Entwicklung ist …? (VIII)

Das Freire-Zentrum bat eine Reihe von Personen, ihre Vorstellungen
eines integrierten Entwicklungsbegriffs in kurzer Form zu präsentieren.

FJRW150_2.jpgFoto: Franz Josef Radermacher

Entwicklung ist ein komplexer Prozess. Im heutigen Sprachgebrauch ist
Entwicklung im Vergleich eines Status Quos zu sehen, der, was die
erfolgreichsten Staaten bereits erreicht haben, vor allem Zugriff auf
Wissen, Technologie, Infrastruktur, Ressourcen etc. beinhaltet.

Von
dem ökonomisch erfolgreichen, finanziell und militärisch starken
Zentrum der Weltökonomie gehen starke Zwänge auf zurückliegende Staaten
aus, sodass Entwicklung zur Notwendigkeit wird, fast zu einem Akt der
Selbstverteidigung.Und bei Entwicklung geht es oft nicht darum, jemandem zu helfen, es geht darum, jemanden nicht systematisch zu benachteiligen und auszubeuten.

Im Kern jeder Entwicklung steht heute die volle Entwicklung humaner Potentiale im Sinne von Wissen, Verstehen, Ausbildung, verknüpft mit der Verfügbarkeit entsprechender Technologien und Infrastrukturen.

Dies kann in einem richtig verstandenen Vertrag durch Kooperation erreicht werden, in einer Weise, dass man gemeinsam die Umwelt schützt und gemeinsam reicher wird, wobei der aufholende Teil über deutlich schnellere Wachstumsraten aufschließt zu dem reicheren Teil.

Dies ist wohl die einzige Möglichkeit, Weltfrieden, Ausgleich, Nachhaltigkeit zu realisieren. Die Erweiterungsprozesse der Europäischen Union, als bestes und am besten gelungenes Globalisierungsbeispiel, zeigen, dass das möglich ist.

Indem allerdings Entwicklung ein Aufholen bedeutet, verliert der Mächtige etwas, nämlich die relative dominante Position. Rund um den Globus sitzen viele, die diese Position nicht verlieren wollen, egal was immer sie auch sagen mögen. Und deshalb blockieren sie. Deshalb liegt noch ein langer Weg vor uns, ob wir dabei erfolgreich sein werden, ist alles andere als gesichert. Wenn wir nicht erfolgreich sind, wird die Zukunft für alle düster aussehen.

Der Autor ist Mathematiker und Wirtschaftswissenschafter, Mitglied zahlreicher Kommissionen und Beiräte in Industrie und Politik, Vorstandsvorsitzender und wissenschaftlicher Leiter des Forschungsinstituts für anwendungsorientierte Wissensverarbeitung Ulm.

Veröffentlicht in Entwicklungspolitik.