70 Jahre spielten Serben, Kroaten, Slowenen, Bosnier,
Montenegriner und Mazedonier in einem gemeinsamen jugoslawischen Team.
Am Höhepunkt ihrer Entwicklung wurde die Mannschaft gemeinsam mit dem Staat zerstört. In
zwei Teilen blickt der Autor auf ein einzigartiges Experiment.
Sportliche Erfolge sollten die schwierige Identifikation mit der Nation Jugoslawien vorantreiben und die Gräuel des Krieges vergessen machen. Simon Kuper beschreibt die neue Lage in seinem Bestseller »Football Against the Enemy« auf zynische Weise: »Als Jugoslawien in den 50er Jahren die Sowjetunion besiegte und die Lautsprecher auf den Straßen das Match übertrugen, begannen die Kroaten, frisch zurück vom Massakrieren der Serben und Juden, stolz auf ihren neuen Staat zu sein.« Doch das pauschale Urteil des Journalisten der Financial Times wird durch seine eigenen Recherchen relativiert: So berichtet Kuper, dass Franjo Tuđman, der spätere radikale kroatische Nationalist, nach dem Krieg ausgerechnet Präsident von Partizan Belgrad, dem Klub der jugoslawischen Armee, gewesen war. Tuđman stand in den Reihen der Partisanen, die vom Kroaten Tito angeführt wurden.
Zu den unverdauten inneren Konflikten kam ein außenpolitischer. Die Auseinandersetzung zwischen Tito und Stalin 1948 führte zum vollständigen Bruch zwischen der Sowjetunion und Jugoslawien. Vier Jahre später trafen sich beide Länder am Fußballfeld, beim Olympischen Turnier von Helsinki. Wie Kuper nacherzählt, übertrugen große Radiohäuschen die Begegnung auf die Straßen Jugoslawiens. Die Dramaturgie des Spiels hätte kaum spannender ausfallen können: Bei dichtem Regen führte Jugoslawien bis zur 75. Minute mit 5:1, doch die Sowjetunion erzielte vier Treffer in der letzten Viertelstunde und erzwang eine Neuaustragung. In dieser blieb Jugoslawien mit 3:1 siegreich, verpasste aber die Goldmedaille gegen die überragenden Ungarn. Einer der Stars im Team der Jugoslawen war Zlatko Čajkovski, genannt »Tschik«. Ihm sollte es später gelingen, als Trainer mit einem Regionalligisten namens Bayern München bis in die Bundesliga aufzusteigen und den Europacup zu gewinnen.
Die Klasse von 1987
Eine ganz eigene Tragik begleitete die Geschichte des jugoslawischen Nationalteams. Dreimal reichte es bei den Olympischen Spielen nur zur Silbermedaille: 1948, 1952 und 1956. Zweimal verloren die Jugoslawen ein Finale der Europameisterschaft, in den Jahren 1960 und 1968. 1960, bei der ersten EM überhaupt, ging es trotz einer 1:0-Führung ausgerechnet gegen die Sowjetunion in die Nachspielzeit, wo man mit 1:2 unterlag. 1968 entschied erst ein Rückspiel gegen Jugoslawien und für Italien. Und bei den Weltmeisterschaften 1954 und 1958 schieden die Jugoslawen jeweils erst im Viertelfinale aus.

1987 gewann die goldene Generation Jugoslawiens bei der U20-WM in Chile den Pokal. Mit von der Partie: Robert Prosinečki, Predrag Mijatović und Davor Suker (Photo: ballesterer fm)
Die stärkste jugoslawische Mannschaft aller Zeiten sollte aber erst
Ende der 1980er Jahre entstehen. Neben den späteren europäischen
Superstars Robert Prosinečki und Zvonimir Boban standen bei der U20-WM
in Chile 1987 auch Davor Suker und Predrag Mijatović am Feld. Diesmal
konnte Jugoslawien gar nicht anders, als Weltmeister zu werden.Gemeinsam mit Dejan Savićević, dem Torhüter Tomislav Ivković, Faruk Hadibegić und Dragan Stojković sollten die »Čileanci« (Chilenen) zur WM 1990 nach Italien fahren. Der Teamtrainer stammte noch aus der Blütezeit des jugoslawischen Fußballs der 1960er Jahre: Der herausragende Mittelfeldregisseur der EM 1968, Ivan Osim, sollte die Mannschaft bis zu ihrem Zerfall im Jahr 1992 dirigieren.
