Gärten der Hoffnung – Teil 1

Mit dem Projekt „Ungleiche Vielfalt“ (2010-2012) wurde ein Prozess der gemeinsamen Suche von Wegen ländlicher Entwicklung in einer armen Region in der serbischen Vojvodina angestoßen. Elisabeth Ettmann und ich, Katrin Aiterwegmair, besuchten Serbien regelmäßig, organisierten Veranstaltungen und knüpften Kontakte – sowohl in Serbien als auch in Österreich. Die Früchte dieser Arbeit nehmen nun langsam konkrete Formen an.


Migration inspiriert

Ausgangspunkt aller Bemühungen in der Vojvodina war für Elisabeth Ettmann die Arbeit mit ex-jugoslawischen MigrantInnen in Wien. Sie interessierte sich für die Ursachen ihrer Migration und dafür, wie die Bedingungen in den Heimatländern verändert werden können. Bereits seit 2005 kennt sie Secanj, den Heimatort ihres Kollegen im Verein Im.Ausland, Djurica Nikolic. Er ermöglichte die Teilnahme der Schule Secanjs „Aleksa Santic“ am Projekt „Ungleiche Vielfalt„.

Als im Herbst 2010 eine österreichische Delegation des Projekts bestehend aus SchülerInnen, Studentinnen, Lehrerinnen und MitarbeiterInnen des Paulo Freire Zentrums Secanj besuchten, begleitete das Thema ländliche Regionalentwicklung das offizielle Rahmenprogramm und manifestierte sich in Gesprächen und Runden Tischen. Die Perspektiven der lokalen Bevölkerung waren von großem Pessimismus und Hoffnungslosigkeit gekennzeichnet. Mit dem Verlust des Glaubens an eine Veränderung durch die Politik schienen die Menschen den Glauben an jegliche Veränderung verloren zu haben. Mit den zunehmenden Besuchen und Gesprächen in Serbien wie in Österreich öffneten sich Türen der Hoffnung. Die Landwirtschaft kristallisierte sich als der Bereich heraus, der das größte Potential für den Impuls einer nachhaltigen Entwicklung birgt.

Subsistenzwirtschaft in Secanj

Der kleine Ort Secanj ist zugegebenermaßen kein touristischer Höhepunkt, mit Ausnahme des wildromantischen Flusses Tamiš, der den Ort säumt. Aber ein Aspekt im Ortsbild hat mich von Beginn an fasziniert: die mit viel Liebe und Fleiß gepflegten großen Gemüsegärten. Für die meisten BewohnerInnen Secanjs sind diese nichts Besonderes, im Gegenteil, sie stellen eher ein Armutszeugnis dar. Aufgrund des geringen Einkommens und der hohen Lebensmittelpreise ist ein großer Anteil der Bevölkerung von Subsistenzwirtschaft abhängig. Ein Prinzip unserer Entwicklungsperspektive ist die Stärkung lokaler Potentiale und Ressourcen, die viele BewohnerInnen Secanjs jedoch nicht teilten. Sie verstanden unter „Entwicklung“ große Investitionen in etwas Neues anstatt Stärkung des Vorhandenen, erwarteten große technische Innovationen anstatt sozialer und ökonomischer. Der sehnsüchtige Blick nach den Sternen lenkt ab von den Schätzen vor der Haustüre.

Aber es zeigte sich, dass unser Interesse für die traditionelle landwirtschaftliche Produktion enormen Stolz und Bestätigung in den Menschen erweckte. Dieses Empowerment merkten wir vor allem bei Frauen. Ihrer Tätigkeit, die Familie zu versorgen, wird oft wenig Anerkennung geschenkt, da diese nicht bezahlt ist. Viele Frauen wünschen sich und versuchen auch, aus der geleisteten Arbeit ein Einkommen zu erzielen. Doch die konventionelle Vermarktung von Obst und Gemüse aus einer kleinen Produktion ist aufgrund der billigen Konkurrenz aus industrieller Produktion aus dem Ausland nicht wirtschaftlich. Daraus folgte der Schluss: Alternative Wege des Wirtschaftens müssen eingeschlagen werden.

Kooperation als Ding der (Un-)Möglichkeit?

Wir sind der Meinung, dass der wirtschaftliche Nachteil des Mangels an Größe und Kapital ausgeglichen werden kann durch einen Zusammenschluss von ProduzentInnen, die Ressourcen, Wissen, Produktion und Vermarktung teilen. Im November 2012 veranstalteten wir das erste große offizielle Meeting in Secanj, an dem die Möglichkeit einer Kooperative der ökologischen Landwirtschaft diskutiert wurde. Das Interesse und die Partizipation waren groß, wenn auch begleitet von Skepsis und Zweifeln. Genossenschaften sind in Serbien kaum bekannt, mit Ausnahme der Kolchosen-artigen sozialistischen Landwirtschaftskooperativen Jugoslawiens („Zadruge“), die angesichts ihrer Größe, hierarchischen Zentralisierung und Industrialisierung nicht mit KleinbäuerInnengenossenschaften vergleichbar sind.

Serbien entbehrt einer aktiven Zivilgesellschaft und ehrenamtliches Engagement gilt als unbekannt bis verdächtig. Begriffe wie „Solidarität“ und „Kooperation“ werden im heutigen Serbien nur mit inhaltsleeren Parolen des Sozialismus assoziiert. Dementsprechend schwierig gestalteten sich besonders anfangs unsere Bemühungen, alternative Perspektiven des Wirtschaftens zu eröffnen. Unzählige Male wurde uns das Totschlagargument entgegnet, Kooperation sei in Serbien ein Ding der Unmöglichkeit. Die serbische Gesellschaft ist zerrüttet und resigniert nach einer langen Geschichte von Konflikten, Krise und Unterdrückung. Dennoch scheint die Zahl an engagierten Menschen zu wachsen, die sich zusammentun mit dem Ziel etwas zu verändern.

Die junge „Gruppe solidarischen Konsums“ („Grupe solidarne kupovine“) in Belgrad namens „Iskra“ („Funke“) will selbst bestimmen, woher sie ihr Essen bezieht. Diese Gruppe umwelt- und ernährungsbewusster Menschen trifft sich seit November wöchentlich mit steigenden TeilnehmerInnenzahlen und ist dabei, eine Lebensmittelkooperative zu gründen. Indem sie biologisches Obst und Gemüse direkt von den regionalen KleinproduzentInnen kaufen, sind diese nicht mehr von ZwischenhändlerInnen abhängig. Die Existenz der KonsumentInnengruppe vermittelt den ProduzentInnen Secanjs auch Mut und Inspiration für die Gründung einer eigenen Gruppe. Der finanzielle Anreiz ist natürlich die Grundmotivation für die Bestrebungen. Es bleibt zu hoffen, dass dieser auch den Willen für Kooperation stärken kann. Der Prozess, eine solidarisch wirtschaftende Gruppe zu gründen, zu organisieren und aufrechtzuerhalten, ist zugegebenermaßen kein leichter, aber ein essentieller auf dem Weg zu einer selbstbestimmten lokalen Entwicklung.  

Die Autorin ist Mitglied im Online-Redaktionsteam des Paulo Freire Zentrums. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

Veröffentlicht in Entwicklungspolitik.