Städte waren immer Zentren des Lebens, der Veränderung und Gestaltung. Seit Jahrzehnten wachsen sie scheinbar unaufhaltsam, vielfach schneller als der ländliche Raum. Am stärksten zeigt sich dieser Trend in Ländern des Globalen Südens. Ob Klimawandel oder Ernährungssicherheit, die Herausforderungen unserer Zeit werden vor allem auch Städte bewältigen müssen. In diesem Kontext luden Südwind und die Stadt Wien ins Wiener Rathaus zur Tagung „Nachhaltige Entwicklung findet Stadt“ ein. Im Zentrum stand dabei die Frage: Mit welchen Herausforderungen haben Städte zu kämpfen, und welche Beiträge können Städte zur Lösung globaler Krisen leisten?
Digitalisierung als Chance?
Der erste Schwerpunkt der Tagung drehte sich um das Potential der Digitalisierung. Ian Banerjee, Stadtforscher an der TU Wien, stellte in seinem Vortrag Anwendungsbeispiele von Technologien vor. Banerjee bezeichnete sich als „Jäger und Sammler“ von Erfolgsgeschichten, er konzentriert sich also auf positive Entwicklungen. Aufgrund der Digitalisierung der letzten Jahrzehnte sei der physische Raum der Stadt kaum noch vom digitalen Raum zu trennen, so seine Ausgangsthese. Diese Entwicklung ermöglichte die Entstehung sogenannter Plattformökonomien. Damit sind Geschäftsmodelle gemeint, die wirtschaftliche Abläufe und Dienstleistungen über eine digitale Plattform organisieren und dadurch Profit machen. Beispiele dafür wären Amazon im Online Handel, Uber im Taxi- und Liefersektor oder Facebook in den Sozialen Medien. Zwar führten Plattformökonomien zu einer zunehmenden Kommerzialisierung, trotzdem würden laut Banerjee aber die Chancen überwiegen. Entscheidend sei, digitale Plattformen zu „entkommerzialisieren“ um deren „transformatives Potential“ zu nutzen. Wie das möglich ist, wollte Banerjee anhand konkreter Beispiele aus Mexiko, Indien und Taiwan zeigen. So sei etwa in Indien eine Methode eingeführt worden, mit der jede*r mit dem Handy Geld überweisen könne – ganz ohne Bankkonto. Das Projekt ermögliche über 400 Millionen Menschen eine stärkere Teilhabe an der Wirtschaft, so Banerjee.
Im Grunde stellt gerade dieses Beispiel aber auch dar, wie schwierig das „transformative Potential“ der Digitalisierung von Kommerzialisierung zu trennen ist. Generell ging Banerjee kaum auf die Probleme im Zuge voranschreitender Digitalisierung ein. Wichtige Themen wie die Verdrängung etablierter Geschäftsmodelle, die zunehmende Prekarisierung von Arbeitnehmer*innen sowie die Verbreitung unterbezahlter und unregulierter Sorgearbeit wurden nicht behandelt. . Ein Vortrag zu kritischen Perspektiven auf urbane Plattformökonomien, den Anke Strüver, Professorin für Stadtgeografie aufgrund einer Erkrankung nicht halten konnte, fehlte daher besonders. Dafür blieb aber mehr Zeit für den darauffolgenden Schwerpunkt der inklusiven Stadtentwicklung.
Zugehörigkeit braucht Zugänglichkeit.
Hannes Lagrelius widmete seinem Vortrag der Frage, wie nachhaltige Stadtentwicklung für alle gestaltet werden kann. Im Fokus müsse Inklusion und Barrierefreiheit stehen, denn Zugehörigkeit brauche Zugänglichkeit. Um diese Ziele zu erreichen, müsse man Menschen mit Behinderung direkt in die Stadtentwicklung einbinden, so Lagrelius. Als Leiter der Initiative für inklusive Stadtentwicklung der Weltblindenunion hat er darin bereits jahrelange Erfahrung. Die Initiative unterstützt Menschen mit Behinderung in ihrer Vernetzung und hat Berater-Status bei den Organisationen der UNO. Die Problemfelder seien klar: Es brauche inklusive Datensammlung, um Exklusion aufzuzeigen, sowie Bewusstseinsbildung, damit barrierefreie Designs zum Standard werden. Wesentlich seien Kampagnen um Vorurteile zu bekämpfen, und vor allem Geld, um diese Interessen durchzusetzen. Denn ohne Inklusion und Barrierefreiheit könnten Menschen mit Behinderung ihre Menschenrechte nicht wahrnehmen, betonte Lagrelius abschließend.