Vor dem Krieg
Osim hatte das Amt 1986 übernommen und rund um die goldene Generation eine sensationelle Mannschaft aufgebaut. Geboren in Sarajevo, der Hauptstadt des jugoslawischen Mikrokosmos Bosnien, in dem der sozialistische Staat Jugoslawien gegründet wurde, setzte Osim seine Elf aus allen Teilen des Landes zusammen. In der Offensive harmonierte Prosinečki, Sohn eines Kroaten und einer Serbin, mit dem Montenegriner Savićević und dem Mazedonier Pančev, hinter ihnen standen Kapitän Hadibegić aus Bosnien und der Slowene Katanec. Doch noch vor Beginn der WM wurde ihr Zusammenhalt von den politischen Ereignissen massiv gestört.
Als das Team am 3. Juni 1990 zum Spiel gegen die Niederlande ins Zagreber Maksimir-Stadion einlief, wurde es von 20.000 Zusehern ausgebuht. Aus den ehemaligen Fans der Nationalmannschaft waren die Verfechter eines kroatischen Separatstaates geworden, die dem gemeinsamen jugoslawischen Team feindlich gegenüber standen. Die Hymne wurde niedergepiffen, während des Spiels hagelte es Beschimpfungen für die jugoslawischen Spieler. Ein konsternierter Ivan Osim verließ das Stadion mit einer ironischen Geste: Er zeigte den pfeifenden Zuschauern den erhobenen Daumen.
Angeschlagen durch die feindliche Stimmung daheim, kämpfte sich die Mannschaft in Italien dennoch ins Viertelfinale, wo sie gegen Argentinien und Maradona eine ihrer glanzvollsten Leistungen bot. abanadović wurde in der 30. Minute ausgeschlossen, doch die Jugoslawen rannten zu zehnt völlig entfesselt gegen das Tor von Goycoechea an und vergaben mehrere hundertprozentige Chancen. Schließlich musste ein Elfmeterschießen über das Schicksal des letzten gesamtjugoslawischen Teams bei einer Weltmeisterschaft entscheiden. Stojković und Brnović vergaben, aber auch die Argentinier Troglio und Maradona. Symbolhaft für den jugoslawischen Fußball, der mit viel Einsatz, aber auch Witz gespielt wurde, jedoch fast nie zum endgültigen Erfolg führte, ist die Szene des entscheidenden Elfmeters. Im wichtigsten Moment seiner Karriere entschied sich Faruk Hadibegić dafür, seinen Penalty mit dem schwächeren rechten Fuß zu schießen, um so den Torhüter zu überlisten. Doch sein Schuss fiel zu schwach aus und Goycoechea auf den Trick nicht herein.
Verstärkt um Jugović und Mihajlović sollte die Nationalmannschaft zur EM 1992 nach Schweden fahren. Doch nach dem Kriegsausbruch in Bosnien trat Trainer Ivan Osim schweren Herzens zurück und Jugoslawien wurde auf Druck von einigen westeuropäischen Staaten, die im jugoslawischen Bürgerkrieg klar Stellung für die Separatisten einnahmen, von der Europameisterschaft ausgeschlossen. Trotzdem flogen die Spieler, unter ihnen Jugović und Savićević, als Vertreter ihres Landes nach Schweden. Beim Umsteigen auf einem Schweizer Flughafen wartete der bosnische Kapitän Hadibegić auf sie: Um seine ehemaligen Mitspieler auf einen Kaffee einzuladen und ihnen Glück zu wünschen. Es sollte das letzte Zusammentreffen einer gesamtjugoslawischen Mannschaft sein.
Mitarbeit: Tatjana Kojic
Zum Thema sind einige sehenswerte Dokumentarfilme erschienen:
»The Last Yugoslavian Football Team« von Vuk Janic (NL 2000, 85 Min., OmeU)
»11 Freunde« von Miklos Gimes und Michele Andreoli (CH 1998; 55 Min., Deutsch)
»Fudbal, nogomet i jo poneto« von Igor Stoimenov (SRB 2007, 229 Min., Serbokroatisch)
Der Beitrag erschien zuerst in Heft 29 des Fußballmagazins ballesterer fm.
Der Autor ist Redakteur des Fußballmagazins ballesterer fm und Co-Herausgeber des Buches: Der junge Marx. Philosophische Schriften. Wien, 2007.