Vom 10. bis 13. Mai 2006 findet nach Guadalajara 2004 in Wien der zweite Alternativengipfel zivilgesellschaftlicher AkteurInnen der Europäischen Union,
Lateinamerikas und der Karibik statt: Enlazando Alternativas 2.

Lateinamerika erfährt dieser Tage in Wien erhöhte Aufmerksamkeit.
Kulturelle Veranstaltungen sowie politische Diskussionen über aktuelle
Entwicklungen in Lateinamerika haben Hochkonjunktur. Presseerklärungen
mit Hinweis auf den nahenden Alternativengipfel werden produziert, mehr
und mehr grelle rot-grüne Plakate mit der Aufschrift Enlazando
Alternativas 2 (EA2) füllen die Wände. Indes ist vom offiziellen Treffen der Staats- und Regierungschefinnen
und -chefs der Staaten der Europäischen Union,Lateinamerikas und der
Karibik (LAK) – 4. EU-LAC Gipfel – wenig zu vernehmen. Scheinbar ein Stück wichtiger genommen wird der EULAC Business-Summit, das Zusammentreffen der wichtigsten WirtschaftsvertreterInnen der beiden Regionen.
Wozu ein "Alternativengipfel" ?
Als kritisches Gegenprojekt zum offiziellen Gipfeltreffen richtet sich der Alternativengipfel gegen die Bestrebungen, die liberal ausgerichteten wirtschaftlichen Beziehungen (etwa der Privatisierungsdruck im Dienstleistungssektor, bei Wasser, Energie sowie im Bankenwesen) zwischen "alter" und "neuer" Welt weiter zu vertiefen und die Einbeziehung von immer mehr Bereichen in den kapitalistischen Verwertungsprozess durch europäische InvestorInnen (etwa Abholzungen oder geistige Eigentumsrechte Patente) voranzutreiben. Mexiko und Chile beispielsweise haben bereits bilaterale Freihandelsvertäge mit der EU geschlossen. Die verheerenden Folgen für einen Großteil der Bevölkerung, vor allem Kleinbauern und -bäurinnen, kleine und mittlere Betrieben, gegenüber einer von gesteigerten Exportraten profitierenden Elite nach 10 Jahren Nafta (Nordamerikanische Freihandelszone) sollten hierbei zu denken geben. Außerdem drängt die EU bei bilateralen Verhandlungen auf die Durchsetzung der sogenannten WTO-Plus Agenda, die dazu dienen soll, weitreichendere Liberalisierungsforderungen als bei herkömmlichen WTO-Bestimmungen durchzubringen.
Im offiziellen Diskurs wird hingegen, wie beispielsweise durch die EU-Kommissarin für Außenbeziehungen und Nachbarschaftspolitik der EU, Benita Ferrero-Waldner, signalisiert, dass neben rein wirtschaftlichen vermehrt auch soziale Belange berücksichtigt würden. Aufgrund der historischen Verbundenheit der zwei Regionen sei die EU in der besonderen Position, mit LAK nach Jahren der sozialen Ausgrenzung in Richtung eines sozialen Zusammenhalts zu arbeiten.
In der inhaltlichen Vorarbeit des Alternativengipfels werden Schlagwörter wie diese aufgegriffen und die offizielle Rhetorik und Logik mit der Realität bisheriger Wirtschaftspolitiken und deren Auswirkungen konfrontiert und Widersprüche deutlich gemacht. Besagte Schlagwörter, Begriffe wie regionale Integration, soziale Kohäsion, Freihandel, Globalisierung, Entwicklung, Nachhaltigkeit, Menschenrechte, Kriminalität, Migration, Terrorismus, etc., sollen somit in neuem Licht erscheinen, bzw. von alternativen Konzepten abgelöst werden. Diese alternativen Konzepte sollten schließlich Anstoß dazu geben, die Devise enlazando alternativas Alternativen zu verbinden, einzulösen, und zwar inter- und intrakontinental, ohne die Implikationen für das Eigene oder das Globale zu vernachlässigen.
Enlazando alternativas
Gerade der Blick von Europa aus über den Äquator zeigt, dass es bereits gelebte sowie utopische Alternativen zu einer von Schuldenrückzahlung und Strukturanpassungsprogrammen bestimmten, exportorientierten, vom Weltmarkt abhängigen Wirtschaftsform mit ungleicher Einkommens- und Ressourcenverteilung gibt: auf Solidarökonomie beruhende Betriebe in Brasilien, Venezuela und Argentinien, Landlosenbewegungen, der Bolivarianismo in Venezuela, erste Verstaatlichungsmaßnahmen in Bolivien, Autonomien in Chiapas, Mexiko, auf Kooperation aufbauende Handelsräume und nicht zuletzt die kubanische Revolution. Doch all diese Alternativen bedürfen wiederum andauernder, kritischer und perspektivischer Hinterfragung.
enlazando critica
Vielfältig und möglichst ganzheitlich sollte auch die Kritik an bestehenden hegemonialen Verhältnissen ausfallen. Ist es weit genug gefasst, im Zuge des Tribunals der Völker einzelne europäische Unternehmen aufgrund von Verletzungen an Mensch und Natur anzuklagen, ohne die Problematik weitreichender, komplexer Strukturen des internationalen Finanzkapitals einzubeziehen?
Besteht der Anspruch, Alternativen zu verknüpfen, ist es unerlässlich, zuallererst vielfältige Kritik anzuhören, ernst zu nehmen, zuzulassen (auch an sich selbst), zu artikulieren, und schließlich zu vereinen. Gelingt dies in der Reflexion der und der Synthese aus Plenarveranstaltungen, Tribunalen, Foren, Workshops (siehe Programm), dann hat Enlazando Alternativas 2 auch das Potenzial, über sich hinaus nachhaltige Bewusstseinsarbeit zu leisten und nicht nur die Funktion, den Ruhm einzelner GipfelstürmerInnen genährt zu haben.
Hinweis: Die alternativas-Unigruppe wird sich jedenfalls auch nach dem Gipfel regelmäßig zusammenfinden und heißt alle Interessierten herzlich willkommen, sich einzubringen: alternativas@gmx.at
Der Autor ist Student der Romanistik und Internationalen Entwicklung.