Welche Ernährungs- und Landwirtschaftspolitik wollen wir und wie können Änderungen aussehen? Darum dreht sich das Konzept der Ernährungssouveränität. Am 11. Juni 2013 fand an der Universität für Bodenkultur eine Podiumsdiskussion zu den Chancen und Grenzen von Ernährungssouveränität statt.Die Podiumsgäste der regen Diskussion waren Philipp Aerni von der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich, Ulrich Brand von der Universität Wien, Irmi Salzer von der „Österreichischen Berg- und Kleinbäuer_innen Vereinigung“ (ÖBV Via Campesina) und Rudi Vierbauch von „BIO Austria„.
Vorrang lokaler Beziehungen
„Ernährungssouveränität“ wurde erstmals 1996 auf der Welternährungskonferenz in Rom als Gegeninitiative zum Konzept der multilateralen Institutionen wie der Food and Agriculture Organization (FAO) der Vereinten Nationen vorgestellt, erklärte Salzer. Während diese Institutionen nur auf Ernährungssicherheit abzielten, gehe es bei der Ernährungssouveränität nicht nur darum, dass jedeR genug zu essen habe, sondern auch um die Souveränität derer, die produzieren oder weiterverarbeiten und derer, die konsumieren. Das bedeute, dass Menschen gemeinsam und demokratisch entscheiden sollen, welche Art der Landwirtschaft und Ernährungspolitik sie möchten. Dies, so Salzer, müsse auf lokaler und regionaler Ebene geschehen. Der Welthandel könne nicht so schnell demokratisiert werden, wenn aber lokal produziert und konsumiert würde, sei dies auf kleiner Ebene möglich. Dazu müsse sich auch die europäische Agrarpolitik ändern und landwirtschaftliche Märkte müssten reguliert werden, da diese nicht über das Gesetz von Angebot und Nachfrage funktionieren könnten. Das derzeitige System sei absurd, teuer und ruiniere die Landwirtschaft in Europa und im globalen Süden.
Man müsse aber auch sehen, dass alternative Regionalmärkte nur aufgrund der Errungenschaften der Globalisierung möglich seien, entgegnete Aerni. Eine robuste Infrastruktur sowie funktionierende Kommunikationssysteme und Kühlketten seien Vorraussetzungen dafür. Der Versuch, in Kenia solche Alternative Food Networks aufzubauen, sei gescheitert, da eben diese Dinge fehlten. Es sei also wichtig, die Politik an die jeweiligen Länder anzupassen.
Zudem müsse man auch erwähnen, dass zum Beispiel der Agrarschutz in der Schweiz nicht zu mehr Souveränität, sondern zu mehr Importabhängigkeit geführt habe, ergänzte Aerni. Heute gebe es dort weniger Bauern und Bäuerinnen als zuvor. Neuseeland hingegen habe seit den 1980er Jahren seine Agrarsubventionen weitgehend abgeschafft, auf Liberalisierung gesetzt und sehr gute Erfahrungen damit gemacht. Neue Technologien und Innovationen spielten eine wichtige Rolle dabei, die Wohlfahrt zu steigern und Umweltprobleme zu lösen. In der Precision Agriculture zum Beispiel sei Neuseeland den EuropäerInnen meilenweit voraus. Diesen Innovations-Aspekt höre man in der Debatte um Ernährungssouveränität selten.
Weg von dichotomen Vorstellungen
Die ÖBV spreche sich weder gegen Forschung, noch Innovation, noch den internationalen Handel aus, erläuterte Salzer. Es sei aber entscheidend, welchem Zweck das alles diene. Mehr zu produzieren sei nicht nötig, man müsse nur anders verteilen. Zudem müssten die Interessen der ProduzentInnen im Mittelpunkt stehen, nicht die der InvestorInnen.
Ernährungssouveränität stelle kein Modell dar, sondern sei Teil einer breiteren Auseinandersetzung, erklärte Brand. Der Begriff sei auch nicht dichotom, indem sich auf der einen Seite Ansätze der Ernährungssouveränität und auf der anderen die große, globalisierte Landwirtschaft fände. Vielmehr existierten zahlreiche Grautöne dazwischen. So sei Ernährungssouveränität nicht nur eine Antagonistin zu Vorhandenem, sie könne auch eine Korrektur von jenen Veränderungen sein, die bereits existieren, aber noch zu kurz greifen und nicht mit Logiken brechen. Als Beispiele könne man die Agrarwende in Deutschland oder den Begriff der „Grünen Ökonomie“ nennen.
Probleme, Chancen und Anknüpfungspunkte
Auch biologische Landwirtschaft habe sich schon früh mit Ernährungssouveränität auseinandergesetzt, erzählte Vierbauch. Da sie aber in ein System eingebettet sei, das für die konventionelle Landwirtschaft entwickelt wurde, sei die Situation für Bio-Bauern und -Bäuerinnen schwierig. Denn dieses System sei nicht auf Qualität, sondern auf billige Preise ausgerichtet. Es gehe hier um Ökonomie, aber nicht um Ökologie. Daher müsse man mit alten Mustern brechen, die besagen, dass günstige Lebensmittel immer besser sind. Eine Änderung des Produktionssystems, so Vierbauch, könne aber nur durch Demokratisierung geschehen. Das große öffentliche Interesse, das die Debatte um den Einsatz von Neonicotinoiden (Insektizide) erlangte, stelle eine große Chance für die Ernährungssouveränität dar. Sie zeige, dass es möglich ist, durch die Verbindung von NGOs, Gesellschaft und Medien die Agrarpolitik zu beeinflussen.
Man könne die Debatte um Ernährungssouveränität in einen noch größeren Kontext stellen, nämlich in einen Kontext der Mäßigung, so Brand. Die Frage danach, was genug ist, könne nicht nur als Pflicht, sondern auch in Bezug auf das Recht auf Suffizienz gestellt werden. Die Wachstumsproblematik biete hier eine spannende Möglichkeit, sich in die Diskussion einzuklinken. Neben Landwirtschaft und Ernährung könnten auch Themen wie Mobilität, Kommunikation, Kleidung und vieles mehr Anknüpfungspunkte sein. Zudem biete sich eine Chance, das Verhältnis von Stadt und Land sowie die Arroganz des Urbanen gegenüber dem Ländlichen zu überdenken und zu überwinden. Der Begriff Ernährungssouveränität stamme schließlich aus der Kampferfahrung von Kleinbauern und -bäuerinnen in Lateinamerika, die sich gegen den Großgrundbesitz stellen, und daraus lasse sich lernen.
Es gehe auch nicht nur um die Forderung nach gutem Essen, sondern um ein gutes Leben für alle und darum, Gesellschaften umzubauen, ergänzte Salzer. Ernährungssouveränität sei da nur ein Baustein von vielen und es sei wichtig, sich auch mit anderen Bewegungen solidarisch zu zeigen.
Die Autorin ist Mitglied im Online-Redaktionsteam des Paulo Freire Zentrums. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.