Gemüse und andere Waffen

Am Themenabend zu Ernährungssouveränität am 8. April 2013 im Wiener Südwind-Büro wurde schnell klar, dass Gemüse trotz seines harmlosen Images eine Waffe gegen unterdrückerische Nahrungsketten sein kann. Genauer gesagt, Gemüse, das auf eine bestimmte Art und Weise angebaut wird.


Was Österreich zu bieten hat

Das Thema des Abends, Ernährungssouveränität, wurde mit einem Fokus auf alternative Nahrungsketten in Österreich betrachtet. Nach einer Einführung von Claudia Stoll (Südwind) wurden vier alternative Konzepte vorgestellt: „Community Supported Agriculture“ (CSA), „Foodcoops“ (Lebensmittelkooperativen), „Dumpstern“ und Gemeinschaftsgärten. Da die Vortragenden nahe an der eigenen Praxis erzählten und das Publikum mit einbezogen, entwickelte sich eine lockere Atmosphäre, die beinahe „das Andere“, von dem sich Alternativen ihrer Natur nach abgrenzen, vergessen ließ. Dieses „Andere“, repräsentiert durch die Gemeinsame Agrarpolitik der Europäischen Union (GAP), wurde in einem kritischen Kurzfilm vorgestellt und während des ganzen Abends unbestritten als das zu bekämpfende Agrarkonzept diskutiert. Ergänzt wurde der Film durch einen kurzen Vortrag von Konrad Rehling (Südwind).

Wer an dem Abend eine hitzige Diskussion erwartete, war fehl am Platz. Es herrschte der Konsens, dass die wachstumsorientierte GAP nur für große Zwischenhändler (z.B. Supermärkte) von Vorteil sei. Die derzeitige Lebensmittelproduktion generiere, so Rehling, sowohl auf der ProduzentInnen- als auch auf der KonsumentInnenseite VerliererInnen, da ProduzentInnen von den großen Gewinnen kaum etwas abbekommen würden und die Qualität der Produkte durch den Wachstumsdruck enorme Einbußen hinnehmen müsse.

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Foto: Katrin Aiterwegmair

Community Supported Agriculture – Gemeinsam produzieren

Dies bestätigte auch Richard Mogg (Biohof Mogg). Seine Familie habe sich entschieden, eine CSA zu gründen, nachdem sich sein Vater in der konventionellen Landwirtschaft immer mehr um Marketing und Konkurrenz Gedanken machen musste, anstatt sich um seine eigentliche Tätigkeit als Landwirt zu kümmern. Durch die finanzielle Beteiligung und Mitbestimmung der KonsumentInnen an der Produktion würden die klassisch aktive Rolle von ProduzentInnen und die passive Rolle von KonsumentInnen aufgehoben. Da die Zwischenhändler wegfielen, erzielten die ProduzentInnen mehr Gewinn und müssten durch die finanzielle Beteiligung der KonsumentInnen nicht auf belastende Bankkredite zurückgreifen. Die KonsumentInnen bekämen dafür die Garantie, jenseits von Biosiegeln und Fairtrade, in eine sozial und ökologisch verträgliche Ernährung zu investieren.

Foodcoops – Gemeinsam konsumieren

In Österreich gibt es derzeit acht Foodcoops, also Kooperativen von Menschen, die gemeinsam Nahrungsmittel einkaufen. Dabei bestimmen sie nach basisdemokratischen Regeln, woher diese stammen. Bei der Wahl der Lebensmittel scheint nicht nur Regionalität und Saisonalität eine Rolle zu spielen, sondern auch, ob die Nahrung unter sozial vertretbaren Bedingungen angebaut wird. Daher kaufen viele Foodcoops ihre Nahrungsmittel bei CSA-Betrieben. Viele der Anwesenden zeigten auf, als Claudia Stoll nach der Mitgliedschaft bei Foodcoops fragte. So folgte ein reger Austausch über Erfahrungen und Ideen. VertreterInnen der Foodcoops „Möhrengasse“, „Bioparadeis“, „Vegane Foodcoop“ und andere erklärten, warum es nicht nur Spaß macht, sondern auch eine politische Aussage sei, bei einer Foodcoop dabei zu sein. Interessant war der Aspekt, dass viele Foodcoops ein Mitgliederlimit definieren, um die Basisdemokratie beizubehalten. Außerdem bedeute die Mitgliedschaft bei einer Foodcoop auch eine Zeitinvestition. Plenen, gemeinsames Kochen und längere Entscheidungsprozesse erschweren zum Beispiel für berufstätige Eltern die Mitgliedschaft, so Renate Sova (Südwind) aus eigener Erfahrung.

Dumpstern – Gemeinsam verbrauchen

Dumpstern wird in der Szene meist als das „Retten von Lebensmitteln aus dem Müll“ bezeichnet. Sophie Baumgartner (Südwind) umschrieb es lieber mit „Ausnützung eines negativen Systems“. Wie auch immer man es bezeichnet, eine kurze Recherche im Internet genügt um zu merken, dass das Interesse an Dumpstern in den letzten Jahren stark gestiegen ist. Die TeilnehmerInnen des Themenabends schienen aber viel mehr an anderen Themen Gefallen zu finden, weshalb die kurze Einführung von Baumgartner und das gedumpsterte Buffet im Anschluss nicht länger besprochen wurden.

SDC11580.JPGFoto: Katrin Aiterwegmair

Gemeinschaftsgärten – Gemeinsam anbauen

Die Diskussion über Gemeinschaftsgärten zeigte die Vielfalt der Gärten in Wien auf. So gibt es kleine Nachbarschaftsgärten, die den sozialen Aspekt des gemeinsamen Zeitvertreibs in den Vordergrund stellen, wilde „Guerilla-Gärten“, die niemandem gehören und von jeder und jedem geerntet werden können sowie große Gärten, wo es darum geht, eine stattliche Ernte hervorzubringen. Der Kommentar eines Teilnehmers, der Nachbarschaftsgärten als „niedlich“ empfindet, sie aber nicht als zielführend für Ernährungssouveränität sieht, ließ darauf schließen, dass Konkurrenzdenken auch in dieser Szene kein Fremdwort zu sein scheint. Trotzdem sei es wichtig, so Renate Sova, alle Formen des Widerstandes zu gängigen Ausbeutungspraxen in der Lebensmittelverarbeitung anzuerkennen. Denn obwohl es innerhalb der Szene manchmal so scheint, als sei die Ernährungssouveränität eine immer größere Bewegung, zeigten Statistiken das Gegenteil.

Südwind-Themenabend – Gemeinsam diskutieren und vernetzen

Um die Verbreitung und Vernetzung der österreichischen Ernährungssouveränitäts-Szene zu fördern, seien solche Themenabende wichtig, so Sova. Und tatsächlich bot der Abend vielseitige Blickwinkel und eine gute Gelegenheit zur Vernetzung zwischen bereits bestehenden Gruppen sowie zwischen daran Interessierten. Fazit des Abends: Der Kampf ums Gemüse ist zwar noch lange nicht gewonnen, aber die ernährungssouveränen Möhren und ihre Freunde wachsen – und damit auch die Aussicht auf Veränderung.

Die Autorin ist Mitglied im Online-Redaktionsteam des Paulo Freire Zentrums. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

Veröffentlicht in Entwicklungspolitik.