Das Freire-Zentrum bat eine Reihe von Personen, ihre Vorstellungen
eines integrierten Entwicklungsbegriffs in kurzer Form zu präsentieren.
Foto: Michael Schieder
Entwicklung ist – Befreiung: Befreiung aus Armut, von Abhängigkeit,
Angst und Unterdrückung. Der Mensch ist auch geschaffen sich zu freuen,
das Leben zu erfahren und zu erfassen. Nur ein Mensch, der frei von
Not, Elend, erdrückender Existenzangst und Angst vor Unterdrückung ist,
kann sich entwickeln, kann das tun, wozu und wohin ihn das Leben führt:
seine eigene Entwicklung in Würde erleben und sein Leben führen.
Beobachten Sie Kinder, wie diese sich freuen und am Leben lernen,
das
Lernen freudig erfahren: nur ein Kind, frei von Angst, Unterdrückung
und Elend kann diese Freude dauerhaft erleben. Entwicklung ist für mich in erster Linie die Verminderung von Armut und die Lösung von Konflikten in gegenseitiger Würde und Achtung. Entwicklung ist das Wahrnehmen der Bedürfnisse jener Menschen, die in irgendeiner Form in Not geraten sind, nicht das Übertragen von ökonomischen, politischen oder gesellschaftlichen Modellen auf andere Personen oder Gesellschaften: also – Abkehr von der eurozentrischen westlichen politischen und ökonomischen Sichtweise von Entwicklung, doch Wahrung der Universalität der Menschenrechte. Menschen haben nicht alle und schon gar nicht immer Recht, aber immer das Recht Mensch zu sein.
Entwicklung ist vor allem eine Verteilungsfrage: die Förderung von wirtschaftlicher Entwicklung allein ist kein Garant für eine gerechte Verteilung der Güter. Jeder Mensch und jede Generation stellt die Frage nach der Gerechtigkeit neu, sehen Sie nur die demokratischen Revolutionen in Mittel- und Osteuropa in den letzten Jahren in Serbien, der Ukraine, Georgien und Kirgisien: vor allem waren dies Volkserhebungen gegen die ökonomische Ausbeutung und gegen die ungerechte Verteilung der gesellschaftlich erwirtschafteten Güter. Entwicklung und Entwicklungszusammenarbeit hat vor allem sich die Frage nach der gerechten Verteilung zu stellen und diese zu fördern. Gewalt und Konflikte passieren meist dort und zu jener Zeit, wo die Ungerechtigkeit der Verteilung von Nahrungsmitteln, Land, Gütern etc. unerträglich wird.
Gerechte Verteilung ist Eckpfeiler jeder Entwicklung.
Der Autor ist Mitarbeiter der Austrian Development Agency und dort für Serbien-Montenegro und die GUS-Staaten zuständig.