Ein Leben für Demokratie und Solidarität – Zum Tod von Paul Singer I.

Paul Singer, ehemaliger Staatssekretär für Solidarische Ökonomie in Brasilien sowie Mitglied des Ehrenpräsidiums des Paulo Freire Zentrums, ist in der Nacht vom 16. auf den 17. April 2018 in São Paulo nach kurzer schwerer Krankheit verstorben.  Ein Nachruf von Andreas Novy. 


„Ich liebe die Demokratie,

ich liebe die solidarische Ökonomie.

Ich liebe alles, was demokratisch ist.

Demokratie macht es uns möglich,

unser Glück kollektiv aufzubauen.

Aber eben nicht nur unser Glück

– auch unser Unglück.“

(Paul Singer, 2013)

In Wien geboren zu sein, die Stadt dann aber zu verlassen, scheint beeindruckende Biographien möglich zu machen: Marie Jahoda, Gerda Lerner, Karl Popper, Karl Polanyi, Friedrich Hayek und Paul Lazarsfeld sind nur einige hervorstechende Forscherinnen und Denker des 20. Jahrhunderts.

Auch Paul Singer wurde am 24. März 1932 in Wien geboren. Am 16. April 2018 ist er in São Paulo gestorben. Mit seinem Tod verliert die Welt einen feinfühligen, aber auch unermüdlichen Kämpfer für Solidarität und Demokratie.Paul Singer stammt aus einer kleinbürgerlichen jüdischen Familie. In Erlaa im Bezirk Liesing geboren blieb er seiner Heimatstadt Wien bis zu seinem Tod verbunden; einer Heimat, die ihn mit acht Jahren vertrieb und Massenmord organisierte. Seine Kindheitserinnerungen waren trotzdem positiv; jeden Wienaufenthalt nutzte er, um Beuschel zu essen, eine wienerische Spezialität, Innereien zuzubereiten. Ich lernte Paul 2005 kennen, als er auf der österreichischen Entwicklungstagung den Hauptvortrag zu Solidarischer Ökonomie hielt. 2009 ehrte ihn die Republik Österreich und verlieh ihm das Große Silberne Ehrenzeichen.

Brasilien: Vom Exil zur Heimat.

Doch sein Lebensmittelpunkt wurde Brasilien. Die Subtropen wurden rasch vom Exil zur Heimat, 1954 nahm er die brasilianische Staatsbürgerschaft an. Seine Freunde nannten ihn niemals Paul, deutsch ausgesprochen, sondern liebevoll Paulo; mit jenem langen, gezogenen „au“ des Brasilianischen. Sprache spricht für sich. Er war ein Weltbürger, aber ganz ausdrücklich ein brasilianischer Weltbürger, geerdet in einem wunderschönen, aber zutiefst widersprüchlichen Land.

Auf das reiche, 86-jährige Leben Paul Singers zurückblickend durchzieht zweierlei sein Wirken: Einerseits die Leidenschaft für eine demokratische und solidarische Welt, die ihn bis ins hohe Alter begleitete. Dies allein ist Grund genug, in ihm ein Vorbild zu sehen, optimistisch zu bleiben, auch wenn dies dem Verstand zunehmend schwer fällt. Andererseits war er stets auch ein Grenzgänger, nirgends ganz zuhause; Gast an vielen Orten: Er war Politiker, aber kein Machtmensch; er war Lehrer, aber niemals bloß Dozent.

Paul Singer war von 1989 bis 1992 Planungssekretär in der Millionenmetropole São Paulo und von 2003 bis 2016 Staatssekretär für Solidarische Ökonomie in der brasilianischen Bundesregierung. Parteipolitisches Hickhack und Machtspiele waren ihm fremd; so fremd, dass ich seine Einschätzung gelegentlich als fast naiv, weil zu wohlmeinend, einschätzte. 1980 war er Gründungsmitglied der Arbeiterpartei PT und hatte immer eine große Bewunderung für Lula. Dies hinderte ihn nicht, die Veränderungen zu kritisieren, die durch die Regierungsbeteiligungen stattfanden. Er verurteilte die Korruption in seiner Partei und 2015, bei seinem letzten Aufenthalt in Berlin, äußerte er sich kritisch zur neoliberalen Wirtschaftspolitik von Dilma Rousseff, mit der sie ihr Wahlversprechen brach.