Nachhaltigkeit braucht sichere Versorgung.
Auch der Vortrag von Karin Küblböck, Forscherin an der ÖFSE, unterstrich die Bedeutung der stärkeren Einbindung von Betroffenen. Sie stellte ein Forschungsprojekt zur Grundversorgung der Städte Pune in Indien und Amman in Jordanien mit Wasser, Nahrungsmittel und Energie vor. Akute Herausforderungen in diesen Städten seien Wasserknappheit und extreme Wetterereignisse aufgrund des Klimawandels. In Zusammenarbeit mit lokalen Entscheidungsträger*innen und Betroffenen seien Maßnahmen entwickelt worden, um eine langfristige Versorgung sicherzustellen. Die Ergebnisse hätten die Beteiligten überrascht. Für Pune etwa wäre eine drei-jährige Dürre möglich, daher bräuchte es einen Ausbau von Wasserspeichern. Auch seien aufgrund fehlerhafter Daten problematische Praktiken wie der Anbau wasserzehrender Pflanzen weitergeführt worden. Für Küblböck zeigte das Projekt, wie wichtig der Dialog zwischen Forschenden und Betroffenen ist. Dadurch könne die Wissenschaft helfen, stärkeres Problembewusstsein zu schaffen und mögliche Falschinformationen auszuräumen.
Auf eine etwas andere Form der Grundversorgung kam Julian Baskin, Stadtplaner und Hauptberater der Cities Alliance, zu sprechen. Er hob die Schaffung von angemessenem Wohnraum als wesentliche Herausforderung vieler afrikanischer Städte hervor. Diese würden seit Jahren mit immenser Geschwindigkeit wachsen. Ein Großteil der Bewohner*innen müsse aber unter informellen Bedingungen leben und arbeiten. Ein riesiges Problem, denn: „Leben unter informellen Bedingungen bedeutet im Grunde Überleben“, so Baskin. Gerade in diesen herausfordernden Verhältnissen zeige sich die lösungsorientierte Kreativität von Menschen. So hätten Betroffene in Uganda eine Methode entwickelt, um Daten über Bewohner*innen, den Zustand ihrer Häuser und ihren Zugang zu Ressourcen zu sammeln. Ganze Stadtteile seien dadurch erstmals in offizielle Karten eingetragen worden. Darauf aufbauend könnten lokale Entscheidungsträger*innen nun treffsichere Maßnahmen umsetzen. Die Methode finde heute globale Anwendung. Daraus folgert Baskin: Planung sei nicht nur Expert*innensache, sondern müsse immer ein offener Prozess sein.
Die Stadt ist die Lösung.
Ähnlich sah es auch Sarah Habersack. Mit dem Beitragstitel „Die Stadt ist die Lösung“ gab sie eine klare Antwort auf die bisher angesprochenen Herausforderungen. Als Koordinatorin zahlreicher Projekte zu nachhaltiger Stadtentwicklung in Brasilien ist ihr das Potential urbaner Räume bewusst. Vor allem wenn nationale Regierungen versagen, könnten Städte neue Akzente setzen und Veränderung gestalten. So seien Städte eingesprungen, als die rechtsnationale Regierung unter Jair Bolsonaro während der Corona-Pandemie keine Maßnahmen setzte. Genauso hätten Städte neue Möglichkeiten der Teilhabe geschaffen, nachdem Bolsonaros Politik vor allem Frauen, Indigene, Schwarze und queere Menschen zunehmend ausschloss. Unter anderem organisierten sich Indigene und Schwarze Frauen, mobilisierten die Wähler*innenschaft und stellten Kandidatinnen in den Lokalwahlen. Dabei habe die Vernetzung unter Städten, Initiativen und Organisationen eine tragende Rolle eingenommen.
Auch seien Städte Versuchslabore neuer Ansätze, wie etwa Projekte zu grüner Infrastruktur und Klima-Resilienz. Von Aufforstung über bessere Teilhabe bis hin zu kostenlosem Nahverkehr – erfolgreiche städtische Projekte könnten weitgreifende Veränderungen inspirieren. Daher appellierte Habersack, die Bedeutung von Städten in der globalen Politik zu stärken. Städte seien nicht nur eine wichtige Alternative zu nationalem Populismus und autoritären Regierungen. Im Kontext umfassender Herausforderungen seien Städte die Lösung, denn globale Veränderung fängt im Lokalen an.
Der Autor ist Praktikant im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.
Die Veranstaltung kann bei Interesse auch nachträglich angehört werden: Auf der Website von Südwind finden sich Audiomitschnitte und die Folien der einzelnen Beiträge.
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