Gärten der Hoffnung – Teil 2

Serbiens Landwirtschaft hat zwei Gesichter: Subsistenzwirtschaft versus industrielle Produktion. Letztere wird im Namen der Entwicklung enorm propagiert und expandiert. Die Fortsetzung dieser Artikelserie erörtert den globalen wirtschaftlichen und politischen Kontext der im ersten Teil beschriebenen Lebensrealitäten der Menschen in der Region Vojvodina.


Isolation und Abhängigkeit

Die finanzielle Notlage prägt die Menschen, die auf der Türmatte der Europäischen Union leben müssen. Die streng überwachte Eingangstür zur EU ist nur einen Spalt weit offen, gerade so viel, dass sich die Blicke darauf richten, aber nur wenige passen hindurch. Diese Lebenssituation produziert vor allem bei jungen Menschen Gefühle von Exklusion und Sehnsucht.

Im Gegensatz zu den Menschen ist die Wirtschaft Serbiens keineswegs isoliert. Die Interessen der EU haben großen Einfluss auf die serbische Wirtschafts-, Sozial- und Sicherheitspolitik. Sie manifestieren sich in Exportstatistiken und neoliberalen Wirtschaftsabkommen, wie beispielsweise im Stabilisierungs- und Assoziierungsabkommen, das den Weg in die EU ebnen soll. Die Landwirtschaft ist in Serbien der bedeutendste Wirtschaftssektor, der ungefähr ein Viertel der Bevölkerung beschäftigt – mit sinkender Tendenz. Ihr Exportwert hingegen stieg von 2010 auf 2011 um etwa ein Fünftel auf 2,1 Mrd. Euro. Daher wird sie von PolitikerInnen als „Motor der Entwicklung“ bezeichnet.

Nur wem dient diese Entwicklung? Seit der Privatisierung der Landwirtschaft im Jahr 2005 steigt die Konzentration von Land in den Händen einiger weniger. So besitzen vier Serben über 100.000 ha Land, das auf den Anbau von gewinnbringenden Monokulturen für den Export wie Sonnenblumen, Zuckerrüben, Mais, Weizen, Soja und Obst (vor allem Äpfel, Pflaumen und Himbeeren) ausgerichtet ist. Zwei dieser Tycoons kontrollieren auch den serbischen Lebensmittelmarkt und schaffen so monopolistische Strukturen, welche zu einem großen Teil auch das hohe Preisniveau zu verantworten haben.

Serbiens Landwirtschaft auf dem Scheideweg

Die EU spekuliert auf das Potential Serbiens zu den „zukünftigen Niederlanden“. Es könne den Exportwert der Niederlande, deren Landwirtschaft die weltweit am meisten industrialisierte und intensivierte ist, übertreffen. Das neoliberale Projekt veranlasst unter dem Titel „Entwicklung“ eine massive Verarmung und Landflucht. Jedes vierte serbische Dorf ist vom Aussterben bedroht, bei Fortsetzung dieser Tendenz werden innerhalb von zehn Jahren 700 Dörfer verlassen sein. Aber noch gibt es eine große Vielfalt an kleinstrukturierter, naturnaher Landwirtschaft und damit verbundenes Wissen über traditionelle Sorten sowie Anbau- und Verarbeitungsweisen. Dieses Wissen und Handwerk bietet aber kaum finanzielle und soziale Anerkennung und keine Perspektiven für die Jungen.

In Secanj jedoch erleben wir bereits in Ansätzen ein Umdenken und ein Erwachen der Hoffnung, dass die Arbeit mit und am Land wieder mehr Wert erlangen könnte. Denn die wachsende Bewegung für gesunde Nahrung, ökologische Landwirtschaft und Umweltschutz in Serbien steckt zwar noch in den Kinderschuhen, das Bewusstsein scheint sich aber rasant zu entwickeln. Die wesentliche Frage ist nun, welche Richtung sie einschlägt. Die Lebensmittelindustrie vereinnahmt den Bewusstseinswandel unter dem Schlagwort „Zdrava Hrana“ („Gesundes Essen“) und bereitet Serbien für den Eintritt ins „Bio-Business“ vor. Auch wenn diese Form der Massenproduktion ein wenig ökologischer ist, zukunftsfähig im Hinblick auf den Erhalt des Ökosystems und der Lebensgrundlage der Menschen ist sie nicht.

Globale Bewegung für Ernährungssouveränität

Eine tatsächlich nachhaltige und soziale Landwirtschaft braucht eine fundamentale strukturelle Änderung. Daran arbeitet eine weltweit aktive und wachsende Bewegung für Ernährungssouveränität. Bestehende alternative agrarische Netzwerke wie Lebensmittelkooperativen und verschiedene Formen solidarischer Landwirtschaft in Westeuropa sind eine wichtige Quelle der Inspiration für die Menschen in Serbien. Es herrscht ein großes Verlangen nach internationalem Austausch, um voneinander lernen zu können. Auch im Westen können wir viel von Serbien lernen, etwa bei der traditionellen Produktion und Verarbeitung von Gemüse und Obst. Die Kultur des Konservierens für den Winter hat dort große Bedeutung und wird noch von fast jedem Haushalt am Land gepflegt; Wissen und Handwerk, das bei uns schon fast verloren gegangen ist. Daher gibt es auch die Überlegung, in Zukunft biologisches, eingelegtes Gemüse aus Serbien über Wiener Lebensmittelkooperativen anzubieten. Solche Wirtschaftskooperationen haben das Potential, sich zu internationalen Netzwerken solidarischer Wirtschaft zu entwickeln.

Auch am Kongress für Solidarische Ökonomie, der von 22. bis 24. Februar 2013 in Wien stattfand, erfuhr der Beitrag, den Elisabeth Ettmann und ich zu unseren Erfahrungen in Serbien anboten, viel Interesse. Dieser bunte und inspirierende Kongress verdeutlichte einmal mehr, wie wichtig internationale Zusammenarbeit auf den Wegen aus der Krise des Kapitalismus ist. Auch wenn das Resultat unserer Bemühungen in Serbien noch weit von tiefgreifenden Veränderungen entfernt ist – unser Motto „Wege entstehen beim Gehen“ hat sich bereits bewährt. Aktuelle weitere Schritte sind die Suche nach finanzieller Unterstützung und die Gründung des Vereins „BaNaD“ („Bašte Nade Društvo“ / „Gärten der Hoffnung“).

Wir freuen uns über weiteres Interesse!

Die Autorin ist Mitglied im Online-Redaktionsteam des Paulo Freire Zentrums. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

Veröffentlicht in Entwicklungspolitik.