Feiglinge, Intriganten, Folterer, Apologeten (I)

Eine WM, die über Leichen ging, eine Hinrichtungsstätte, die als
spieltauglich befunden wurde, und Foltergeneräle, die über einen
Weltmeistertitel jubeln. In einem zweiteiligen Beitrag wirft der Autor
einen etwas anderen Blick auf die Geschichte des World Cups.
Teil I: Südkorea.
Alle vier Jahre fahren die FIFA, ihre SponsorInnen und das jeweilige Veranstalterland schwere Geschütze auf, um in einer gewaltigen Image-Kampagne der Weltmeisterschaft das entsprechende öffentliche Ansehen zu verleihen. Das Kräfteverhältnis zwischen Weltfußballverband und Gastgeber hat sich dabei seit der ersten WM 1930 deutlich verschoben. Inzwischen ist die FIFA so mächtig geworden, dass sich selbst eine Wirtschaftsmacht wie Deutschland für vier Wochen unter ihre Kontrolle begeben muss. Wie der deutsche Journalist Thomas Kistner in einer eindrücklichen Reportage für das »SZ-Magazin« (nachgedruckt in der österreichischen Zeitschrift »DATUM« 4/06) ausführte, werden die WM-Städte dabei ebenso über den Tisch gezogen wie Druck auf PolitikerInnen, Behörden und lokale Wirtschaftstreibende ausgeübt wird.

Nur ein Beispiel von vielen für den Allmachtswahn der FIFA zu WM-Zeiten: Auf dem Weg von den Hotels der FunktionärInnen bis zum Stadion sollen alle Werbeflächen, ausgenommen jene der offiziellen SponsorInnen, verdeckt werden. Im Gegenzug für die kurzfristige Machtübernahme garantiert die FIFA, dass die WM nach außen hin ein durchwegs positives Bild des Gastgeberlandes und des Fußballsports abgibt. Weder die Schattenseiten des Sports, noch jene des Veranstalterlandes geraten dabei an die breite Öffentlichkeit. Gerade bei der Zusammenarbeit mit problematischen GastgeberInnen hat die FIFA eine lange Erfahrung und eine bemerkenswerte Fähigkeit zur Zusammenarbeit mit Diktatoren, FoltererInnen und MörderInnen bewiesen.

Die Todesinsel

Am 15. Juni 2002 stieg im südkoreanischen Seogwipo das Achtelfinalspiel zwischen Deutschland und Paraguay. Nach 90 Minuten stand fest, dass Deutschland dank eines 1:0-Sieges weiter im Turnier bleiben durfte. Sowohl die FIFA wie auch die Machthaber in Seoul konnten aufatmen: Die wenigsten der Milliarden WM-ZuseherInnen hatten mitbekommen, dass die Spiele in Seogwipo auf jenem Boden stattfanden, auf dem Jahrzehnte zuvor ein beispielloses Massaker seinen Ausgang genommen hatte.

Seogwipo liegt auf der Insel Jeju, auf der sich nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und dem Abzug der japanischen Besatzungstruppen Komitees der lokalen Bevölkerung bildeten. 70 Prozent der Bevölkerung von Jeju waren FischerInnen und Bauern und Bäurinnen, die weitere fremde MachthaberInnen über sich und ihre Insel ablehnten. Weder die neuen südkoreanischen HerrscherInnen noch die amerikanische Militärverwaltung waren damit einverstanden. Nach einem Aufstand auf Jeju am 3. April 1948 legten sie die Insel in Schutt und Asche und begingen staatlichen Massenmord an den EinwohnerInnen. Mindestens 30.000 Menschen fielen besonders grausamen Tötungen durch die koreanische Armee zum Opfer, Kinder wurden exekutiert, Greise zu Tode gequält und ein großer Teil der Frauen auf Jeju vergewaltigt, erschossen oder lebendig begraben.

Die Waffen für das Massaker stammten von den USA, einem Teilnehmerland der WM 2002. Noch bis in die 1990er-Jahre hinein verhinderte der südkoreanische Geheimdienst Untersuchungen zum Jeju-Massaker. Als der WM-Tross 2002 auf der Insel eintraf, war bereits viel Gras über die verbrannte Erde gewachsen und das Großereignis konnte ohne Störungen durch die Ereignisse der Vergangenheit über die Bühne gehen.


Der Beitrag erschien zuerst in Heft 22 (WM-Ausgabe) des Fußballmagazins ballesterer fm.

Lesen Sie in Teil II: Chile und Argentinien

Der Autor ist Chefredakteur des Fußballmagazins ballesterer fm und Co-Herausgeber des Buches: Rosa Luxemburg. Denken und Leben einer internationalen Revolutionärin. Wien, 2005.

Veröffentlicht in Entwicklungspolitik.