Entwicklungszusammenarbeit dekolonisieren – ein Paradoxon in sich?

Kann man Entwicklungskooperation und humanitäre Hilfe dekolonisieren oder werden diese Praktiken immer von der „soft power“ (dt. sanfte Macht) hegemonialer europäischer Strukturen geprägt bleiben? Was sind überhaupt koloniale oder rassistische Aspekte in dominierenden Modellen der EZA und humanitärer Hilfe?

Gemeinsam mit der pan-afrikanischen Bewegung Africans Rising organisierte das Vienna Institute for International Dialogue and Cooperation (VIDC) den Workshop „Decolonise development cooperation and aid” (dt. Entwicklungszusammenarbeit und -hilfe dekolonisieren) am 15. März im Albert-Schweitzer-Haus. Dabei sollte die Erfahrung aus Wissenschaft und Praxis von in diesem Bereich tätigen Organisationen zusammengebracht und im geschützten Rahmen diskutiert werden. Den Input dafür gaben Speaker*innen aus dem Globalen Süden und Norden gemeinsam und regten damit die Reflexion der Teilnehmer*innen an.

Der Ton macht die Musik.

 Eine respektvolle und sensible Wortwahl ist aus verschiedenen Gründen relevant, wenn wir über Themen wie Kolonialismus oder Entwicklungspolitik sprechen: Historische Ungerechtigkeiten, ungleiche Machtverhältnisse und kulturelle Dominanz haben unauslöschliche Spuren hinterlassen. Allein der Begriff Entwicklung vermittelt eine einseitige und stereotype Darstellung in Bezug auf Gesellschaften oder Länder. Er impliziert eine eurozentrische Perspektive gegenüber den Menschen im Globalen Süden, die mit einer immanenten Abwertung verbunden ist. Eine Teilnehmende regte eine Diskussion um das Vokabular und die Bilder an, die wir sowohl im privaten als auch wissenschaftlichen Kontext benutzen, wobei wir uns immer fragen müssten: Wessen Interessen verfolgen wir? Aus welcher Perspektive betrachten wir eine Region oder eine Herausforderung? Wodurch wird die eigene Handlungsweise angetrieben, durch die Nachfrage, den Auftrag oder die Spendenerlöse?

Durch koloniale Strukturen sozialisiert.

Im Anschluss an den initialen Input von Speaker*innen aus Nord und Süd diskutierten Kleingruppen zentrale Themen und stellten diese anschließend im Forum vor. Dabei kam die Frage auf, ob der Verstand von Personen, die in der EZA tätig sind, durch koloniale Strukturen geprägt ist. Inwieweit ist es notwendig oder machbar, aus diesen Strukturen auszubrechen, die institutionalisierte und gelernte EZA umzuformen und auf ein ganz neues Fundament zu stellen? Zunächst sei es wichtig, sich bewusst zu machen, welche Machtverhältnisse und Strukturen in der EZA wirken und wie diese historisch gewachsen sind. Eine Dekolonisierung erfordere eine kritische Reflexion und Überprüfung der eigenen Denkmuster und Vorannahmen, sowie die Bereitschaft, die Perspektiven und Bedürfnisse von Menschen aus ehemals kolonisierten Ländern und Gemeinschaften ernst zu nehmen. Auch die Strukturen der eigenen Organisationen müssten kritisch hinterfragt werden, so eine Forderung aus einer Kleingruppe. Ein Beispiel dafür sei die Zusammensetzung der Team- und Vorstandsmitglieder der Organisationen.

Echte Philanthropie oder Heuchelei?

Im zweiten Teil des Vormittags gab es eine Fishbowl-Diskussion. Abschließend konnte jede*r Teilnehmende das Wort ergreifen und eigene Ideen und Handlungsempfehlungen aussprechen. Die Teilnehmenden waren motiviert, ihr eigenes Wissen weiterzugeben und unter den NGOs zu teilen. In Bezug auf Wissen wurde aber auch eine andere Dimension angesprochen, denn gerade Wissenspraktiken indigener oder marginalisierter Gruppen aus ehemals kolonisierten Staaten müssten mehr Aufmerksamkeit erhalten. Eine Entkolonisierung der EZA erfordert die Anerkennung und Zentrierung des Wissens und der Perspektiven indigener Völker und lokaler Gemeinschaften. Dazu kann gehören, sich mit traditionellen Wissenssystemen auseinanderzusetzen, diese in EZA-Projekte zu integrieren, die Rechte und die Souveränität indigener Völker anzuerkennen und die Projekte damit auf ein alternatives Fundament zu heben.

