„Es gibt keinen Müll, es gibt nur Recyclingmaterial“ – die Catadores in Brasilien

Die Bewegung der MüllsammlerInnen hat sich in Brasilien zu einer der wichtigsten Bewegungen des Landes entwickelt. Ihre Situation – nicht zuletzt im Lichte der bevorstehenden Fußball-Weltmeisterschaft (WM) – war zentrales Thema des Austauschtreffens der Dreikönigsaktion mit Luciano Marcos und Jaqueline Rutkowsky am 9. Oktober 2013.Eigentlich ist „MüllsammlerInnen“ die falsche Bezeichnung für jenes Phänomen, das am Mittwochabend in gemütlicher Atmosphäre beim Austausch- und Vernetzungstreffen im Büro der Dreikönigsaktion (DKA) besprochen wurde. In Brasilien, so erklärten Ute Mayrhofer und Thomas Zobernig von der DKA, verwende man den Begriff des Catador de material reciclável – kurz Catador, also des/der SammlerIn von recycelbarem Material. Warum diese in Österreich weniger bekannte Bezeichnung treffender ist, wurde im Gespräch mit den brasilianischen Gästen Luciano Marcos und Jaqueline Elizabeth Rutkowsky schnell klar.

Marcos ist Berater der DKA und von HORIZONT 3000 sowie Mitbegründer der Nichtregierungsorganisation (NGO) „Instituto Nenuca de Desenvolvimento Sustentável“ (INSEA). Die NGO arbeitet mit Kooperativen von Catadores vorwiegend im Bundesstaat Minas Gerais zusammen. Rutkowsky ist Mitarbeiterin bei INSEA und beschäftigt sich zudem mit Solidarökonomie.

Die Bewegung der Catadores

In Brasilien habe sich das Müllsammeln besonders in den 1970er und 80er Jahren infolge der hohen Arbeitslosigkeit für viele Menschen zu einer wichtigen Überlebensstrategie entwickelt, so Rutkowsky. Die Organisierung dieser SammlerInnen habe bereits Ende der 80er Jahre begonnen, aber erst mit dem ersten nationalen Kongress der Catadores im Jahre 2001 hätten der Zusammenschluss zu Kooperativen sowie der Dialog auf regionaler, nationaler und zum Teil auch internationaler Ebene verstärkt werden können. Diese Entwicklung habe die Arbeitssituation der Catadores entscheidend verbessert, erklärte Rutkowsky. So sei das Sammeln von Recyclingmaterialien heute eine offiziell anerkannte Beschäftigung, seit 2003 fände sogar jährlich ein Treffen der Catadores mit dem Präsidenten bzw. der Präsidentin statt. Aber obwohl die Catadores bereits zu einer der wichtigsten Bewegungen des Landes geworden seien, bleibe ihre Situation schwierig. An vielen Orten Brasiliens gebe es nach wie vor keine Kooperativen und selbst für jene, die sich organisieren, sei die Bezahlung schlecht. Eine wirkliche Anerkennung der Berufsgruppe bleibe bis heute aus.

Alles ist recycelbar

Dabei sei die Arbeit der Catadores sehr wichtig, so Marcos. Das Müllwachstum in Brasilien sei enorm und es werde viel diskutiert, wie man diesem Problem begegnen könne. Zurzeit regle man in der Müllverwertung noch vieles per Hand, aber eine Übernahme des europäischen Modells mit seiner Müllverbrennungs-Technologie werde immer wahrscheinlicher. Eine solche Entwicklung sei aber äußerst problematisch, kritisierte Marcos. INSEA setze sich daher für ein Verbot dieser Technologien und eine Stärkung des Recyclings durch menschliche Arbeit ein. Dafür gebe es mehrere Gründe: Ökologisch gesehen würden für das Recycling weniger Energie und weniger Rohmaterialen benötigt, als für die Verbrennung. Denn besonders bei Nassmüll (z. B. Bioabfällen) brauche es für die Verbrennung zusätzliches Trockenmaterial wie zum Beispiel Holz. Das Handrecycling spare zudem viel Geld und trage zum Erhalt und zur Schaffung von Arbeitsplätzen bei. Eine Optimierung des derzeitigen Systems sei allerdings wichtig. Denn während zurzeit lediglich drei Prozent des Mülls recycelt würden, wäre ein Recycling von bis zu 82% möglich.

Um diese Situation zu verbessern, sei eine stärkere Sensibilisierung der Bevölkerung für die Mülltrennung und für verantwortungsbewussten Konsum dringend notwendig, erklärten Rutkowsky und Marcos. Zwar gebe es in Brasilien bereits ein Gesetz, das die Trennung von Nass- und Trockenmüll vorsehe, dennoch bleibe viel zu tun. Mit Hilfe von Theater-, Musik- und Volksbildungsprojekten versuchten verschiedene Kooperativen und INSEA daher das Recycling, die Reduktion und die Wiederverwendung von „Müll“ zu propagieren. Zudem kämpfe INSEA für die Anerkennung des Recyclingwissens der Catadores als Sozialtechnologie und eine finanzielle Aufwertung der Arbeit. Manche Stadtregierungen würden die wichtige Funktion der Catadores bereits anerkennen, diese Erfolge müssten aber noch wachsen.

Die WM 2014 – eine WM der Catadores?

In einigen Monaten wird in Brasilien die Fußball-WM stattfinden. Sie biete gute Chancen zur Schaffung von Verdienstmöglichkeiten und Verbesserungen im Bereich der Infrastruktur, der Bildung, des Tourismus und der Müllsituation, erklärte Rutkowsky. Bis heute sei davon aber nichts geschehen. Viele Kooperativen hätten erwartet, in das Müllmanagement der WM einbezogen zu werden. Nun deute aber alles darauf hin, dass die Catadores – so wie auch die sozialen Bewegungen – in den Sperrzonen um die Stadien nicht zugelassen werden. Zwar gebe es Überlegungen, einige wenige Catadores während der Spiele in den Stadien arbeiten zu lassen, dies sei aber nur als punktuelle Aktion angedacht, die lediglich ein Marketing-Gag großer Unternehmen wie Coca Cola zu sein scheine, erzählte Rutkowsky. Im weiteren Tourismusbereich rund um die WM habe man die Kooperativen in der Planung bislang völlig ignoriert.

Für viele Catadores habe sich die Situation sogar verschlechtert. Brasilien wolle sich als „entwickeltes“ Land präsentieren und auf der Straße lebende Menschen und der große informelle Sektor würden dabei schlecht ins Bild passen. Durch repressive Politiken werde nun versucht, diese Menschen von öffentlichen Plätzen und aus besetzten Gebäuden an die Stadtränder zu drängen – auch mit Gewalt. Dies, so Rutkowsky, treffe besonders jene Catadores hart, die noch nicht in Kooperativen organisiert sind, da viele von ihnen informell tätig seien und auf der Straße lebten.

Und so bestätigt sich erneut: Die WM 2014 ist zwar die WM von Brasilien, aber nicht die WM der BrasilianerInnen – auch nicht die der Catadores.

Die Autorin ist Mitglied im Online-Redaktionsteam des Paulo Freire Zentrums. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

Veröffentlicht in Entwicklungspolitik.