte, fokussierten die gemeinsamen Bemühungen nun auf die Schaffung geeigneter Instrumente der Gleichstellungspolitik. Feministinnen, so Wichterich, sind no more agents of change.
Gleich, gleicher, ungleich
Junge Frauen haben Lebenschancen, von denen ihre Großmütter nur träumen konnten. Gender Mainstreaming hat auf staatlicher Ebene als zentrales Instrument der Gleichstellungspolitik Einzug gehalten. Vor diesem Hintergrund seien Frauenbewegungen überflüssig, meinen viele. Strukturelle Diskriminierungen in Ökonomie, Politik und Gesellschaft blieben jedoch bestehen. Wichterich spricht in diesem Zusammenhang von einer Modernisierung der Ungleichheit. Wie soll es also weitergehen?
Ist es ein feministisches Ziel, Frauen in immer mehr Führungspositionen zu integrieren? Oder gilt es nicht viel eher, grundlegende Gesellschaftskritik zu üben, die auf tiefgreifendere Systemveränderungen abzielt? Für Wichterich ist die Antwort klar. Doch in Deutschland zeichne sich, so die Autorin, in diesem Punkt ein starker Generationenkonflikt zwischen alten und jungen Feministinnen ab. Jungfeministinnen, so genannte Alpha-Mädchen, fordern Gleichheit in Karriere und Macht und berufen sich dabei auf besagten Gleichheitsgrundsatz, für dessen Verankerung die Frauenbewegung der 1990er Jahre kämpfte. Während es nun um den individuellen Aufstieg und das Ego der jungen Feministinnen gehe, stünde für Altfeministinnen stets die Solidarität im Vordergrund.
Mit ihrer Diagnose eines Generationenkonflikts hat die Autorin sicher nicht Unrecht. Entgegenzuhalten ist jedoch, dass sich die aktuelle feministische Szene in Deutschland keineswegs auf die sog. Alpha-Mädchen reduzieren lässt. Die queer-feministische Bewegung beispielsweise fand in diesem Zusammenhang keinerlei Erwähnung.
Die Autorin ist Mitglied des online-Redaktionsteams des Freire Zentrums.
Christa Wichterich: Gleich gleicher ungleich. Paradoxien und Perspektiven von Frauenrechten in der Globalisierung. Ulrike Helmer Verlag, 20.50 EUR, 240 Seiten ISBN 978-3-89741-289-7
erhältlich bei:
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