Viele Entwicklungs- und Hilfsprogramme basieren auf „westlichen“ Entwicklungsmodellen, die davon ausgehen, dass Wirtschaftswachstum und technischer Fortschritt universell anwendbar seien. Dabei wird allerdings die Tatsache ignoriert, dass lokale Gemeinschaften eigene Werte und Lebensweisen besitzen. Die Filmemacherin Katharina Weingartner erzählte vom Beispiel der durch Mücken übertragenen Tropenkrankheit Malaria, die durch lokale Gemeinschaften bereits seit jeher mit pflanzlichen Heilmitteln bekämpft wurde. Die damit geschaffene natürliche Immunität sei jedoch durch weiße, christliche Missionare zerstört und lokales Wissen abgewertet worden. Übertragbar sei das Beispiel heute auf die Bill und Melinda Gates Stiftung, die sich u.a. zum Ziel gesetzt hat, Krankheiten entgegenzuwirken. Allerdings konzentrieren sich ihre philanthropischen Bemühungen auf afrikanische Länder und stützen westliche Konzepte und Praktiken, ohne lokale Kontexte und die Bedürfnisse lokaler Gemeinschaften ausreichend zu berücksichtigen. Diese hierarchische top-down Handlungsweise in der „Entwicklungshilfe“ vervollständige das Bild des „White Saviorism“ (dt. weißes Rettertum), das sich auf die Tendenz von wohlhabenden, westlichen Philanthrop*innen und Wohltätigkeitsorganisationen bezieht, sich als Retter*innen von Bedürftigen in vermeintlich armen Ländern zu inszenieren.

Weniger reden, mehr handeln.

Durch die theoretische Linse Paulo Freires kann Befreiungspädagogik dabei hilfreich sein, eine kritische Perspektive auf Machtstrukturen und Ungerechtigkeit einzunehmen. Sie fordert globale Solidarität und betont die Befähigung zur Selbstbefreiung und Selbstbestimmung. Sie erkennt auch die Bedeutung von Kultur und lokalen Traditionen an und betont die Notwendigkeit, lokale Wissenssysteme und Erfahrungen in die eigene Arbeit zu integrieren. Außerdem erfordert eine solche Perspektive auch, historische Ereignisse der Kolonisierung anzuerkennen, etwa die Ausbeutung von Ressourcen oder die Verantwortung westlicher Länder bei der Entstehung und Aufrechterhaltung kolonialer Strukturen. Der Schriftsteller und Politikwissenschaftler Alexander Behr thematisierte das Prinzip globaler Solidarität, das nur etabliert werden könne, wenn wir die imperiale Lebensweise überwinden. Globale Solidarität basiere auf einer Idee der internationalen Zusammenarbeit und des Zusammenhalts, die aus der Anerkennung der Interdependenz und Gleichheit aller Menschen und Gesellschaften heraus resultiert. Er forderte eine Neudefinition von Solidarität, die nicht auf nationale Grenzen beschränkt sei und die Verantwortung der globalen Gemeinschaft für die Überwindung globaler Herausforderungen anerkenne. Konkret bedeute das für Länder und Gesellschaften im Globalen Norden, Verantwortung für die Auswirkungen ihres Handelns auf Länder und Gesellschaften im Globalen Süden zu übernehmen. Kollektiv waren sich die Teilnehmenden darüber einig, mehr zusammenzuarbeiten, zu reflektieren und vor allem eins: schnell zu handeln!

Wir müssen das Rad nicht neu erfinden.

 Schnell zu handeln bedeute, einen Prozess des Wandels anzustoßen, aktiv zu werden und dabei auf bereits vorhandenen Strukturen aufzubauen – nur eben einmal mehr das Handeln auch kritisch zu hinterfragen und nicht nur zu adaptieren. Dabei wurde konkret die Aufforderung formuliert, vor allem Personen, die im Fundraising (dt. Spendensammeln)- oder Kommunikationssektor von Organisationen tätig seien, zu schulen, um der gewollten oder ungewollten Reproduktion von Stereotypen keinen Vorschub zu leisten. Eine Teilnehmende arbeitete dabei vier Bereiche für Organisationen heraus, in denen konkreter Handlungsbedarf und ständige Reflexion notwendig seien: bei der Konzeption von EZA-Projekten, bei der Auswahl von Expert*innen hinsichtlich ihres Hintergrunds, beim Storytelling und der Sprachauswahl und bei der Finanzierung und Annahme von Fördermitteln. Mit den Worten „let’s get it done“ (dt. Lasst es uns anpacken) und „don’t be lazy“ (dt. sei nicht faul) konnte aus dem Workshop damit viel Handlungspotenzial, kritischer Inhalt zum Nachdenken und Inspiration zum Kooperieren mitgenommen werden.

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Veröffentlicht in Entwicklungspolitik, Entwicklungsforschung, Globale Ungleichheiten.