Fairer Handel „ein Tropfen auf den heißen Stein?“

Fair Trade verzeichnet enorme Wachstumsraten, ökologische
Nachhaltigkeit ist in aller Munde. Im Zentrum der Podiumsdiskussion,
die am Montag, 26. Mai 2008 im Gürtelbogen 36 stattfand, stand die
Frage nach Reichweite und Leistung der "Einkaufsrevolution".
Faires Einkaufen hat in den letzten Jahren einen Boom erlebt. Immer mehr Unternehmen achten auf ein ethisch und ökologisch vertretbares Image. Was kann die Beachtung ethischer und sozialer Aspekte bei der Kaufentscheidung tatsächlich verändern? Wo liegen die Grenzen? Den Fragen nach ethischem Konsum und sozialer Verantwortung gingen in der Podiumsdiskussion Traude Novy, Gründungsmitglied von Fair Trade Österreich, Eva Dessewffy von der Abteilung Internationale Wirtschaft der Arbeiterkammer (AK) und Franz Fiala vom Verbraucherrat des Österreichischen Normungsinstituts nach. Pia Lichtblau, Landessekretärin der Jungen Generation Wien (JG), moderierte die Veranstaltung, die vom Arbeitskreis Nachhaltigkeit der JG organisiert wurde.

"Es ist chic, Fair Trade zu kaufen"

Traude Novy berichtete von Anfängen und Entwicklung des fairen Handels in Österreich. "Entwicklungshelfer" hätten aufgrund ihrer Erfahrungen mit Produktionsbedingungen in der Landwirtschaft in den Ländern des Südens vor 15 Jahren die "3.Welt-Läden" gegründet. Vom "ersten Kaffee und ersten Orangensaft im Regal" bis zu den heutigen professionellen Weltläden sei es jedoch ein langer Weg gewesen. Vor einigen Jahren habe ein Wandel eingesetzt, den Novy auf drei Gründe zurückführte: die gute Öffentlichkeitsarbeit von Fair Trade, ein gesamtgesellschaftlicher Wandel hin zu mehr Qualität und ein Lebensstilwandel. In bestimmten Kreisen sei es "chic" geworden, Fair Trade Produkte zu kaufen. 2006 habe Fair Trade ein Umsatzplus von 60% verzeichnen können.

Trotzdem sei Fair Trade, so Franz Fiala, "ein Tropfen auf den heißen Stein" in einem Umfeld, in dem hinter Nachhaltigkeit vor allem wirtschaftliche Interessen stünden. Novy war jedoch davon überzeugt, dass die Wirkungskraft von Fair Trade weit über den reinen Gewinn hinaus reiche. Viel wichtiger sei es nämlich, Bewusstsein über Produktionsbedingungen und den eigenen Lebensstil zu schaffen. Fair Trade biete dazu einen "einfachen Zugang" und konkrete Handlungsansätze. Auf die Frage "Kann Shopping die Welt verbessern?", Titel der Veranstaltung, antwortete Novy jedoch mit einem klaren "Nein".


Franz Fiala, Traude Novy, Pia Lichtblau und Eva Dessewffy
(v.l.n.r., Photo: Katharina Auer)

Eva Dessewffy gab zu bedenken, dass ein Bewusstseinwandel hin zu ethischem Konsum wohl nur in der Schicht der "Bildungsbürger", mit über dem Durchschnitt liegendem Einkommen und Bildung, stattgefunden habe. Zur Unterstützung des fairen Handels könnte man versuchen, bestimmte Themen in Verhandlungen mit der WTO einzubringen, meinte sie. Zollfreiheit für fair gehandelte Güter oder der Abbau von Zöllen für verarbeitete Produkte aus den Entwicklungsländern stellten zwei solcher Themen dar.

"Geiz ist geil" welche Rolle spielt der/die KonsumentIn?

Franz Fiala sah der Möglichkeit zur Bewusstseinsbildung durch Konsum enge Grenzen gesetzt. "Geiz ist geil" sei der Slogan, mit dem KonsumentInnenverhalten seiner Meinung nach am ehesten beschrieben werden könnte. Mehr als faire Produktionsbedingungen interessierten biologischer Anbau und Gesundheit. Dass trotz Bewusstsein der KonsumentInnen kein verantwortungsvoller Konsum entstehe, verdeutlichte er anhand des Versagens des Mehrwegsystems. Trotz "idealer Voraussetzungen" Werbung, keine Mehrkosten, etc. hätten KonsumentInnen Plastikflaschen bevorzugt.

Dies mache deutlich, meinte Pia Lichtblau, dass verantwortungsvoller Konsum durch politische Regulierung unterstützt werden müsse. Ohnehin sei es "fahrlässig" zu glauben, durch Konsumentscheidungen könne ausreichend Druck ausgeübt werden, um etwas zu verändern, so Novy. Eine "lebendige Zivilgesellschaft" habe den Auftrag, mehr zu tun als bloß zu konsumieren.

Seitens der AK sei man überzeugt, so Dessewffy, dass bewusster Konsum "ein nützlicher Beitrag [sei], aber in Grenzen". Arbeitsrechte und Handel würden von großen internationalen Organisationen, wie WTO und ILO, bestimmt, deren Zielsetzungen sich allerdings bis zu einem gewissen Grade widersprechen würden.

Wer kann was beitragen?

Das Publikum beteiligte sich lebhaft an der Diskussion: Wie könnte das Normungsinstitut fair gehandelte Produkte unterstützen? Ist Fair Trade auch Bio und trotz langer Transportwege nachhaltig? Und schließlich: Wer hat die Macht etwas zu verändern?

Fiala stellte klar, dass eine Normung keine politische Regulierung sei, sondern eine verbindliche gesetzliche Regelung zur Festsetzung von Produktstandards, die auf globaler, europäischer und nationaler Ebene verhandelt werde. Internationale Interessen, wie der Abbau von Handelshemmnissen, spielten dabei eine wichtige Rolle.

Kleinbäuerliche Kooperativen, das Verbot von Kinderarbeit und die Schonung der Umwelt seien einige der Regeln, nach denen das Fair Trade Siegel vergeben werde, erklärte Novy. Obwohl viele "faire" Produkte auch "Bio" seien, sei Fair Trade kein Gütesiegel für biologischen Anbau. Zur Frage, ob es faire Ananas oder Mangos geben sollte, meinte Novy, man müsse sich überlegen, auf bestimmte Dinge aus Gründen der Nachhaltigkeit zu verzichten. Regionalen Handel zu bevorzugen sei eine politische Entscheidung. Fair Trade habe es sich unter anderem zum Ziel gesetzt, politisches Bewusstsein unter Partnerkooperativen im Süden zu fördern.

Die Meinungen gingen schließlich über die Frage, wer nun unfaire Handelsbeziehungen tatsächlich verändern könne, auseinander. KonsumentInnen seien wichtig, meinten einige, ihre Macht jedoch beschränkt. Politische Parteien wurden zum Handeln aufgefordert und auch die Gewerkschaften sollten sich der Herausforderungen einer globalisierten Welt stellen. Die Medien, welchen ebenfalls eine wichtige Rolle zugesprochen wurde, sollten wirtschaftskritische Themen aufnehmen. Und schließlich sollte die EU die Verhandlungsposition der Entwicklungsländer nicht durch bilaterale Economic Partnership Agreements (EPA) schwächen. Vielleicht würde eine Kombination aus einer "wachen Zivilgesellschaft", Position beziehender politischer Parteien und einer Zusammenarbeit mit NGOs am ehesten zum Ziel führen.

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Veröffentlicht in Entwicklungspolitik.