Auch als Politiker blieb Paul Singer immer ein Lehrer. Er führte sein Staatssekretariat, dessen Leitung er im Alter von 71 Jahren übernahm, nicht als Chef und Manger, sondern stellte seine moralische Autorität und sein Wissen in den Dienst der solidarischen Ökonomie. Er führte mit soft power, mit Überzeugung und mit Argumenten.

Akademischer Quereinsteiger und Regimekritiker.

Wiewohl Lehrer, durchlief er, der viele Jahre Universitätsprofessor an der angesehenen USP, Universidade de São Paulo, war, keine typische akademische Karriere. Er war Quereinsteiger. Seine Berufslaufbahn begann als Elektrotechniker. Dort politisierte er sich und beteiligte sich am „historischen“ einmonatigen Metallarbeiterstreik 1953 zusammen mit 300.000 Streikenden. Erst 1960 begann seine wissenschaftliche Karriere, 1966 erhielt er den Doktortitel in Soziologie, 1969 nach einem längeren Aufenthalt in Princeton, USA, wurde er Dozent. Doch im selben Jahr wurde er durch die sich radikalisierende Militärdiktatur seines Amts enthoben. Zum Verständnis aktueller Entwicklungen – von der Türkei bis hin zu Ungarn und Brasilien – ist es wichtig zu verstehen, dass die Grenzen zwischen kontrollierter Demokratie, autoritären Regimen, Diktaturen und Totalitarismus fließend sind. Während zahlreiche Regimekritiker ermordet wurden, war Paul Singer „nur“ gezwungen, seine wissenschaftlichen Tätigkeiten außeruniversitär zu organisieren. Mit Unterstützung ausländischer Geldgeber – auch hier die Gemeinsamkeiten mit aktuellen Entwicklungen – gründeten von der Universität vertriebene Wissenschaftler das CEBRAP, Centro Brasileiro de Análise e Planejamento, als unabhängige Forschungseinrichtung. Es war ein Zentrum des intellektuellen Lebens in einem durch Zensur geprägten Land. Dialog und Ernsthaftigkeit waren Leitprinzipien. Unter schwierigen Bedingungen, willkürlichen Verhaftungen und selektiven politischen Morden lieferte das CEBRAP fundierte Analysen des „brasilianischen Wunders“, das zwar hohe Wachstumsraten, aber gleichzeitig auch rasant steigende Ungleichheit produzierte. Seine dialogische, undogmatische Ausrichtung zeigt sich auch daran, dass neben vielen späteren Sympathisanten der Arbeiterpartei PT auch Fernando Henrique Cardoso, Brasiliens Präsident von 1995 bis 2002, im CEBRAP tätig waren. Pauls Frau Melanie stand politisch Cardoso nahe, während Paul dessen Politik heftig kritisierte. An ihrer Liebe änderte dies nichts.

Paul Singers Nähe zu Paulo Freires Idee der dialogischen Bildung und das Konzept der solidarischen Ökonomie beschreibt Andreas Novy im zweiten Teil seines Nachrufs. Hier geht’s zu Teil II

 

Andreas Novy ist Universitätsprofessor an der Wirtschaftsuniversität Wien und war wissenschaftlicher Leiter des Paulo Freire Zentrums. 2013 veröffentlichte er zusammen mit Paul Singer und Ana C. Fernandes The linkages between popular education and solidarity economy in Brazil: A historical perspective (In: Moulaert F et al. (eds) The International Handbook of Social Innovation. Collective Action, Social Learning and Transdisciplinary Research. Cheltenham: Edward Elgar: 384-296).

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Weiterführende Links: 

– Andreas Novys Nachruf übersetzt ins Portugiesische von Peter Naumann: https://jornalggn.com.br/noticia/uma-vida-em-prol-da-democracia-e-solidariedade-sobre-a-morte-de-paul-singer-por-andreas-novy


 

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